{"id":13330,"date":"2026-05-10T19:10:00","date_gmt":"2026-05-10T17:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13330"},"modified":"2026-05-10T22:18:00","modified_gmt":"2026-05-10T20:18:00","slug":"muenchen-codeborn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/05\/10\/muenchen-codeborn\/","title":{"rendered":"Des Kaisers Neue Musik"},"content":{"rendered":"<p>Fragt man ChatGPT, ob die oft totgesagte Oper denn noch Zukunft hat, kommt tats\u00e4chlich eine \u00fcberraschend positive Antwort: \u201eSolange Menschen Geschichten lieben, wird es Oper geben. Sie ist kein Museum, sondern eine sich wandelnde Kunstform, die in neuen Formaten aktuelle Themen aufgreift.\u201c Und beim Nachbohren, was diese neuen Stoffe wohl sein k\u00f6nnten, nennt der neunmalkluge Chatbot neben \u201eKlimakrise, Migration und queeren Identit\u00e4ten\u201c in bester Primadonnen-Manier auch gleich noch sich selbst, die \u201eK\u00fcnstliche Intelligenz\u201c, als m\u00f6gliche Protagonistin.<\/p>\n\n\n\n<p>Da k\u00f6nnte das St\u00fcck \u201eCodeborn\u201c, mit dem Katrin Beck und Manuela Kerer als neue K\u00fcnstlerische Leiterinnen ihre erste Biennale er\u00f6ffnen, durchaus den Finger in die Wunde legen. Man denke etwa an den Streik gegen KI-generierte Drehb\u00fccher, der unl\u00e4ngst ganz Hollywood lahmlegte. Oder an die Folk-Musikerin Murphy Campbell, deren Stimme von einer KI geklont wurde, ehe ihr YouTube dann sogar noch f\u00fcr ihre eigenen Videos mit einer Copyright-Klage des digitalen Doubles drohte. Eine Geschichte, wie sie problemlos einer Episode des d\u00fcsteren Netflix-Hits \u201eBlack Mirror\u201c entsprungen sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eCodeborn\u201c will laut einem Statement im Programmheft jedoch weder Utopie noch Dystopie sein. Wodurch das St\u00fcck eher zu einer Bestandsaufnahme wird als zu einer Prognose, was die Zukunft uns oder dem Musiktheater bringen k\u00f6nnte. Und dies gilt irgendwie auch f\u00fcr die Komposition von Zara Ali, die phasenweise einen Dezibel-Pegel erreicht, wegen dem schon beim Einlass prophylaktisch Ohrenst\u00f6psel verteilt werden. Was in der M\u00fcnchner Muffathalle zun\u00e4chst mit Knacken, Rascheln und elektronischem Pfeifen aus den Lautsprechern beginnt, weicht schnell gro\u00dffl\u00e4chigeren Klangschwaden. Ali setzt auf eine harte, schroffe Tonsprache, in die sich mit zunehmendem Verlauf aber auch melodischere Ankl\u00e4nge an vergangene Epochen mischen: hier eine handwerklich gut gemachte Verneigung vor Henry Purcell, dort ein bisschen Kaija Saariaho und zur finalen Stretta nochmal etwas John Adams.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies passt aber durchaus zum Thema. Denn K\u00fcnstliche Intelligenz ist momentan ja immer noch vor allem eines: gesammelte Intelligenz, die sich als diebische Elster bei den Errungenschaften anderer bedient. \u00c4hnlich wie dieses assoziationsreiche groteske Durcheinander, das vom Regieduo Florentine Klepper und Deva Schubert \u00fcberaus fantasievoll bebildert wird. Als Versuchsanordnung, in welcher der Mensch zum Analyseobjekt der KI degradiert wird. Dargeboten wird das von vier S\u00e4ngerinnen und S\u00e4ngern, deren Stimmen sich immer wieder in Extremregionen schrauben; begleitet und beobachtet von einem siebenk\u00f6pfigen Instrumentalensemble im roten Fetisch-Outfit.<\/p>\n\n\n\n<p>Da gibt es viel zu gucken und ordentlich was auf die zugest\u00f6pselten Ohren. Doch eine Geschichte, wie sie selbst von ChatGPT eingefordert wird, erz\u00e4hlt sich unter der bunten Oberfl\u00e4che leider nur bedingt. Sinnentleerte Silbenfetzen wechseln mit neurowissenschaftlichen Erl\u00e4uterungen und blumigen Sprachbildern, die sich oft bedeutungsvoller geben, als sie in Summe sind. Und Musiktheater lebt am Ende des Tages eben doch weniger von um sich selbst kreisenden Gedankenexperimenten, sondern vor allem von Emotionen. Zumindest, wenn man auch ein neues Publikum au\u00dferhalb der eigenen Bubble erreichen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Tobias Hell<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eCodeborn\u201c (2026) \/\/ Musiktheater von Zara Ali<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.muenchener-biennale.de\/de\/programm\/kalender\/codeborn\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos auf der Website der M\u00fcnchener Biennale<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> M\u00fcnchener Biennale \u2022 Codeborn<\/span><\/br> Festivaler\u00f6ffnung mit Zara Alis KI-Musiktheater<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13331,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2023],"tags":[],"class_list":["post-13330","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-03"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Muenchener-Biennale_Codeborn-c-Frol-Podlesnyi.jpg",1500,1000,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Muenchener-Biennale_Codeborn-c-Frol-Podlesnyi-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Muenchener-Biennale_Codeborn-c-Frol-Podlesnyi-600x200.jpg",600,200,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Muenchener-Biennale_Codeborn-c-Frol-Podlesnyi-1200x800.jpg",1200,800,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Muenchener-Biennale_Codeborn-c-Frol-Podlesnyi-768x512.jpg",600,400,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Muenchener-Biennale_Codeborn-c-Frol-Podlesnyi.jpg",600,400,false],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"10. 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