{"id":10327,"date":"2024-12-07T19:50:00","date_gmt":"2024-12-07T18:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=10327"},"modified":"2024-12-20T15:15:06","modified_gmt":"2024-12-20T14:15:06","slug":"wien-der-prozess","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2024\/12\/07\/wien-der-prozess\/","title":{"rendered":"Der wilde Tanz des Josef K."},"content":{"rendered":"<p>\u201eSie erleben jetzt die Generalprobe!\u201c Ein Raunen geht durch das Publikum, das erwartungsvoll auf den Beginn der Premiere von Gottfried von Einems Oper \u201eDer Prozess\u201c wartet. Intendant Stefan Herheim f\u00e4hrt launig fort: \u201eEin Virus hat uns in der letzten Woche lahmgelegt. Daher war ein kompletter Durchlauf bis jetzt nicht m\u00f6glich. Sehen Sie bitte \u00fcber ein paar Stolperer hinweg \u2013 wir sind selbst gespannt.\u201c Doch von Unsicherheiten merkt man in den n\u00e4chsten eineinhalb Stunden nichts. Im Gegenteil: Die Rasanz des St\u00fccks ist bemerkenswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Sensationserfolg \u201eDantons Tod\u201c pr\u00e4sentierte Gottfried von Einem 1953 seine zweite Oper, basierend auf dem Romanfragment von Franz Kafka. Das Werk konnte nicht an den Erfolg anschlie\u00dfen und wird bis heute selten gespielt. Das liegt sicher nicht an der Musik, die sich nicht atonal, sondern beschwingt, mit satten Jazzkl\u00e4ngen angereichert und in vielen Farben schillernd \u2013 oft im Gegensatz zu den bedr\u00fcckenden Ereignissen des Librettos \u2013 in die Ohren der Zuh\u00f6rer schmeichelt. Vielmehr sind es die verwirrenden Szenen, die zwar den Schrecken einer pl\u00f6tzlichen Verhaftung und die Hilflosigkeit des Opfers vorf\u00fchren, aber \u2013 wie bei Kafka \u2013 fragmentarisch bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Herheim hat keine leichte Aufgabe, dieses Werk in Szene zu setzen. Mit schwungvollen Regieeinf\u00e4llen treibt er alles auf die Spitze, verl\u00e4sst das typisch d\u00fcstere Kafkaeske und pr\u00e4sentiert eine wilde Revue, die auch kantige Sexszenen nicht scheut. Gespielt wird eine in der Corona-Pandemie entstandene Fassung, f\u00fcr ein kleines Orchester arrangiert von Tobias Leppert \u2013 ideal f\u00fcr eine B\u00fchne wie jene der Wiener Kammeroper. Das stets hervorragend disponierte Klangforum Wien unter Dirigent Walter Kob\u00e9ra ist auf der hinteren B\u00fchne platziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Gottfried von Einem wurde mehrfach von der Gestapo verh\u00f6rt und konnte sich daher gut in die Psyche von Josef K. hineinversetzen. Genau hier setzt Herheim an. Josef K. hat in dieser Inszenierung im ersten Teil eine frappierende \u00c4hnlichkeit mit dem Komponisten und taumelt oft wie im Fieberdelirium \u00fcber die B\u00fchne. Nach der Pause ist er ein versch\u00fcchterter junger Mann, der immer hilfloser seinem Untergang entgegenwankt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Besetzung wurde auf neun Personen reduziert. Einige Darsteller \u00fcbernehmen Doppelrollen, was manchmal verwirrend ist. Doch letztlich ist es unwichtig, wer wer ist, denn jeder \u2013 auch das Publikum \u2013 kann T\u00e4ter oder Opfer sein. Es gibt nur eine Frauenrolle: Anne-Fleur Werner \u00fcberzeugt mit massivem K\u00f6rpereinsatz und singt, auch im knappen Dessous, tadellos. Unter den Stimmen der jungen S\u00e4nger stechen Talente hervor, die man sich merken sollte: Alexander Grassauer, Timothy Connor, Valentino Blasina, Lukas Karzel, Philipp Sch\u00f6llhorn und Leo Mignonneau. Der gr\u00f6\u00dfte Applaus aber muss Robert Murray als Josef K. gelten. Kraftvoll t\u00f6nt der Tenor des Briten, der die Rolle mit Komik, Bravour und Verzweiflung gestaltet. Vom Virus, das das Ensemble niederstreckte, sp\u00fcrt das Publikum nichts. Daf\u00fcr bedankt es sich mit herzlichem Applaus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Susanne Dressler<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDer Prozess\u201c (1953) \/\/ Oper von Gottfried von Einem<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.theater-wien.at\/de\/spielplan\/saison2024-25\/1297\/Der-Prozess\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website des MusikTheaters an der Wien<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">Wien \/ MusikTheater an der Wien (Dezember 2024)<\/span><\/br> Gottfried von Einems \u201eProzess\u201c als Opernbeitrag zum Kafka-Jahr <\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":10328,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,1803],"tags":[],"class_list":["post-10327","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2025-01"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/MusikTheater-an-der-Wien_Der-Prozess-c-Herwig-Prammer.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/MusikTheater-an-der-Wien_Der-Prozess-c-Herwig-Prammer.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/MusikTheater-an-der-Wien_Der-Prozess-c-Herwig-Prammer-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/MusikTheater-an-der-Wien_Der-Prozess-c-Herwig-Prammer-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/MusikTheater-an-der-Wien_Der-Prozess-c-Herwig-Prammer-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/MusikTheater-an-der-Wien_Der-Prozess-c-Herwig-Prammer-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"7. 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