{"id":13647,"date":"2026-07-28T21:44:02","date_gmt":"2026-07-28T19:44:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13647"},"modified":"2026-07-28T21:44:06","modified_gmt":"2026-07-28T19:44:06","slug":"bayreuth-das-rheingold","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/07\/28\/bayreuth-das-rheingold\/","title":{"rendered":"Mythos \u2013 digital gedacht"},"content":{"rendered":"<p>Zum 150. Geburtstag der Bayreuther Festspiele steht nach dem fr\u00fcher als gew\u00f6hnlich verabschiedeten Valentin-Schwarz-Zyklus und vor der eigentlichen Neuinszenierung 2028 ein \u00dcbergangs-\u201eRing\u201c auf dem Programm. Vergeben wurde dieser an Marcus Lobbes, Intendant der Akademie f\u00fcr Theater und Digitalit\u00e4t in Dortmund. Das Institut bem\u00fcht sich um Aufbau und St\u00e4rkung vielf\u00e4ltiger Netzwerke innerhalb der Darstellenden K\u00fcnste. Lobbes verfolgt zudem das Ziel, k\u00fcnstlerische Forschungsprozesse im Spannungsfeld aktueller technologischer Entwicklungen f\u00fcr Theater- und Ausbildungsinstitutionen wie auch ein breites Publikum zug\u00e4nglich zu machen. Der nur in diesem Sommer zu erlebende Ein-Jahres-\u201eRing\u201c basiert auf einem KI-gest\u00fctzten Inszenierungsprinzip.<\/p>\n\n\n\n<p>Das h\u00f6rt sich zuerst einmal ungew\u00f6hnlich und vielleicht auch be\u00e4ngstigend an, da man in Deutschland der KI ohnehin mehr als anderswo skeptisch gegen\u00fcbersteht. KI nun also auch auf der Opernb\u00fchne?! Es gibt in der Tat Funktionsbezeichnungen im Regieteam, die man so zumindest auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel noch nie geh\u00f6rt hat: \u201eK\u00fcnstlerisch-technische Konzeption\u201c (Marcus Lobbes und Nils Corte), \u201eDigital- und KI-Storytelling\u201c (Roman Senkl), \u201eCreative Code\/Visual Art\u201c (Nils Corte und Phil Hagen Jungschlaeger). Daneben sind aber auch klassische Akteure wie ein B\u00fchnenbildner (Wolf Gutjahr), eine Kost\u00fcmbildnerin (Pia Maria Mackert) und ein Dramaturg (Andri Hardmeier) vertreten. Angesichts der Vielzahl technischer Bereiche nennt sich Lobbes nicht mehr Regisseur, sondern Kurator. Diese Funktion ist in erster Linie aus der Bildenden Kunst, beispielsweise bei Ausstellungen, bekannt. Sie bezeichnet auch keinen K\u00fcnstler, sondern einen kunstbeflissenen Organisator. Aufgrund wachsender Komplexit\u00e4t des Kunstschaffens hat sich der Begriff aber zunehmend in anderen Bereichen des Kunstbetriebs etabliert. Das Ziel von digitalem und KI-basiertem Storytelling: dramaturgisches Denken in digitale Logiken zu \u00fcberf\u00fchren \u2013 um dadurch filmische Ebenen entstehen zu lassen, keine Illustrationen, sondern eigenst\u00e4ndige Erz\u00e4hlinstanzen innerhalb der Inszenierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Vorspiel \u2013 erfreulicherweise vor geschlossenem Vorhang \u2013 blickt man auf ein Einheitsb\u00fchnenbild mit einem Gaze-Vorhang, ein weiterer befindet sich mehrere Meter dahinter. Dazwischen stehen gut beleuchtet die S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger in einer Gruppe, in durchaus mythisch wirkenden, gefiederten grau-bl\u00e4ulichen Kost\u00fcmen und dazu passender Maske, alle im selben Stil. Die KI-generierten Bilder entstehen fortlaufend auf beiden Prospekten, immer wieder, aber nicht ausschlie\u00dflich, im passenden Moment: Bilder von Bayreuther \u201eRing\u201c-Inszenierungen der Vergangenheit, von der Urauff\u00fchrung an, aber vor allem ab 1951. Das wirkt immer wieder sehr beeindruckend. Es mag ein Resultat von zu wenig Probenzeit sein \u2013 man hatte nur einen ganzen Durchlauf \u2013, dass es zu viele und zu schnelle bildliche Ver\u00e4nderungen gibt und damit die an sich interessante Idee an Wirkungskraft verliert und bisweilen gar oberfl\u00e4chlich und vordergr\u00fcndig effektheischend wirkt. Hier w\u00e4re einmal mehr weniger mehr gewesen. Offenbar fehlte es an einer besseren Koordination zwischen dem Dramaturgen und dem Digital- und KI-Storytelling.<\/p>\n\n\n\n<p>Was jedoch wunderbar hervortritt (m\u00f6glicherweise als Nebeneffekt ganz ungewollt): Endlich erlebt man mal wieder die Vorrangstellung der beiden Hauptkomponenten der Oper, Musik und Gesang, in gro\u00dfer Einheit. Aufgrund der sehr begrenzten Aktion der Solistinnen und Solisten k\u00f6nnen sie sich voll auf den vokalen Vortrag konzentrieren. Christian Thielemann sorgt aus dem mystischen Graben f\u00fcr eine musterg\u00fcltige musikalische Interpretation mit dem Festspielorchester \u2013 eine begl\u00fcckende musikalische Einheit! Entsprechend auch der Applaus f\u00fcr Thielemann und die S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger, de facto praktisch alle von Weltklasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Florian Vogt begeistert in seinem Rollendeb\u00fct als hochengagierter Loge. Michael Volle ist wieder ein gro\u00dfartiger Wotan. Anna Kissjudit singt eine klangsch\u00f6ne Fricka und Christa Mayer ihre bew\u00e4hrte Erda. Jochen Schmeckenbecher ist einmal mehr ein kraftvoller und ausdrucksstarker Alberich und Gerhard Siegel eine Luxusbesetzung als Mime. Mika Kares und Peter Rose interpretieren die Riesen erstklassig. Und alle agieren (im Gegensatz zum \u201eRienzi\u201c tags zuvor) mit perfekter Diktion!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein guter Anfang ist also gemacht \u2013 mal sehen, was die kommenden Abende bringen. Das KI-Konzept scheint jedenfalls seine St\u00e4rken f\u00fcr den \u201eRing\u201c zu haben, in dem der Mythos so bedeutsam ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Dr. Klaus Billand<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDas Rheingold\u201c (1869) \/\/ Vorabend zum B\u00fchnenfestspiel \u201eDer Ring des Nibelungen\u201c von Richard Wagner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.bayreuther-festspiele.de\/programm\/auffuehrungen\/das-rheingold\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website der Bayreuther Festspiele<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Bayreuther Festspiele \u2022 Das Rheingold<\/span><\/br> Er\u00f6ffnet der KI-\u201eRing\u201c eine neue inszenatorische Dimension?<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13648,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2023],"tags":[],"class_list":["post-13647","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-03"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Das-Rheingold-c-Enrico-Nawrath.jpg",1500,916,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Das-Rheingold-c-Enrico-Nawrath-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Das-Rheingold-c-Enrico-Nawrath-600x183.jpg",600,183,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Das-Rheingold-c-Enrico-Nawrath-1200x733.jpg",1200,733,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Das-Rheingold-c-Enrico-Nawrath-768x469.jpg",600,366,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Das-Rheingold-c-Enrico-Nawrath.jpg",600,366,false],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"28. 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