{"id":13654,"date":"2026-07-30T13:55:04","date_gmt":"2026-07-30T11:55:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13654"},"modified":"2026-07-31T00:30:58","modified_gmt":"2026-07-30T22:30:58","slug":"bayreuth-die-walkuere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/07\/30\/bayreuth-die-walkuere\/","title":{"rendered":"Beruhigung der Visualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>KI-\u201eRing\u201c, Abend zwei. Die Bilderflut und allzu schnelle Ver\u00e4nderung einzelner Projektionen hat sich erheblich beruhigt \u2013 und sofort wird das ungewohnte Inszenierungskonzept ansehnlicher, effekt- und auch eindrucksvoller.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders als das szenisch st\u00e4ndig voranschreitende \u201eRheingold\u201c bietet die \u201eWalk\u00fcre\u201c mit ihren Momenten der Reflexion (wie dem langen Dialog zwischen Siegmund und Sieglinde), der Todverk\u00fcndigung und Wotans Monolog im zweiten Aufzug bessere Gelegenheiten, auf den Gaze-Vorh\u00e4ngen Erinnerungen an die Auff\u00fchrungsgeschichte des \u201eRings\u201c in Bayreuth aufflammen zu lassen. Mithilfe assoziativer Darstellungen werden filmische Ebenen als eigenst\u00e4ndige Erz\u00e4hlinstanzen geschaffen. Zu sehen sind nun viel ruhigere Phasen und immer, wenn der vordere Vorhang nicht bebildert wird, ergibt sich sogar ein wirkm\u00e4chtiger Raumeindruck. Denn dann sind die S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger als gut ausgeleuchtete, begrenzt im Raum agierende Individuen viel besser wahrzunehmen. Das f\u00f6rdert in zeitweise beeindruckender Art und Weise die musiktheatralische Interpretation im Einklang mit den Bildern auf dem hinteren Vorhang \u2013 und erzeugt bei aller gew\u00fcnschter Reduktion in Kost\u00fcm und Aktion auch inszenatorisch intensivere Momente.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders interessant sind diesmal die B\u00fchnenbildreferenzen aus \u00e4lteren Bayreuther Inszenierungen. Sie werden oft l\u00e4nger gehalten und strahlen mehr Ruhe aus als die dann wieder einsetzende Bilderdynamik der KI. Das ergibt bisweilen fantastische und mythisch wirkende B\u00fchnenbilder, die der wohl auch vom Komponisten angedachten \u201eRing\u201c-\u00c4sthetik nahekommen. Aus den unmittelbar folgenden KI-generierten Bildern l\u00e4sst sich bei Weitem keine so passende Assoziation mit dem B\u00fchnengeschehen erkennen. Es offenbart sich eine Diskrepanz zwischen den h\u00f6chstwahrscheinlich vom Dramaturgen Andri Hardmeier nach eigenem Ermessen eingestellten Szenenbildern und den mittels KI weitgehend unbeeinflusst entstehenden Bildwelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit tut sich die Frage auf, inwieweit der Digital- und KI-Storyteller Roman Senkl die \u201eRing\u201c-Geschichte wirklich kennt und durchdacht hat. Vielleicht gab es auch einfach nur zu wenige Proben, wof\u00fcr einiges spricht, \u00fcbrigens auch Kurator Marcus Lobbes selbst. Thematisch ist es jedenfalls durchaus passend, die vielen Eindr\u00fccke verflossener Bayreuther \u201eRing\u201c-Inszenierungen in diesem KI-basierten Regiekonzept zum 150. Jubil\u00e4um einzubauen. Das wird dem Anlass voll gerecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Musikalisch ger\u00e4t auch die \u201eWalk\u00fcre\u201c einfach fantastisch. Christian Thielemann spielt einmal mehr seine ganze Erfahrung mit den Besonderheiten des mystischen Abgrunds aus, in dem das famose Festspielorchester mit ultimativer Klasse musiziert. Da werden Tempi gew\u00e4hlt, die in vollem Einklang mit der Szene stehen, subtile Momente wie die Todverk\u00fcndigung eindrucksvoll zur\u00fcckgenommen, ohne je den gro\u00dfen Spannungsbogen zu verlieren, und dramatische Steigerungen ins perfekte musikalische Licht ger\u00fcckt. Es ist ein Gl\u00fcck und vielleicht sogar gro\u00dfes Geschenk, dass Thielemann