{"id":13837,"date":"2026-09-09T23:45:54","date_gmt":"2026-09-09T21:45:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13837"},"modified":"2026-09-09T23:45:57","modified_gmt":"2026-09-09T21:45:57","slug":"weimar-messias","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/09\/09\/weimar-messias\/","title":{"rendered":"Gemeinschaft als Hoffnung"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geh\u00f6rt seit Langem zur Praxis der H\u00e4ndel-Renaissance, auch die Oratorien des Barockmeisters als Musiktheater auf ihre Relevanz hin zu hinterfragen. So wie es jetzt Jochen Biganzoli zur Spielzeiter\u00f6ffnung in Weimar als Beitrag zum Kunstfest mit dem \u201eMessias\u201c vorf\u00fchrt. Das 1742 in Dublin uraufgef\u00fchrte Werk ist eine Perlenkette aus lauter eing\u00e4ngigen Nummern mit dem ber\u00fchmten \u201eHallelujah\u201c als besonders funkelndem Schmuckst\u00fcck und H\u00f6hepunkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um aus den biblischen Zitaten, die Charles Jennens zusammengestellt hat, eine szenische Auff\u00fchrung zu machen, bedarf es einer ordnenden Idee wie die szenische Aufteilung in die drei Teile \u201eVerhei\u00dfung\u201c, \u201ePassion\u201c und \u201eErl\u00f6sung\u201c. Theatertauglichkeit wird allein schon durch den Wechsel in der \u00c4sthetik von Wolf Gutjahr (B\u00fchne) und Katharina Weissenborn (Kost\u00fcme) gesichert. Biganzoli spielt zun\u00e4chst seine Meisterschaft bei der Verwendung von simultanen B\u00fchnenr\u00e4umen aus. In diesem Fall sind es sechs B\u00fchnenguckk\u00e4sten, die mit Blicken in die verschiedenen kleinen Welten einen Blick auf die Welt als Ganzes erlauben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oben links gibt es einen Raum f\u00fcr Familientreffen, mit Bildschirm und auch mit B\u00fccherwand. Rechts schlie\u00dft sich ein Gro\u00dfraumb\u00fcro an, das als Steuerungszentrale oder Krisenstab taugt. Schlie\u00dflich ist ein einzelner Mann mit sich und seinem Computer allein. Es ist Bass Jacob Harrison, der sp\u00e4ter diese Einsamkeit verlassen und mit seinen Tiraden gehen die M\u00e4chtigen der Welt auftrumpfen wird. In der unteren Reihe dieses Weltpanoptikums findet sich links ein Waschsalon und in der Mitte ein hochger\u00fcstetes Krankenzimmer mit einem offensichtlich Sterbenden, w\u00e4hrend rechts daneben eine glamour\u00f6se Gesellschaft das Leben als Party zelebriert. Das \u201eEs ist uns ein Kind geboren\u201c findet dann oben links unter einem Weihnachtsbaum statt. F\u00fcrs Publikum durchaus herausfordernd, werden diese simultanen Teilwelten immer wieder von Videobildern aus der gro\u00dfen Welt \u00fcberflutet. Altistin Sarah Mehnert f\u00e4llt als Besucherin am Krankenbett auf, Tenor Simon Bode betritt die Szene vom Zuschauerraum aus. Auch die beiden Sopranistinnen Emma Moore und Ad\u00e8le Clermont sind auf der Suche nach ihrem Platz in der Bilderfolge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr ihre Videos hat sich Jana Schatz reichlich im gro\u00dfen Vorrat der Nachrichten- und Zeitgeistbilder bedient, aber auch selbst welche hinzugef\u00fcgt, die bei der Probenarbeit mit der 52-k\u00f6pfigen personellen Verst\u00e4rkung des professionellen Opernchores aus Einwohnern von Stadt und Umgebung erstellt wurden. Partizipatives Theater als Prozess und auf der B\u00fchne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Pause, im zweiten Teil, erreicht die frohe Botschaft auch diese Menschen, die sich jetzt ganz locker in Zivil auf der nun leeren wei\u00dfen B\u00fchne einfinden. Wenn der Profichor ganz in Wei\u00df dazu kommt, hat er auch f\u00fcr die Zivilisten wei\u00dfe Einheitsbekleidung dabei, die jetzt alle anlegen. Und wenn in der Mitte der B\u00fchne eine Plastikfolie ausgebreitet und darauf Theaterblut verteilt wird, dann wird das zu einer Theatererinnerung an das sakrale Ritual, bei dem vom Blut des Erl\u00f6sers die Rede ist, und zum Zentrum der Gemeinschaft, die dann freilich auch zu Boden geht und sich erst durch die mitrei\u00dfende Wucht des \u201eHallelujah\u201c wieder erhebt und an der Rampe formiert. Ein Theatereffekt mit ziemlicher Wirkung, der genau den Applaus bekommt, auf den er zielt \u2013 die Anregung zum Nachdenken aber auch mitliefert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im dritten Teil schlie\u00dflich steht das Motto \u201eGemeinschaft leben\u201c gro\u00df hinter allem, was jetzt auf der B\u00fchne als Kunst in Konzertformation und im Video als Einblick in Einrichtungen, die zu diesem Motto passen, zelebriert wird. Zwei Worte, die einfach konstatieren, was man in den Videos sieht, aber auch fordern, was dar\u00fcber hinaus fehlt. Wenn das Publikum sich aber zum Amen selbst auf der Riesenleinwand beobachten kann, langsam das Saallicht aufdimmt und schlie\u00dflich auch noch das Orchester im Graben hochf\u00e4hrt, wird die musikalische Intention von H\u00e4ndels Musik zur Aufforderung f\u00fcr das Leben von heute.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Weimarer Musikdirektor Daniel Carter versucht mit der Staatskapelle Weimar gar nicht erst auf barocke Delikatesse oder sakrale Jenseitsmusik zu setzen, sondern betont zupackend das diesseitig Menschliche, das bei H\u00e4ndel ja auch in seinen Oratorien mitschwingt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Roberto Becker<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eMessiah\u201c (\u201eDer Messias\u201c) (1742) \/\/ Oratorium von Georg Friedrich H\u00e4ndel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.dnt-weimar.de\/de\/programm\/stueck-detail.php?SID=3913\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website des Deutschen Nationaltheaters Weimar<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Kunstfest Weimar &#038; Deutsches Nationaltheater Weimar \u2022 Messias<\/span><\/br> H\u00e4ndels Oratorium als partizipatives Chorprojekt<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13838,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2035],"tags":[],"class_list":["post-13837","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-04"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Weimar_Messias-c-Anke-Neugebauer.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Weimar_Messias-c-Anke-Neugebauer-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Weimar_Messias-c-Anke-Neugebauer-600x169.jpg",600,169,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Weimar_Messias-c-Anke-Neugebauer-1200x675.jpg",1200,675,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Weimar_Messias-c-Anke-Neugebauer-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Weimar_Messias-c-Anke-Neugebauer.jpg",600,338,false],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"9. 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