{"id":13435,"date":"2026-05-31T23:46:58","date_gmt":"2026-05-31T21:46:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13435"},"modified":"2026-05-31T23:47:01","modified_gmt":"2026-05-31T21:47:01","slug":"kassel-deutsche-symphonie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/05\/31\/kassel-deutsche-symphonie\/","title":{"rendered":"Oh Deutschland, bleiche Mutter!"},"content":{"rendered":"<p>So viel Klassenk\u00e4mpferisches alten Stils auf einmal gibt\u2019s auch nicht alle Tage. Das Staatstheater Kassel l\u00e4dt vor der szenischen Erstauff\u00fchrung von Hanns Eislers (1898-1962) so monumentalem wie agitatorischem Opus \u201eDeutsche Symphonie\u201c zum gemeinsamen Singen von Arbeiterliedern ein. Sicherheitshalber nicht nur mit Noten und Texten f\u00fcr den sangeswilligen Teil des Publikums, sondern auch mit Chor und Blaskapelle \u2013 von \u201eBella Ciao\u201c bis hin zur \u201eInternationalen\u201c. Das passt zum Festivalmotto \u201eDeutschland, Deutschland unter anderem. Musiktheater im Pr\u00e4faschismus\u201c. Wobei man sich schon zu fragen beginnt (bzw. fragen sollte), ob der zweite Teil des Mottos die 20er und beginnenden 30er Jahre des 20. oder nicht doch des 21. Jahrhunderts meint.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Teil des Festivalmottos korrigiert das \u201e\u00fcber alles\u201c des Deutschlandliedes in ein \u201eunter anderem\u201c. Mit Eisler h\u00e4tte man sich auch auf die andere deutsche Nachkriegshymne beziehen k\u00f6nnen, zu \u201eAuferstanden aus Ruinen\u201c von Johannes R. Becher hat er die Musik geschrieben. Im Westen Deutschlands ist er vor allem als Komponist dieser Hymne bekannt \u2013 und geschm\u00e4ht. Dabei ist Eisler als Sch\u00f6nberg-Sch\u00fcler ein Komponist von Rang, der als Kommunist und Jude nur im Exil \u00fcberleben konnte. Dass er nie offizielles KP-Mitglied war, n\u00fctzte ihm vor dem McCarthy-Ausschuss nichts. Er wurde 1948 aus den USA ausgewiesen, landete schlie\u00dflich in Ost-Berlin und komponierte dem neuen Staat seine Hymne. Dass man dort bald die Vision des einig Vaterlandes beim offiziellen Absingen weglassen musste, passte freilich auf makabre Weise auch zu Eislers pers\u00f6nlichen Leiden an Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner \u201eDeutschen Symphonie\u201c, die entgegen ihres Namens deutlich mehr als ein Orchesterst\u00fcck ist, leidet Eisler explizit daran; vor allem an den Folgen von Krieg und Faschismus. Zusammen mit seinem Freund Bertolt Brecht hat er dieses Opus mit seinem anklagenden Pathos von 1935-1947 in den USA komponiert, uraufgef\u00fchrt wurde es erst drei Jahre vor seinem Tod 1959 in Ost-Berlin. Es ist auch im Nachhinein betrachtet ein seltenes Beispiel einer klassenk\u00e4mpferischen Entschlossenheit, die heute fremd anmutet. Fremder jedenfalls als die wiederbelebten Parolen von der anderen Seite der Barrikade.<\/p>\n\n\n\n<p>In der offenen Raumstruktur der in Kassel vom Publikum inzwischen angenommenen Interimsspielst\u00e4tte steht diesmal das Orchester optisch im Mittelpunkt. Unter Kiril Stankow nimmt es den gr\u00f6\u00dften Teil der Spielfl\u00e4che vor der Zuschauertrib\u00fcne ein und entfaltet ungebremst die volle Wucht von Eislers k\u00e4mpferischer Diktion.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Paul-Georg Dittrichs Inszenierung hat Pia Maria Mackert mehrere simultan bespielte R\u00e4ume um das Orchester platziert. Entscheidend f\u00fcr den szenischen Zugriff ist jenes Studio oben rechts, auf dessen Fenster die New Yorker Freiheitsstatue ihren Schatten wirft. Dort ringt der sofort als solcher erkennbare Hanns Eisler in gleich sechsfacher Gestalt mit den Umst\u00e4nden und sich, um mit seiner Musik dem Rad der Zeit in die Speichen zu greifen. Und mit der Entt\u00e4uschung, als ihm klar wird, dass er damit keinen Erfolg haben kann. Eine Ebene darunter findet sich ein Zimmer, in dem ein Familienvater in brauner Uniform seine blonde Familie um sich versammelt. Und in dem Areal darunter tummeln sich wie in einer Zeitkapsel all die, die nach dem Krieg am liebsten nicht dabei gewesen w\u00e4ren. In der Szenenfolge treten auf: Bertolt Brecht (Stefan Had\u017ei\u0107) als dichtender Partner. Fritz Lang (Ilseyar Khayrullova) in der Versenkung bei Dreharbeiten an einem Schwarz-Wei\u00df-Film \u00fcber die Judenverfolgung in Deutschland. Hilde und Hans Coppi als Protagonisten der Roten Kapelle. Und mittendrin Schauspieler Clemens D\u00f6nicke als wortgewaltiger Eisler und an seiner Seite Marta Krist\u00edn Fri\u00f0riksd\u00f3ttir als der prachtvoll befl\u00fcgelte, auf Walter Benjamin und Heiner M\u00fcller zur\u00fcckgehende Engel der Verzweiflung. Wahrscheinlich hat sich Benjamins ber\u00fchmter Engel der Geschichte hier umgedreht und ist beim Blick in die Zukunft zum Engel der Verzweiflung geworden. Eine Pointe, die man wohl nur als Mahnung auffassen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Roberto Becker<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDeutsche Symphonie\u201c \/\/ Musiktheater nach Hanns Eislers Werk (entstanden 1935-1947; Urauff\u00fchrung 1959)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.staatstheater-kassel.de\/play\/deutschesymphonie-3266\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Kassel<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Staatstheater Kassel \u2022 Deutsche Symphonie<\/span><\/br> Eislers \u201eDeutsche Symphonie\u201c: ein Blick zur\u00fcck in die Zukunft<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13436,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2023],"tags":[],"class_list":["post-13435","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-03"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Staatstheater-Kassel_Deutsche-Symphonie-c-Anja-Pawliczek.jpg",1500,1002,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Staatstheater-Kassel_Deutsche-Symphonie-c-Anja-Pawliczek-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Staatstheater-Kassel_Deutsche-Symphonie-c-Anja-Pawliczek-600x200.jpg",600,200,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Staatstheater-Kassel_Deutsche-Symphonie-c-Anja-Pawliczek-1200x802.jpg",1200,802,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Staatstheater-Kassel_Deutsche-Symphonie-c-Anja-Pawliczek-768x513.jpg",600,401,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Staatstheater-Kassel_Deutsche-Symphonie-c-Anja-Pawliczek.jpg",600,401,false],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"31. 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