{"id":13643,"date":"2026-07-28T20:47:37","date_gmt":"2026-07-28T18:47:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13643"},"modified":"2026-07-28T20:47:40","modified_gmt":"2026-07-28T18:47:40","slug":"bayreuth-rienzi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/07\/28\/bayreuth-rienzi\/","title":{"rendered":"Bayreuth wagt den blinden Fleck"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt durchaus gute Gr\u00fcnde, warum Wagners \u201eRienzi\u201c 150 Jahre lang nicht auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel zu erleben war und auch k\u00fcnftig eine Ausnahme bleiben d\u00fcrfte. Zum viel diskutierten Jubil\u00e4um der Festspiele ist die Programmierung aber dennoch die richtige Entscheidung. Denn kaum ein anderes Werk eignet sich besser, um die Geschichte Bayreuths \u2013 die Geschichte einer Vereinnahmung \u2013 zu thematisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Michel Friedmans bewegender Rede am Vormittag erh\u00e4lt dieser Premierenabend eine zus\u00e4tzliche Ebene. Nicht prim\u00e4r das Werk des 27-j\u00e4hrigen Wagner \u00fcber den r\u00f6mischen Volkstribun Cola di Rienzo, eine historische Gestalt des 14. Jahrhunderts, steht auf dem Spielplan, sondern die Frage, wie Demokratien kippen, wie Massen sich verf\u00fchren lassen und wie charismatische F\u00fchrer ihre eigene Wirklichkeit erschaffen. Genau hier setzt die Inszenierung der ungarischen Regisseurinnen Alexandra Szemer\u00e9dy und Magdolna Parditka an \u2013 ohne moralischen Zeigefinger und mit beeindruckender Bildsprache. Nachrichtenticker laufen \u00fcber riesige Bildschirme, Menschen diskutieren in Chatgruppen in seelenlosen Wohnquadern vor \u00fcberdimensionalen Screens, auf denen Kan\u00e4le pausenlos harmlose Informationen verbreiten \u2013 w\u00e4hrend die reale Welt weitgehend unbeachtet ein Eigenleben bis hin zum Krieg f\u00fchrt. Auf den Laufb\u00e4ndern der TV-Stationen erscheinen Wetterberichte, B\u00f6rsenkurse oder belanglose Verkehrsmeldungen, als w\u00e4re selbst der Ausnahmezustand nur noch eine Randnotiz zwischen Alltagsmeldungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau darin liegt die eigentliche St\u00e4rke dieser Produktion: Sie stellt weniger den Diktator in den Mittelpunkt, sondern die Mechanismen, die ihn hervorbringen. Fake News und digitale Echokammern machen Dynamiken sichtbar, die Massenbegeisterung erzeugen \u2013 und sie ebenso schnell wieder kippen lassen. Dass bereits in der Ouvert\u00fcre der Tod von Rienzis Bruder thematisiert wird, \u00f6ffnet dar\u00fcber hinaus einen diffusen psychologischen Zugang zum Protagonisten. In der Schwebe bleibt auch die ungew\u00f6hnliche N\u00e4he zu seiner Schwester Irene. Die Regie spielt mit einer inzestu\u00f6sen Spannung, die unweigerlich an sp\u00e4tere Geschwisterpaare Wagners denken l\u00e4sst. Nichts davon wird ausgespielt \u2013 aber vieles angedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p>Musikalisch bleibt \u201eRienzi\u201c ein \u201efr\u00fcher Wagner\u201c. Man h\u00f6rt bereits sein unverkennbares Talent, aber noch nicht die harmonische Raffinesse und kompositorische Konsequenz sp\u00e4terer Jahre. Vor allem die ersten beiden Akte besitzen deutliche L\u00e4ngen. Gerade deshalb ist der Einfall, das ausgedehnte Ballett in eine kluge Persiflage auf den Wagner-Kult selbst zu verwandeln, einer der besten Regiegedanken des Abends.<\/p>\n\n\n\n<p>Nathalie Stutzmann h\u00e4lt das Orchester der Bayreuther Festspiele und dieses monumentale Werk mit beeindruckender Souver\u00e4nit\u00e4t zusammen und widersteht dankenswerterweise der Versuchung einer k\u00fcnstlichen \u00dcberh\u00f6hung. Sie l\u00e4sst die Partitur f\u00fcr sich stehen, nichts wird interpretiert, nichts kaschiert. Diese Ehrlichkeit \u00fcberzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach seiner personellen Neuaufstellung im letzten Jahr pr\u00e4sentiert sich der Festspielchor in diesem anspruchsvollen Werk klanglich bemerkenswert, muss die gewohnt perfekte Einheit allerdings noch wiederfinden. Nichtsdestotrotz machen Homogenit\u00e4t, Textverst\u00e4ndlichkeit und enorme Pr\u00e4senz ihn zu einem der tragenden Pfeiler des Abends.