am H\u00fcgel wieder ma\u00dfgeblich engagiert ist \u2013 er ist der Garant f\u00fcr den wahrscheinlichen Fast-Ausverkauf dieses Interim-\u201eRings\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Florian Vogt singt einen engagierten und kraftvollen Siegmund, wie man ihn schon oft von ihm geh\u00f6rt hat. Michael Volle triumphiert als Wotan und bekommt den meisten Applaus unter den S\u00e4ngern. Er ist derzeit wohl der f\u00fchrende Rollenvertreter, zusammen mit Camilla Nylund in der Partie der Br\u00fcnnhilde (diese gemeinsam mit Catherine Foster und Iordanka Derilova aus Dessau). Nylund hat eine wundersch\u00f6ne Stimme, keine hochdramatische, was aber auch gar nicht erforderlich ist bei ihrem Gesangs-Stil; ein Mittelding zwischen jugendlich-dramatisch und hochdramatisch, vielleicht eine \u201ejugendlich-hochdramatische\u201c Br\u00fcnnhilde.<\/p>\n\n\n\n<p>Anna Kissjudit ist wie schon im \u201eRheingold\u201c eine eindrucksvoll warm und dunkel timbrierte Fricka. Mika Kares singt den Hunding klangsch\u00f6n mit seinem gut gef\u00fchrten, etwas helleren Bass. Die dunkle Dimension der Figur kann er damit \u2013 fast \u201ezu nett\u201c \u2013 aber nicht ganz ausleuchten. Elza von den Heever, eine bew\u00e4hrte Sieglinde, hat nicht ihren besten Tag. Die Stimme klingt etwas verh\u00e4rtet und l\u00e4sst an W\u00e4rme missen. Die Walk\u00fcren agieren bis auf Magdalena Hinterdobler (Helmwige) festspielreif und im Chor ohnehin sehr gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterm Strich \u00fcberzeugt das Konzept der KI-generierten Opernregie diesmal schon mehr als am Vorabend. Es k\u00f6nnte ein relevanter neuer Versuch sein, die Kunstform Oper in einem anderen, teilweise neuen Licht darzustellen, obwohl im Musiktheater und schon gerade bei Richard Wagner und seinem Gesamtkunstwerk an einer mit entsprechender Personenregie versehenen Inszenierungspraxis nichts vorbeif\u00fchrt und es auch nicht sollte. Aber die KI k\u00f6nnte dabei k\u00fcnftig vielleicht eine Rolle spielen, so wie sie es auch immer mehr in unserer Gesellschaft tun wird. Kunst kann sich schlie\u00dflich nie abgekoppelt von der Gesellschaft entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Dr. Klaus Billand<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDie Walk\u00fcre\u201c (1870) \/\/ Erster Tag des B\u00fchnenfestspiels \u201eDer Ring des Nibelungen\u201c von Richard Wagner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.bayreuther-festspiele.de\/programm\/auffuehrungen\/die-walkuere\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website der Bayreuther Festspiele<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Bayreuther Festspiele \u2022 Ring 10010110: Die Walk\u00fcre<\/span><\/br> Die KI versucht sich an Wagners \u201eWalk\u00fcre\u201c<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13655,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2023],"tags":[],"class_list":["post-13654","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-03"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Die-Walkuere-c-Bayreuther-Festspiele-Enrico-Nawrath.jpg",1500,917,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Die-Walkuere-c-Bayreuther-Festspiele-Enrico-Nawrath-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Die-Walkuere-c-Bayreuther-Festspiele-Enrico-Nawrath-600x184.jpg",600,184,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Die-Walkuere-c-Bayreuther-Festspiele-Enrico-Nawrath-1200x734.jpg",1200,734,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Die-Walkuere-c-Bayreuther-Festspiele-Enrico-Nawrath-768x470.jpg",600,367,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bayreuther-Festspiele_Die-Walkuere-c-Bayreuther-Festspiele-Enrico-Nawrath.jpg",600,367,false],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"30. 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