{"id":13366,"date":"2026-05-18T15:47:39","date_gmt":"2026-05-18T13:47:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13366"},"modified":"2026-05-18T15:59:55","modified_gmt":"2026-05-18T13:59:55","slug":"dortmund-wir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/05\/18\/dortmund-wir\/","title":{"rendered":"Diagnose: Seele"},"content":{"rendered":"<p>Menschen haben keine Namen, sondern Nummern. Gef\u00fchle und Tr\u00e4ume gelten als Krankheiten, ein \u201eWohlt\u00e4ter\u201c hat die absolute Macht im Staat. Klingt nach George Orwell oder Aldous Huxley. Grundlage der Opern-Urauff\u00fchrung \u201eWE (WIR)\u201c ist der 1920 fertiggestellte Roman \u201e\u041c\u044b\u201c (\u201eWir\u201c) des russischen Schriftstellers Jewgeni Samjatin, ein Vorl\u00e4ufer der bekannteren Werke \u201e1984\u201c und \u201eSch\u00f6ne neue Welt\u201c. F\u00fcr die Oper Dortmund hat Komponistin Sarah Nemtsov (*1980) daraus jetzt eine neue, aufw\u00e4ndige Oper geschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Publikum sitzt auf der B\u00fchne des Opernhauses und sieht sich selbst im Spiegel. Dann wird dieser durchsichtig. Im Parkett stehen Menschen, alle gleich gekleidet in dunklen Kapuzenanz\u00fcgen mit Masken vor den Gesichtern. Im Geeinten Staat gibt es keine Individualit\u00e4t, jeder hat den gleichen Tagesablauf. Liebe, Tr\u00e4ume, alle Emotionen gelten als psychische Krankheiten. Diese Lebensweise will der \u201eGeeinte Staat\u201c nun ins Weltall exportieren, mit einem Raumschiff namens \u201eIntegral\u201c. Wie alle anderen besitzt auch deren Ingenieur keinen Namen, nur eine Nummer: D-503.<\/p>\n\n\n\n<p>Romantische Melodien haben keinen Platz in einer Welt, die Gef\u00fchle systematisch unterdr\u00fcckt. Nemtsovs vibrierende Klangfl\u00e4chen ver\u00e4ndern sich immer wieder subtil, die Gesangslinien wirken zun\u00e4chst monoton und bekommen langsam Farben und Schattierungen. Denn D-503 stellt das starre System immer mehr in Frage. Er trifft I-330, eine verf\u00fchrerische Frau im roten Kleid, die noch Kontakt zur Vergangenheit hat und den Ingenieur in ein \u201eAltes Haus\u201c f\u00fchrt, eine Art Museum. Die Musik wird sinnlicher. D-503 entfernt sich immer mehr von seinen Arbeitskollegen und der ihm zugewiesenen Partnerin. Schlie\u00dflich erkennt er, dass I-330 zum Widerstand geh\u00f6rt. Ihre Gruppe plant, das Raumschiff w\u00e4hrend des ersten Testflugs zu kapern.<\/p>\n\n\n\n<p>Samjatin, der Autor der Romanvorlage, war selbst Ingenieur und hat die ber\u00fchmte Meuterei auf dem Panzerkreuzer Potemkin im Jahr 1905 mit geplant. Vom gl\u00fchenden Revolution\u00e4r entwickelte er sich zum skeptischen Schriftsteller. Sein Roman \u201eWir\u201c erschien in der Sowjetunion erst 1988, in den USA aber schon in den 1920er Jahren. Nemtsov stellte das Libretto f\u00fcr ihre Oper aus dem Roman zusammen. Die satirischen Elemente interessieren sie weniger, sie pr\u00e4sentiert eine dramatische Dystopie mit t\u00f6dlichem Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Herrscher des Geeinten Staats, der sich selbst \u201eWohlt\u00e4ter\u201c nennt, besetzt sie mit einem Countertenor. Die Stimme von David DQ Lee wird manchmal verzerrt, wie man es aus der Popmusik kennt. Es gibt einige elektronische Klangeffekte durch Synthesizer und E-Gitarre, die ein bisschen nostalgisch klingen, wie Sounds aus Science-Fiction-Filmen der 70er Jahre. \u201eWE (WIR)\u201c ist eine opulente Oper f\u00fcr ein gro\u00dfes Ensemble, Chor und Orchester. Der Dortmunder Sprechchor und die B\u00fcrger*innenOper \u201eWe DO Opera!\u201c werden ebenfalls integriert, oft wispern, pfeifen und brummen Menschen direkt im Publikum und erweitern die Klangr\u00e4ume.<\/p>\n\n\n\n<p>Regisseurin Eva-Maria H\u00f6ckmayr inszeniert die komplexe Geschichte eher abstrakt, mit wenig Ausstattung und ein paar Videobildern. Wer sich im Vorfeld nicht genau mit der Handlung des gut zweist\u00fcndigen St\u00fccks besch\u00e4ftigt hat, d\u00fcrfte gro\u00dfe Probleme haben zu verstehen, was gerade passiert. Einige Nebenstr\u00e4nge h\u00e4tte Nemtsov k\u00fcrzen k\u00f6nnen, damit die Haupthandlung klarer hervortritt. Und generell w\u00e4re anstelle der verwendeten Originaltexte eine Libretto-Neudichtung besser gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz dieser dramaturgischen Schw\u00e4chen gelingt ein faszinierender Musiktheaterabend, der von herausragenden Ensembleleistungen gepr\u00e4gt ist. Seth Carico als D-503 und Gloria Rehm als I-330 haben nicht nur schwere Gesangspartien zu bew\u00e4ltigen, sie sind auch schauspielerisch grandios. Eine starke Produktion \u2013 ob dieses enorm aufw\u00e4ndige St\u00fcck allerdings Chancen hat, nachgespielt zu werden, ist fraglich, denn es verlangt eine Menge an Ressourcen und Energie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Stefan Keim<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eWE (WIR)\u201c (2026) \/\/ Oper von Sarah Nemtsov<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.theaterdo.de\/produktionen\/detail\/wir-we\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website des Theaters Dortmund<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Oper Dortmund \u2022 WE (WIR)<\/span><\/br> Urauff\u00fchrung von Sarah Nemtsovs dystopischer Oper<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13367,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2023],"tags":[],"class_list":["post-13366","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-03"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Oper-Dortmund_WE-WIR-c-Thomas-M.-Jauk-StagePicture.jpg",1500,987,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Oper-Dortmund_WE-WIR-c-Thomas-M.-Jauk-StagePicture-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Oper-Dortmund_WE-WIR-c-Thomas-M.-Jauk-StagePicture-600x198.jpg",600,198,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Oper-Dortmund_WE-WIR-c-Thomas-M.-Jauk-StagePicture-1200x790.jpg",1200,790,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Oper-Dortmund_WE-WIR-c-Thomas-M.-Jauk-StagePicture-768x505.jpg",600,395,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Oper-Dortmund_WE-WIR-c-Thomas-M.-Jauk-StagePicture.jpg",600,395,false],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"18. 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