{"id":10659,"date":"2025-04-14T17:40:52","date_gmt":"2025-04-14T15:40:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=10659"},"modified":"2025-04-30T13:21:00","modified_gmt":"2025-04-30T11:21:00","slug":"dresden-die-weisse-rose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2025\/04\/14\/dresden-die-weisse-rose\/","title":{"rendered":"Widerstand mit Nachleuchten"},"content":{"rendered":"<p>Zu Beginn: Stille. Junge K\u00f6rper auf der B\u00fchne, mit dem R\u00fccken zum Publikum. Dann senkt sich ein Bild \u2013 schwer, stofflich, gro\u00dfformatig. Es zeigt eine Szene des Krieges: Soldaten, ein Leichenberg, in der Mitte der Schmerz. Erst getaucht in gelbes Licht, dann \u00fcberblendet in Wei\u00df, schlie\u00dflich durchtr\u00e4nkt von einem diffusen Rot. Die Szene markiert nicht nur den Anfang, sondern eine Schwelle: Diese Inszenierung der Hochschule f\u00fcr Musik Carl Maria von Weber und der Hochschule f\u00fcr Bildende K\u00fcnste Dresden denkt Erinnerung nicht als R\u00fcckblick, sondern als Bewegung durch den Widerstand hindurch.<\/p>\n\n\n\n<p>Inszeniert und neu aufgelegt wird die Urauff\u00fchrungsfassung von Udo Zimmermanns Oper \u201eWei\u00dfe Rose\u201c aus dem Jahr 1967 \u2013 keine der sp\u00e4teren \u00dcberarbeitungen, keine \u201egereinigte\u201c Kammeroper, sondern die rohe, dissonante Komposition eines damals 23-J\u00e4hrigen, erweitert um neu komponierte Chor-Interventionen der Komponistin und koreanischen Masterstudentin Ji-Young Yoo. Diese Ch\u00f6re \u2013 zwischen Zitat, Klage und kollektiver Erinnerung \u2013 bilden das pulsierende Nervensystem der Inszenierung. Und sie machen klar: Es geht nicht um Reenactment. Es geht um Haltung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das B\u00fchnenbild spielt mit Metaphern, ohne sie zu erkl\u00e4ren: Stoffbahnen, Projektionsfl\u00e4chen, ein trapezf\u00f6rmiger Container, der sich zur Gaskammer wandelt und wieder \u00f6ffnet. Die Ensemblemitglieder treten aus dem historischen Kontext heraus, vergegenw\u00e4rtigen ihn \u00fcber Sprache, K\u00f6rper, Klang. In einem Tableau vivant mit ikonografischer Anlehnung an Darstellungen der Wei\u00dfen Rose wird aus Repr\u00e4sentation eine Form von Gegenwart. Besonders eindr\u00fccklich: die Szene des Transports, in der das Publikum Zeuge einer stummen, choreografierten Gewaltspirale wird \u2013 mit reduziertem Licht, langen Schatten, einem durchl\u00f6cherten Banner mit Frauenbild. Man kann die Luft schneiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Musikalisch ist das Werk eine Zumutung \u2013 im besten Sinne. Zimmermanns Komposition wechselt zwischen Atonalit\u00e4t, Sprechgesang und eruptiver Rhythmik. Das Orchester unter der Leitung von Franz Brochhagen meistert diese Herausforderung souver\u00e4n. Und es sind gerade die Br\u00fcche zwischen Gesang, Text, Klangfl\u00e4chen, die das St\u00fcck von didaktischer Dramatik abheben. Diese Musik will nicht gefallen. Sie will st\u00f6ren, sto\u00dfen, aufbrechen. Die neu hinzugekommenen choralen Miniaturen, basierend auf Tageb\u00fcchern, Briefen und Fragmenten des urspr\u00fcnglichen Librettos, f\u00fcgen sich mit stiller Wucht in das musikalische Gewebe der Inszenierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Inmitten dieses Spannungsfelds gl\u00e4nzt die junge Besetzung. Hervorzuheben ist Bassbariton Jonathan Koch in der Doppelrolle Alexander Schmorell\/Oberarzt, der mit unvorhergesehener B\u00fchnenpr\u00e4senz auf sich aufmerksam macht. Doch es ist die Ensembleleistung, die tr\u00e4gt: kein Pathos, sondern ein ernsthafter Zugriff auf Erinnerung, der sp\u00fcrbar werden l\u00e4sst, was es hei\u00dft, sich in etwas hineinzubegeben, das gr\u00f6\u00dfer ist als man selbst. Am Ende steht nicht die Frage \u201eW\u00fcrden sie es wieder tun?\u201c, sondern: Was w\u00fcrde ich tun? Und vor allem: W\u00fcrde ich \u00fcberhaupt merken, dass es so weit ist?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Marcus Boxler<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDie Wei\u00dfe Rose\u201c (1967) \/\/ Oper von Udo Zimmermann, erg\u00e4nzt um Neukompositionen von Ji-Young Yoo<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.staatsschauspiel-dresden.de\/spielplan\/a-z\/die-weisse-rose-fassung-1967\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website des Staatsschauspiels Dresden<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">Dresden \/ Staatsschauspiel Dresden (April 2025)<\/span><\/br> Udo Zimmermanns \u201eWei\u00dfe Rose\u201c in der rohen Erstfassung <\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":10660,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,1811],"tags":[],"class_list":["post-10659","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2025-03"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Staatsschauspiel-Dresden_Die-Weisse-Rose-c-Stephan-Floss.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Staatsschauspiel-Dresden_Die-Weisse-Rose-c-Stephan-Floss.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Staatsschauspiel-Dresden_Die-Weisse-Rose-c-Stephan-Floss-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Staatsschauspiel-Dresden_Die-Weisse-Rose-c-Stephan-Floss-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Staatsschauspiel-Dresden_Die-Weisse-Rose-c-Stephan-Floss-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Staatsschauspiel-Dresden_Die-Weisse-Rose-c-Stephan-Floss-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"14. 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