{"id":13530,"date":"2026-06-27T23:21:50","date_gmt":"2026-06-27T21:21:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13530"},"modified":"2026-06-27T23:40:49","modified_gmt":"2026-06-27T21:40:49","slug":"epidauros-medea","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/06\/27\/epidauros-medea\/","title":{"rendered":"Auf den Spuren des Mythos"},"content":{"rendered":"<p>Das Amphitheater von Epidauros ist ein geschichtstr\u00e4chtiger Ort, dessen Aura man sich nur schwer entziehen kann. Bereits der Fu\u00dfweg, der vom Parkplatz des angeschlossenen Museums durch Kiefern und Pinien bergauf f\u00fchrt, ist hier Teil des Erlebnisses. Ehe sich dann pl\u00f6tzlich das monumentale steinerne Rund vor einem auftut, das rund 10.000 Menschen Platz bietet. Erbaut im 4. Jahrhundert vor Christus, wird das beeindruckende Bauwerk bis heute f\u00fcr Auff\u00fchrungen genutzt und erm\u00f6glicht den Besucherinnen und Besuchern eine faszinierende Zeitreise. Und dies in der laufenden Festival-Saison gleich in mehrfacher Hinsicht, denn die Griechische Nationaloper hat sich diesmal etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Fast auf den Tag genau 65 Jahre nach dem Epidauros-Gastspiel von Maria Callas ist noch einmal jene Inszenierung von Cherubinis \u201eMedea\u201c zu erleben, die man hier einst f\u00fcr die mythisch verkl\u00e4rte Diva realisiert hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gewissenhafte Rekonstruktion, angefangen bei den Originalkulissen von 1961, \u00fcber die detailgenau nachgeschneiderten Kost\u00fcme, bis hin zum Regiebuch der 1990 verstorbenen Theater-Legende Alexis Minotis. Dessen Inszenierung wurde nun von Panaghis Pagoulatos neu einstudiert, der dank ausgefeilter Personenf\u00fchrung daf\u00fcr sorgt, dass sich das Publikum keineswegs wie in einem verstaubten Museum f\u00fchlen muss, sondern eine \u00fcberaus lebendige Auff\u00fchrung erlebt. Einen Abend, der nicht nur bei den spektakul\u00e4ren Massenaufm\u00e4rschen staunen l\u00e4sst, sondern dank einer exzellenten Solistenriege auch in den intimen Momenten nie an Spannung verliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich lebt die Auff\u00fchrung nicht zuletzt auch von der Magie des Ortes \u2013 liegt Epidauros doch nur einen sprichw\u00f6rtlichen Steinwurf von Korinth, dem Schauplatz des originalen Mythos, entfernt. Und nat\u00fcrlich ist es gerade f\u00fcr die Opernneulinge im erfreulich bunt gemischten Publikum auch ein medienwirksam aufgebauschtes Event, bei dem der Schatten der Callas allgegenw\u00e4rtig ist. Bei einer liebevoll kuratierten Ausstellung rund um das Theater. Auf den Fotos im nostalgisch bebilderten Programmheft. Auf T-Shirts, Stofftaschen, F\u00e4chern, Bleistiften und zahlreichen anderen Merchandising-Artikeln, die hier rei\u00dfenden Absatz finden. Denn selbst knappe f\u00fcnf Jahrzehnte nach dem Tod der legend\u00e4ren Diva z\u00fcndet die Marke Callas noch immer.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist zweifellos auch Anna Pirozzi bewusst. Sie hatte im Athener Stammhaus der Kompagnie bereits 2023 (zum 100. Geburtstag der Callas) die Medea verk\u00f6rpert und zeigt nun ein noch einmal weiter verfeinertes Portrait. Pirozzi verf\u00fcgt \u00fcber eine der aktuell wohl besten Stimmen im dramatischen italienischen Fach, denn trotz zahlreicher Eins\u00e4tze als Turandot, Abigaille oder Lady Macbeth hat sich ihr farbenreicher Sopran nach wie vor die n\u00f6tige Geschmeidigkeit f\u00fcr die zarten Momente in Cherubinis Partitur bewahrt. Und so ist diese Medea keineswegs nur die von Rache getrieben Furie, sondern vor allem eine zutiefst verletzte Frau, deren Gef\u00fchle f\u00fcr Jason ebenso echt sind wie die Liebe zu ihren Kindern. \u00c4hnlich enthusiastisch gefeiert wird beim Schlussapplaus aber auch Alisa Kolosova als Medeas Dienerin Neris. Sie f\u00fchrt in ihrer gro\u00dfen melancholischen Arie einen intensiven Dialog mit dem virtuos aufspielenden Solofagott und wertet ihre Figur mit glutvollem Mezzo zu einer weiteren Hauptrolle auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Giasone begegnet diesen beiden starken Frauen mit Jean-Fran\u00e7ois Borras ein Held, der selbst in dieser italienisch gesungenen Auff\u00fchrung stets mit franz\u00f6sischer Noblesse agiert. Doch auch er behauptet sich ebenso tapfer wie Danae Kontora als eher leicht besetzte Nebenbuhlerin Glauce und Lokalmatador Tassis Christoyannis, der dem K\u00f6nig Creon mit samtigem Bass autorit\u00e4res Format verleiht. Kleinere Abstriche gilt es lediglich bei Dirigent Jacques Lacombe zu machen, der sich mit dem Orchester der Nationaloper erst auf das Open-Air-Feeling einschwingen muss. Aber sp\u00e4testens mit Medeas Auftritt l\u00e4sst auch er sich aus der Reserve locken und bringt im tragischen Finale die antiken Mauern zum Beben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Tobias Hell<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eM\u00e9d\u00e9e\u201c (\u201eMedea\u201c) (1797) \/\/ Op\u00e9ra-comique von Luigi Cherubini in der italienischen Fassung<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Athens Epidaurus Festival &#038; Griechische Nationaloper \u2022 Medea<\/span><\/br> Die 1961er \u201eMedea\u201c mit Maria Callas erwacht 65 Jahre sp\u00e4ter zu neuem Leben<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13531,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2023],"tags":[],"class_list":["post-13530","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-03"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Athen_Medea-c-Yannis-Antonoglou-scaled.jpg",2560,1706,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Athen_Medea-c-Yannis-Antonoglou-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Athen_Medea-c-Yannis-Antonoglou-600x200.jpg",600,200,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Athen_Medea-c-Yannis-Antonoglou-1200x800.jpg",1200,800,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Athen_Medea-c-Yannis-Antonoglou-768x512.jpg",600,400,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Athen_Medea-c-Yannis-Antonoglou-1920x1280.jpg",600,400,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"27. 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