{"id":13355,"date":"2026-05-15T23:34:10","date_gmt":"2026-05-15T21:34:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13355"},"modified":"2026-05-15T23:34:13","modified_gmt":"2026-05-15T21:34:13","slug":"liege-bartleby-la-voix-humaine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/05\/15\/liege-bartleby-la-voix-humaine\/","title":{"rendered":"I would prefer not to."},"content":{"rendered":"<p>In der zwischenmenschlichen Kommunikation ist es nicht immer so leicht, die richtigen Worte zu finden. Das ist aktuell auch so manchem Staatsoberhaupt anzumerken. Wobei dieser Berufszweig sich nach (un-)gewollt provokanten Aussagen gerne mal missverstanden f\u00fchlt und die Schuld eher bei den wehleidigen Adressaten sucht. Vielleicht ist es da manchmal wirklich besser, sich gleich ganz rauszuhalten und Konflikten von vornherein aus dem Weg zu gehen. So wie dies etwa Bartleby, der Titelheld aus der gleichnamigen Erz\u00e4hlung von Robert Melville, tut, von dem sich Komponist Beno\u00eet Mernier zu seiner j\u00fcngsten Oper inspirieren lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich muss man sich bei der umjubelten Urauff\u00fchrung an der Op\u00e9ra Royal de Wallonie-Li\u00e8ge immer wieder selbst daran erinnern, dass Melville die skurrile Geschichte bereits 1853 ver\u00f6ffentlichte. Die n\u00fcchterne Antwort \u201eI would prefer not to\u201c ist alles, was seine B\u00fcro-Kollegen von ihm zu h\u00f6ren bekommen, wenn sie ihn um etwas bitten. Und selbst der Chefin der Anwaltskanzlei geht es da nicht anders. Los werden sie den Arbeitsverweigerer, der sich selbst immer mehr isoliert, dennoch nicht. Als er sich dann noch standhaft weigert, das Geb\u00e4ude zu verlassen, muss letztlich die Kanzlei das B\u00fcro r\u00e4umen und ihm das Feld \u00fcberlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Bartleby zum Protagonisten einer Oper zu machen, schien im Vorfeld der Premiere durchaus ein gewagtes Unterfangen. Erinnert er doch schwer an Wagner reinen Toren Parsifal, der in dem nach ihm benannten B\u00fchnenweihfestspiel ebenfalls die meiste Zeit damit verbringt, anderen zuzuh\u00f6ren. Erst in der beklemmenden Schluss-Szene erh\u00e4lt Bartleby endlich einen gro\u00dfen dramatischen Monolog, in dem Edward Nelson alle Facetten seines geschmeidigen Baritons ausspielen kann und gleichzeitig mit seiner geschliffenen Textgestaltung fesselt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ehemaliger Kommunikationsberater und Redenschreiber von Emmanuel Macron versteht sich Librettist Sylvain Fort auf eine politisch korrekte und manchmal auch absurde (Amts-)Sprache, die Melville alle Ehre macht. Aber auch die versteckte Poesie der Vorlage wird von ihm \u00fcberaus geschickt in schnell getaktete B\u00fchnendialoge \u00fcbersetzt. Womit er und Mernier auch Patrizia Ciofi als nerv\u00f6s aufgekratzter Chefin eine \u00fcberaus dankbare Rolle auf den Leib geschneidert haben. Es macht eine diebische Freude, dabei zuzusehen, wie ihr in der bildstarken Inszenierung von Vincent Boussard immer mehr das Ruder aus der Hand gleitet, flankiert von den skurrilen Slapstick-Einlagen ihrer Angestellten (Damien Pass, Santiago B\u00fcrgi und Gustave Harmegnies).<\/p>\n\n\n\n<p>Mernier kleidet seinen Einakter dazu in eine eing\u00e4ngige Tonsprache, die selbstbewusst das Erbe von Ravel und Debussy aufgreift, aber durch teils jazzige Rhythmen ebenso an Francis Poulenc denken l\u00e4sst. Da ist es nur umso logischer, den Abend durch dessen packendes Mono-Drama \u201eLa voix humaine\u201c abzurunden. Auch in diesem St\u00fcck geht es um einen recht einseitigen Dialog, wobei Regisseur Boussard mit einem interessanten Twist aufwartet: Die Protagonistin verarbeitet ihre unfreiwillige Trennung hier n\u00e4mlich nicht am Telefon, sondern erwacht neben dem leblosen K\u00f6rper ihres Geliebten. Wie und warum er ums Leben kam, bleibt bis zum Schluss offen. Denn die ph\u00e4nomenale Anna Caterina Antonacci vollf\u00fchrt einen hoch emotionalen Balanceakt, bei dem Wut und Verzweiflung mit bedingungsloser Liebe Hand in Hand gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass sie bei ihrer einsamen Traumabew\u00e4ltigung immer wieder mit zarten stimmlichen Nuancen spielen kann, geht allerdings zu gleichen Teilen auf das Konto von Karen Kamensek, die das Orchester transparent aufzuf\u00e4chern versteht. Der Dirigentin gelingt die Gratwanderung, einerseits Br\u00fccken zwischen den Klangwelten von Mernier und Poulenc zu schlagen, gleichzeitig aber beiden Partituren gen\u00fcgend Raum zu geben, um ihre individuellen St\u00e4rken herauszuarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit rund 90 Minuten Spieldauer k\u00f6nnte \u201eBartleby\u201c zwar durchaus auch f\u00fcr sich stehen. Aber gemeinsam ist man eben doch gleich etwas weniger einsam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Tobias Hell<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eBartleby\u201c (2026) \/\/ Oper von Beno\u00eet Mernier (Musik) und Sylvain Fort (Libretto)<br>\u201eLa voix humaine\u201c (\u201eDie menschliche Stimme\u201c) (1959) \/\/ Monooper von Francis Poulenc (Musik) und Jean Cocteau (Libretto)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.operaliege.be\/en\/events\/opera-bartleby-la-voix-humaine-2026\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website der Op\u00e9ra Royal de Wallonie-Li\u00e8ge<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Op\u00e9ra Royal de Wallonie-Li\u00e8ge \u2022 Bartleby \/ La voix humaine<\/span><\/br> Mit \u201eBartleby\u201c wird die neue Oper von Beno\u00eet Mernier und Sylvain Fort aus der Taufe gehoben<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13356,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2023],"tags":[],"class_list":["post-13355","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-03"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Opera-Royal-de-Wallonie-Liege_Bartleby-c-ORW-Liege_J.-Berger.jpg",1500,1000,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Opera-Royal-de-Wallonie-Liege_Bartleby-c-ORW-Liege_J.-Berger-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Opera-Royal-de-Wallonie-Liege_Bartleby-c-ORW-Liege_J.-Berger-600x200.jpg",600,200,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Opera-Royal-de-Wallonie-Liege_Bartleby-c-ORW-Liege_J.-Berger-1200x800.jpg",1200,800,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Opera-Royal-de-Wallonie-Liege_Bartleby-c-ORW-Liege_J.-Berger-768x512.jpg",600,400,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Opera-Royal-de-Wallonie-Liege_Bartleby-c-ORW-Liege_J.-Berger.jpg",600,400,false],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"15. 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