{"id":12818,"date":"2026-01-27T11:24:19","date_gmt":"2026-01-27T10:24:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=12818"},"modified":"2026-01-28T17:05:43","modified_gmt":"2026-01-28T16:05:43","slug":"mainz-der-chronoplan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/01\/27\/mainz-der-chronoplan\/","title":{"rendered":"Zu Gast bei Einsteins"},"content":{"rendered":"<p>Das Ehepaar Einstein gibt eine Party. Geladen sind auch die prominenten G\u00e4ste Richard Strauss, Max Liebermann, George Bernard Shaw und Gerhart Hauptmann. Der Hausherr wuselt herum, st\u00e4ndig muss er von ihm kreierte Roboter-Bedienstete aufziehen. Dabei will er eigentlich seine neueste Erfindung vorstellen: eine Zeitmaschine namens \u201eChronoplan\u201c. Mit ihr fahren Einstein und drei weitere Mutige in die Vergangenheit, genauer ins England des Jahres 1805. Sie treffen Lord Byron und nehmen ihn mit nach Berlin. Hier kommt es zu einem Zusammentreffen mit einer fr\u00fcheren Geliebten. Sie weist ihn zur\u00fcck und stirbt, als eine Bombe das Anwesen zerst\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese wilde Mischung aus Zeitpanorama und Zukunftsvision stammt von Alfred Kerr, dem j\u00fcdischst\u00e4mmigen Star-Theaterkritiker der Weimarer Republik. Er schrieb das Libretto f\u00fcr seine Frau Julia, die mit ihrer ersten, im Rundfunk uraufgef\u00fchrten Oper \u201eDie sch\u00f6ne Lau\u201c Eindruck hinterlie\u00df. \u201eDer Chronoplan\u201c, ihr zweites B\u00fchnenwerk, fiel dem Aufkommen des Nationalsozialismus zum Opfer, das Ehepaar musste emigrieren (\u00fcber diese Erfahrungen schrieb ihre Tochter Judith das ber\u00fchmte Kinderbuch \u201eAls Hitler das rosa Kaninchen stahl\u201c). Damit endete die musikalische Karriere der Pianistin und Komponistin abrupt. 1952 strahlte der Bayerische Rundfunk eine gek\u00fcrzte Fassung des \u201eChronoplans\u201c aus. Denn von der Partitur, die Julia Kerr bei der Flucht mitnahm, fehlen rund 100 Seiten, sie sind bis heute unauffindbar. Diese Teile rekonstruierte der Musikprofessor und Arrangeur Norbert Biermann, sodass \u201eDer Chronoplan\u201c jetzt im Staatstheater Mainz landen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Oper beginnt in Lorenzo Fioronis Inszenierung als Gesellschaftskom\u00f6die. In einem gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Saal, von dessen Decke die aus mehreren Ringen bestehende Zeitmaschine herabh\u00e4ngt (B\u00fchne und Video: Paul Zoller), finden h\u00fcbsche Interaktionen statt. Die Schlacht am Buffet, ein Skatspiel mit Strauss, der wie alle ber\u00fchmten Besucher durch einen Gummikopf erkennbar ist (Kost\u00fcme: Annette Braun), oder kleine T\u00e4nze m\u00fcnden in besagte Zeitreise. Die Fahrt, effektvoll filmisch visualisiert durch kosmische Strudel und Spots historischer Ereignisse und Personen, f\u00fchrt die Touristengruppe in eine englische Idylle, wo sich Byron und die Dame Nikoline in einem Duett anschw\u00e4rmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch ab hier \u00fcberfrachtet der Regisseur seine Ideen. Abgesehen von vielschichtigen Anspielungen, die auf die damalige Gegenwart verweisen \u2013 ein Alter Ego des Kritikers Kerr und Liebermann tragen Judensterne, ein Waffenfabrikant wird zur Karikatur eines j\u00fcdischen Finanziers \u2013 treten Au\u00dferirdische mit Atomwarnzeichen auf der Brust auf und Byron mutiert zu einem monstr\u00f6sen Fabeltier mit langem Schweif. Der dritte Akt zieht sich dann arg hin, denn bis zur Apokalypse dominieren etliche philosophisch-psychologische Diskurse, denen ein bisschen szenische Leichtigkeit gutgetan h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was ist mit der Musik \u2013 lohnt sich die Begegnung mit dem \u201eChronoplan\u201c? Genau das ist schwer zu beurteilen, weil man nur spekulieren kann, was Original-Kerr und was Rekonstruktion ist. Zu h\u00f6ren ist eine Mischung aus sp\u00e4tromantischer Opulenz samt Zitaten von Strauss, chorischer Sozialkritik im Stil von Weill, kabarettistischen Songs, dazu viel Parlando. Diese Mixtur spielt das Philharmonische Staatsorchester Mainz unter Leitung von Gabriel Venzago zwar \u00fcppig schillernd, doch zu kompakt, worunter die Textverst\u00e4ndlichkeit leidet. Das gro\u00dfe Ensemble schl\u00e4gt sich tapfer, Individualit\u00e4t k\u00f6nnen nur wenige entfalten. Genannt seien Maren Schwier als expressive Nikoline, Daniel Schliewa als tenorstarker Lord Byron und Margarita Vilsone als eifrige Journalistin. Viel Beifall f\u00fcr eine ambitionierte, wenn auch nicht restlos gegl\u00fcckte Produktion.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Karin Coper<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDer Chronoplan\u201c (entstanden 1930-32; szenische Urauff\u00fchrung 2026 posthum) \/\/ Oper von Julia Kerr, vervollst\u00e4ndigt und in Teilen rekonstruiert von Norbert Biermann<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.staatstheater-mainz.com\/veranstaltungen\/oper-25-26\/der-chronoplan-ua\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Mainz<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Staatstheater Mainz \u2022 Der Chronoplan<\/span><\/br> Rekonstruktion von Julia Kerrs wilder Zeitreise-Oper<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":12820,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2020],"tags":[],"class_list":["post-12818","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-02"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Staatstheater-Mainz_Der-Chronoplan-c-Andreas-Etter.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Staatstheater-Mainz_Der-Chronoplan-c-Andreas-Etter-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Staatstheater-Mainz_Der-Chronoplan-c-Andreas-Etter-600x169.jpg",600,169,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Staatstheater-Mainz_Der-Chronoplan-c-Andreas-Etter-1200x675.jpg",1200,675,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Staatstheater-Mainz_Der-Chronoplan-c-Andreas-Etter-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Staatstheater-Mainz_Der-Chronoplan-c-Andreas-Etter.jpg",600,338,false],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"27. 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