{"id":13412,"date":"2026-05-24T23:19:43","date_gmt":"2026-05-24T21:19:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13412"},"modified":"2026-05-24T23:19:46","modified_gmt":"2026-05-24T21:19:46","slug":"hagen-salome","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/05\/24\/hagen-salome\/","title":{"rendered":"Schrecken gebiert Schrecken"},"content":{"rendered":"<p>Ein Flugzeug ist abgest\u00fcrzt. Mit ein paar Schrammen haben die Passagiere \u00fcberlebt. Sie klettern raus. Regisseurin Noa Naamat versetzt die \u201eSalome\u201c von Richard Strauss in eine apokalyptische Welt. Die blassen Farben erinnern an Serien wie \u201eThe Walking Dead\u201c, und wie im Zombiedrama geht es um die Frage, welche Gesellschaftsform die \u00dcberlebenden aufbauen wollen. Herrscher Herodes macht einfach weiter wie zuvor und vergewaltigt erst einmal auf den Schreck eine Stewardess. Eine Gruppe Juden schaut in die heiligen B\u00fccher und diskutiert. Und immer wieder donnert eine Stimme aus dem Bauch des Flugzeugs. Sie geh\u00f6rt Jochanaan, einem christlichen Propheten, der Enthaltsamkeit und Hinwendung zu Gott predigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Regiekonzept klingt zun\u00e4chst etwas abenteuerlich. Und an der D\u00fcsseldorfer Rheinoper haben Opernfans ja gerade erleben m\u00fcssen, wie eine v\u00f6llig verschwurbelte Inszenierung von Stephan Kimmig sogar eine gut gesungene \u201eElektra\u201c zerst\u00f6ren kann. Das ist in Hagen v\u00f6llig anders, denn Naamat setzt nicht auf Verfremdungseffekte, sondern erz\u00e4hlt die Geschichte von Oscar Wilde in einem neuen Umfeld neu, mit pr\u00e4ziser Personenf\u00fchrung, nahe an der Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Hagens GMD Sebastian Lang-Lessing ist dabei ein gro\u00dfartiger Partner. Er dirigiert das gl\u00e4nzende Philharmonische Orchester mit theatralem Schwung und gro\u00dfer Dramatik, im Einklang mit der Szene. Nat\u00fcrlich ist die Orchesterbesetzung etwas verkleinert, mehr Platz hat das Theater Hagen nicht, aber das ist v\u00f6llig egal. Lang-Lessing atmet mit, setzt immer wieder Akzente, h\u00e4lt den Orchesterklang biegsam und sorgt f\u00fcr emotionale Wucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Partien sind mit winzigen Ausnahmen in kleinen Rollen komplett aus dem Ensemble besetzt. Das schafft kaum noch ein Musiktheater, und nat\u00fcrlich ist der eine oder die andere mal am Rande des stimmlichen Verm\u00f6gens. Aber auch das passt ins Gesamtbild, denn es geht durch das Setting des Flugzeugabsturzes von Anfang an um eine Ausnahmesituation, in der alle bis zum Anschlag gef\u00e4hrdet und gefordert sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Serenad Uyars Salome ist eine junge Frau, die sich am Anfang noch mit den generationstypischen Kopfh\u00f6rern bewegt, um m\u00f6glichst wenig von ihrer Umwelt mitzubekommen. Aus ihrer Familie kennt sie nur Macht und Sexualisierung, auch Mutter Herodias (leidenschaftlich: Angela Davis) ist da \u00e4u\u00dferst aktiv. Jochanaan (Insu Hwang mit gewaltiger Stimmkraft) ist eine Herausforderung f\u00fcr sie, weil er sich v\u00f6llig aus der Gesellschaft herauszieht. So entsteht Salomes Begehren, ihr Wunsch, diesen unbeugsamen Charakter zu unterwerfen, der nicht einmal auf ihre k\u00f6rperlichen Verlockungen reagiert. Anders als Herodes (Richard van Gemert), den sie mit ihrem ber\u00fchmten Tanz manipuliert. Der wird in Hagen zur Abrechnung mit dem toxischen Herrscher. Aus einem Band wie aus der rhythmischen Sportgymnastik wird eine Peitsche, Salome f\u00fchrt Herodes seine sexistischen Verbrechen vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Regiekonzept passt es, dass Salome den Kapit\u00e4n des Flugzeugs Narraboth (elegant und klangsch\u00f6n: Anton Kuzenok) einfach abknallt und dass am Schluss kein Kopf auf einer Silberschale hereingetragen wird. Es geht im Kern darum, dass Salome von Jochanaan und allen anderen nicht gesehen wurde, um eine radikale Selbsterm\u00e4chtigung in der Apokalypse \u2013 um die Frage, ob einer schrecklichen Gesellschaft nur mit Schrecken begegnet werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Stefan Keim<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eSalome\u201c (1905) \/\/ Musikdrama von Richard Strauss<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.theaterhagen.de\/veranstaltung\/salome-1933\/0\/show\/Play\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website des Theaters Hagen<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Theater Hagen \u2022 Salome<\/span><\/br> Selbstbehauptung in der Apokalypse mit Richard Strauss\u2019 Musikdrama<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13413,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2023],"tags":[],"class_list":["post-13412","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-03"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Theater-Hagen_Salome-c-Thilo-Beu.jpg",1500,1129,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Theater-Hagen_Salome-c-Thilo-Beu-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Theater-Hagen_Salome-c-Thilo-Beu-600x226.jpg",600,226,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Theater-Hagen_Salome-c-Thilo-Beu-1200x903.jpg",1200,903,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Theater-Hagen_Salome-c-Thilo-Beu-768x578.jpg",600,452,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Theater-Hagen_Salome-c-Thilo-Beu.jpg",600,452,false],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"24. 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