{"id":10828,"date":"2025-07-14T15:16:07","date_gmt":"2025-07-14T13:16:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=10828"},"modified":"2025-07-15T20:04:46","modified_gmt":"2025-07-15T18:04:46","slug":"gdansk-die-stimme-des-monsters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2025\/07\/14\/gdansk-die-stimme-des-monsters\/","title":{"rendered":"Selbstsuche in dunklen Zeiten"},"content":{"rendered":"<p>Bekannt ist das 2023 neu gestartete Baltic Opera Festival wohl vor allem f\u00fcr die spektakul\u00e4re Naturkulisse der Waldoper von Sopot, die sich nach ihrer Er\u00f6ffnung 1909 rasch als \u201eBayreuth des Nordens\u201c etablierte. Und obwohl die Werke Richard Wagners auch in der aktuellen Inkarnation eine nicht ganz unwichtige Rolle spielen, ist der k\u00fcnstlerische Leiter Tomasz Konieczny stetig um eine Erweiterung des Repertoires bem\u00fcht. Neben den gro\u00dfen Produktionen auf der Waldb\u00fchne sticht in diesem Sommer vor allem ein neues Werk des polnischen Komponisten Alek Nowak heraus, das begleitend in der Opera Ba\u0142tycka im benachbarten Gda\u0144sk gezeigt wird und den mit Strauss\u2019 \u201eSalome\u201c begonnen roten Faden klug weiterf\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eG\u0142os Potwora\u201c (\u201eDie Stimme des Monsters\u201c) basiert auf der Autobiografie von Salomon \u201eSalli\u201c Perel, die 1990 von Regisseurin Agnieszka Holland unter dem Titel \u201eHitlerjunge Salomon\u201c verfilmt wurde. Die Geschichte eines j\u00fcdischen Jungen, der sich nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen als Deutscher ausgibt, als vermeintlicher Held sp\u00e4ter sogar in die Eliteschule der Hitler-Jugend aufgenommen wird und den Holocaust so wie durch ein Wunder \u00fcberlebt. Ein Stoff wie geschaffen f\u00fcr eine Oper. Aber ganz so einfach machen es Alek Nowak und sein Librettist Robert Bolesto dem Publikum dann doch auch wieder nicht. Denn sie verweben Perels Leben in ihrem B\u00fchnenwerk mit Motiven aus der griechischen Mythologie \u2013 im Bestreben, der Geschichte so eine universelle G\u00fcltigkeit \u00fcber das reine Zeitdokument hinaus zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bewusst n\u00fcchtern gehaltene Inszenierung von Agnieszka Smoczy\u0144ska beginnt in einem Museum, das eine Ausstellung \u00fcber die Vernichtung der Medusa vorbereitet. Protagonist ist ein namenloser Kurator, der sich mit Fortschreiten der Oper immer tiefer in den antiken Mythos hineinfantasiert: zun\u00e4chst als mutiger Perseus, bald aber als Medusa selbst, die nach ihrer Vergewaltigung durch Poseidon in die Verbannung gejagt wird. Ein Opfer, das anstelle des T\u00e4ters b\u00fc\u00dfen muss und f\u00fcr sein Verbrechen sogar in ein Monster verwandelt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob sich die Parallelen zu Perel auch ohne vorherige Kenntnis des Films oder von Perels Buch erschlie\u00dfen, ist schwer zu beurteilen. Doch mit dem n\u00f6tigen Wissen im Hinterkopf liegt klar auf der Hand, wer sich hinter dem blutr\u00fcnstigen H\u00f6llenf\u00fcrsten Hades verbirgt oder wer in der Schule der rachs\u00fcchtigen Erinnyen zum Hass erzogen wird. Und immerhin verl\u00e4sst auch Smoczy\u0144ska die stilisierte Ebene, um auf der Zielgeraden zu drastischeren Motiven zu greifen, wenn auf einer Video-Leinwand Projektionen von Kindern in Uniform auftauchen, ehe es abgeschlagene Medusa-K\u00f6pfe aus dem B\u00fchnenhimmel regnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Alek Nowak bleibt in dieser Partitur stets seiner eigenen scharfkantigen Musiksprache treu, l\u00e4sst an markanter Stelle aber ebenso jiddische Kantoren-Ges\u00e4nge oder milit\u00e4rische Marschrhythmen durchscheinen, die Dirigent Yaroslav Shemet kontrastreich herausarbeitet. Shemet h\u00e4lt Graben und B\u00fchne auch bei den gro\u00dfen Chorszenen gut in Balance und erweist sich als sichere St\u00fctze f\u00fcr Protagonist Jan Jakub Monowid. Denn der Countertenor hat die knapp 80-min\u00fctige Oper beinahe im Alleingang zu tragen und absolviert diese Tour de force mit absoluter Bravour. W\u00e4hrend sich alle \u00fcbrigen Charaktere \u2013 einer Hydra gleich \u2013 stets als mehrstimmiger Chor Geh\u00f6r verschaffen, bleibt er die einsame Identifikationsfigur f\u00fcrs Publikum und macht seine innere Zerrissenheit beklemmend sp\u00fcrbar. Ob nun als Kurator, Perseus, Medusa oder Salli, ist dabei zweitrangig. Sie alle verschmelzen in Monowids packender Interpretation zu einer einzigen Person, die in dunklen Zeiten auf der Suche nach sich selbst ist. Eine emotionale Achterbahnfahrt zwischen Trauer, Hoffnung und erster Liebe, die keinen im Saal kalt l\u00e4sst und nach kurzem respektvollem Schweigen beim Schlussapplaus umso heftiger bejubelt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Tobias Hell<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eG\u0142os Potwora\u201c (\u201eDie Stimme des Monsters\u201c) (2025) \/\/ Oper von Alek Nowak<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Gda\u0144sk \/ Baltic Opera Festival (Juli 2025)<\/span><\/br> Komponist Alek Nowak bringt die Lebensgeschichte von Salomon Perel auf die B\u00fchne<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":10829,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[1827,34],"tags":[],"class_list":["post-10828","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen-2025-05","category-rezensionen"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Gdansk_Die-Stimme-des-Monsters-c-Kinga-Karpati-und-Daniel-Zarewicz.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Gdansk_Die-Stimme-des-Monsters-c-Kinga-Karpati-und-Daniel-Zarewicz.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Gdansk_Die-Stimme-des-Monsters-c-Kinga-Karpati-und-Daniel-Zarewicz-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Gdansk_Die-Stimme-des-Monsters-c-Kinga-Karpati-und-Daniel-Zarewicz-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Gdansk_Die-Stimme-des-Monsters-c-Kinga-Karpati-und-Daniel-Zarewicz-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Gdansk_Die-Stimme-des-Monsters-c-Kinga-Karpati-und-Daniel-Zarewicz-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"14. 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