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber allem aber steht Andreas Schager mit einem wahren Kraftakt in der Titelrolle einer Oper, die Wagner selbst als seinen \u201eSchreihals\u201c bezeichnete. \u00dcber Stunden stemmt er die Riesenrolle nahezu ohne Unterbrechung, bleibt selbst in den gewaltigen Massenszenen stets das Zentrum des Geschehens und \u00fcberzeugt mit enormer B\u00fchnenpr\u00e4senz. Dass diese Partie ihren Preis fordert, wird im \u201eGebet\u201c zu Beginn des vierten Aktes f\u00fcr einen kurzen Moment h\u00f6rbar. Nicht jede Attacke ist dabei reiner Sch\u00f6nklang \u2013 gerade darin zeigt sich jedoch auch die extreme Belastung dieser Rolle. Nicht minder beeindruckend gelingt Jennifer Holloway ihr Adriano \u2013 jener \u201eweibliche Offizier\u201c, der mit gl\u00fchender Intensit\u00e4t und gro\u00dfer stimmlicher Farbigkeit zu den eigentlichen \u00dcberraschungen des Abends wird \u2013 sowie Gabriela Scherers Irene, die erst in der zweiten H\u00e4lfte zur Hochform aufl\u00e4uft und leider schwer textverst\u00e4ndlich ist. Sie schafft es aber, dem Geschehen immer wieder so etwas wie eine menschliche Mitte zu verleihen.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt tr\u00e4gt dieser Versuch den Stempel \u201eGelungenes Experiment\u201c: Bayreuth hatte den Mut, sich einem Werk zuzuwenden, das weniger durch musikalische Vollkommenheit als durch seine historische Sprengkraft \u00fcberzeugt. Genau deshalb ist \u201eRienzi\u201c in diesem Jahr am richtigen Ort \u2013 und vermutlich auch genau zur richtigen Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Iris Steiner<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eRienzi, der Letzte der Tribunen\u201c (1842) \/\/ Gro\u00dfe tragische Oper von Richard Wagner in einer Fassung f\u00fcr die Bayreuther Festspiele 2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.bayreuther-festspiele.de\/programm\/auffuehrungen\/rienzi\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website der Bayreuther Festspiele<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/ard-klassik\/wagner-rienzi-bayreuther-festspiele-2026-premiere-br-klassik\/br\/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdC8xZTI1MjQ0My1hZmNmLTQ2MzctYmQyNi0yNjlmNGFmMmZlMGZfb25saW5lYnJvYWRjYXN0\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kostenfreier Stream bis 31. Dezember 2026 in der ARD Mediathek<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Bayreuther Festspiele \u2022 Rienzi<\/span><\/br> Zum 150. Geburtstag erklingt auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel erstmals der \u201eRienzi\u201c<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13644,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2023],"tags":[],"class_list":["post-13643","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-03"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Rienzi-c-Enrico-Nawrath.jpg",1500,999,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Rienzi-c-Enrico-Nawrath-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Rienzi-c-Enrico-Nawrath-600x200.jpg",600,200,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Rienzi-c-Enrico-Nawrath-1200x799.jpg",1200,799,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Rienzi-c-Enrico-Nawrath-768x511.jpg",600,399,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Rienzi-c-Enrico-Nawrath.jpg",600,400,false],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"28. 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