{"id":10137,"date":"2024-07-21T14:55:00","date_gmt":"2024-07-21T12:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=10137"},"modified":"2024-08-31T15:38:29","modified_gmt":"2024-08-31T13:38:29","slug":"bregenz-tancredi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2024\/07\/21\/bregenz-tancredi\/","title":{"rendered":"Hosenrolle neu gedacht"},"content":{"rendered":"<p>Sein viertes Musikdrama \u201eTancredi\u201c z\u00e4hlt zu den weniger bekannten ernsten Opern Rossinis, die au\u00dfer beim Festival in Pesaro selten aufgef\u00fchrt werden. Allemal achtbar hat sich Regisseur Jan Philipp Gloger der dankbaren Aufgabe angenommen, das St\u00fcck auf die Bregenzer Festspielb\u00fchne zu bringen, wo solche Rarit\u00e4ten in kammermusikalischer kleinerer Besetzung traditionell ihren Platz finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine junge Frau namens Amenaide soll in diesem St\u00fcck einen Mann heiraten, den sie nicht liebt. Ihr Vater \u2013 hier ein Mafioso im Drogengesch\u00e4ft \u2013 dr\u00e4ngt sie dazu, um den Zusammenhalt mit einer verfeindeten Familie zu st\u00e4rken, die sich vom selben Feind bedroht sieht. Amenaide aber tr\u00e4gt bereits eine andere tiefe Liebe im Herzen: Tancredi ist ihre Geliebte. Geliebte? Ist der Titelheld denn nicht ein Mann? Eigentlich schon, allerdings in Hosenrolle. Warum also sollte die vorgesehene Mezzosopranistin nicht einmal als Frau erscheinen, womit die Liebe, um die es hier zentral geht, eine gleichgeschlechtliche ist, auch wenn die Geschichte mit einem m\u00e4nnlichen Tancredi genauso gut funktioniert h\u00e4tte? Wer will, kann diese Variante als das Bem\u00fchen deuten, Oper vielf\u00e4ltiger, diverser oder woker zu machen, oder auch einfach nur einem lesbischen Publikum Identifikationsfiguren zu bieten, die das Musiktheater anderweitig nicht hergibt. Jedenfalls funktioniert die Geschichte ohne Verrenkungen und radikale Eingriffe, die Rossini zuwiderlaufen w\u00fcrden. Ben Baurs B\u00fchne zeigt eine gelungene Kombination alter Architektur und moderner M\u00f6blierung, mit antiken Rundb\u00f6gen eines alten Palazzos und heutig eingerichteten Wohnr\u00e4umen samt K\u00fcche und Fitnessstudio.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Amenaide um ihre Liebe k\u00e4mpft und sich bem\u00fcht, der Geliebten bis zum tragischen, t\u00f6dlichen Ende ihre Treue zu beweisen, singt und spielt M\u00e9lissa Petit mit ihrem schlank gef\u00fchrten, h\u00f6hen- und koloraturensicheren Sopran ausgezeichnet. Anna Goryachova in der Titelrolle steht ihr mit ihrem f\u00fclligen, warmen Mezzo in nichts nach. Unweigerlich leidet man mit, wie sie \u00fcber so lange Strecken unn\u00f6tig leidet, in der festen \u00dcberzeugung, die Freundin w\u00fcrde sie hintergehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht minder exquisit sind die m\u00e4nnlichen Hauptpartien besetzt: Antonino Siragusa gef\u00e4llt mit seinem hellen, in allen Lagen agilen, geschmeidigen Tenor als lange Zeit gnadenloser Vater. Andreas Wolf gibt mit seinem Bassbariton \u00fcberzeugend einen h\u00f6chst r\u00fcden Freier Orbazzano. Als Amenaides Vertraute Isaura ist in kleinerer Rolle Mezzosopranistin Laura Polverelli eine der sch\u00f6nsten Arien in der Oper mit einem bezaubernden Klarinettensolo vorbehalten. Auch sie verf\u00fcgt \u00fcber eine gro\u00dfe Stimme, allerdings auch \u00fcber ein orgelndes Vibrato.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider wackelt es h\u00e4ufig zwischen B\u00fchne und Graben, vor allem bei \u00dcberg\u00e4ngen und auf Strecken endlos langer Koloraturen. Selten einmal sind der Prager Philharmonische Chor und die S\u00e4nger mit den Wiener Symphonikern auf den Schlag zusammen, was auf Dauer von drei Stunden erm\u00fcdet und zeigt, dass es der so leichtf\u00fc\u00dfig daherkommende Rossini doch ziemlich in sich hat. Zudem feilt Dirigentin Yi-Chen Lin zu wenig an der Dynamik, an farblichen Schattierungen und am Ausdruck, sodass die Musik sehr gleichf\u00f6rmig erscheint. Die sch\u00f6nsten Momente in der Musik bescheren rundum die erstklassigen Bl\u00e4sersolisten, die der Reihe nach ihren Auftritt haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Kirsten Liese<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eTancredi\u201c (1813) \/\/ Melodramma eroico in der Ferrara-Fassung<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">Bregenz \/ Bregenzer Festspiele (Juli 2024)<\/span><\/br> Rossinis Fr\u00fchwerk \u201eTancredi\u201c im Festspielhaus<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":10138,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,1702],"tags":[],"class_list":["post-10137","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2024-05"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Bregenzer-Festspiele_Tancredi-c-Bregenzer-Festspiele-Karl-Forster.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Bregenzer-Festspiele_Tancredi-c-Bregenzer-Festspiele-Karl-Forster.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Bregenzer-Festspiele_Tancredi-c-Bregenzer-Festspiele-Karl-Forster-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Bregenzer-Festspiele_Tancredi-c-Bregenzer-Festspiele-Karl-Forster-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Bregenzer-Festspiele_Tancredi-c-Bregenzer-Festspiele-Karl-Forster-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Bregenzer-Festspiele_Tancredi-c-Bregenzer-Festspiele-Karl-Forster-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"21. 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