{"id":13844,"date":"2026-09-14T12:52:40","date_gmt":"2026-09-14T10:52:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13844"},"modified":"2026-09-14T17:04:57","modified_gmt":"2026-09-14T15:04:57","slug":"minden-die-meistersinger-von-nuernberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/09\/14\/minden-die-meistersinger-von-nuernberg\/","title":{"rendered":"Sensibel, poetisch, ideal"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Mindener Produktion von Richard Wagners aufwendigster Oper ger\u00e4t in mehrfacher Hinsicht \u00fcberw\u00e4ltigend begl\u00fcckend. Das zum ehrgeizigen Zyklus gesteigerte, 2002 begonnene Gro\u00dfprojekt aller Wagner-Opern ab \u201eDer fliegende Holl\u00e4nder\u201c endet mit einem H\u00f6hepunkt, der die exklusive Position der Bayreuther Festspiele gleicherma\u00dfen best\u00e4tigt und relativiert. Trotz der fulminanten Gesamtleistung und so gut wie ausverkaufter Vorstellungen steht die Fortsetzung leider in den Sternen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Jakob Peters-Messers Regie der 1868 in M\u00fcnchen unter K\u00f6nig Ludwig II. von Bayern uraufgef\u00fchrten Oper wird der Schusterpoet Hans Sachs auf der Vorb\u00fchne von allen verlassen. Dahinter pl\u00e4rrt der in Konzertaufstellung h\u00f6chst pr\u00e4sente Opernchor coruso dessen Ausrutscher \u00fcber nationale Kunst nach. Heute g\u00e4be es daf\u00fcr Shitstorms und soziale Stigmatisierung. Andererseits greift der populistische P\u00f6bel im Wortsinn nur das auf, was er verstehen will, und negiert den differenzierenden Hintergrund. Das Orchester auf der Hauptb\u00fchne, der Chor dahinter und die Solisten auf der Vorb\u00fchne generieren im Stadttheater Minden mit seiner splendiden Akustik eine intensive N\u00e4he zum Publikum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Guido Petzold setzt den dekorativen Rahmen \u2013 wenige Holzm\u00f6bel und Requisiten. Dazu sinnf\u00e4llige Videos mit der N\u00fcrnberger Meistersinger-Tabulatur aus dem 16. Jahrhundert, dem Typoskript von Walthers Preislied als poetische \u00dcberh\u00f6hung, vielen Gesichtern aus der realen Stadtgesellschaft Mindens und einem Weser-Panorama mit der Porta Westfalica und sommerlicher Flusslandschaft. Das besagt, dass die Herausforderungen zur Positionierung dieser fragw\u00fcrdigen Nationaloper zwischen Idylle, falschem Patriotismus, dem hier mit humaner Botschaft ausgeblendeten Antisemitismus und Soziotopographie in N\u00fcrnberg, Bayreuth und Westfalen die gleichen bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gegenwartsmenschen begeben sich am Beginn ins Spiel. Sie l\u00fcpfen Verkleidungen mit Renaissance-Attributen von Angela Schuetts Kost\u00fcmst\u00e4ndern. Sie gucken immer wieder in \u201eMeistersinger\u201c-Klavierausz\u00fcge, springen sp\u00e4ter je nach Situation von der direkten Handlung in objektivierende Beobachtung und zur\u00fcck. Die Textverst\u00e4ndlichkeit ist meist gut und immer in der genau richtigen Balance zwischen Konversation und Melodie. Simon Bailey ist ein exemplarischer Solit\u00e4r in dieser Premiere, der Hans Sachs mit einer lyrischen und gar nicht altersweisen Kraft umgibt. Durch ihn wird Sachs\u2019 Verzicht auf Eva zum Hauptthema: nicht in \u00dcberpixelung von Diktion und Darstellung, sondern mit einem bemerkenswert unspektakul\u00e4r sensiblen Fluss. Die acht sogenannten kleinen Meister sind intensiv gefordert: Leon Noel Wepner (Kunz Vogelgesang), Frieder Flesch (Konrad Nachtigall), V\u00e1clav Vallon (Balthasar Zorn), Ilya Silchuk (Ulrich Eisslinger), Steffen Schantz (Augustin Moser), Mykola Piddubnyk (Hermann Ortel), Oscar Marin-Reyes (Hans Schwarz) und Maurice Giancarlo Avitabile (Hans Foltz). Ohne Zusatz-Personnage wuppen sie die Pr\u00fcgelfuge sogar mit einer Hetzjagd durch den ersten Rang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frank Beermann und die Nordwestdeutsche Philharmonie sind sogar in der dichten Wagner-Umkreiskonkurrenz von Hannover, Dortmund und Hamburg bew\u00e4hrungsf\u00e4hig. Begeisterndes gelingt: Gerade in diesem kleinen Raumvolumen bleiben die \u201eMeistersinger\u201c mit Absicht eine gro\u00dfrauschende Wagner-Oper. Das beg\u00fcnstigt diese Liebeserkl\u00e4rung an ein \u201earmes\u201c Theater, in dessen Mittelpunkt nicht nur als Lippenbekenntnis die Menschen und das mit jedem Takt ernst genommene Werk stehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kathrin G\u00f6ring gibt Evas Freundin Magdalene schlichtweg ideal. Emma McNairy ist eine selbstbewusste Eva, die mit angesagter Indisposition eher die Kraft als die Schutzlosigkeit der von ihrem Vater zur Heiratsware deklarierten Frau zeigt. Die beiden Hauptpartien-Ten\u00f6re sind die gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung von Minden. Jussi Myllys ist in dieser Spitzenkategorie eine \u00e4hnliche Neubewertung des Walther wie die durch Michael Spyres in Bayreuth. Und der David von Stephen Chambers besteht daneben als Darsteller und S\u00e4nger mit hoher Finesse. Er zieht in seinen wichtigen Szenen die Augen und Ohren immer voll auf sich. Christoph Seidl zeigt die Widerspr\u00fcche von Evas Vater Pogner auch in der Stimmf\u00fchrung. Michael Borth d\u00fcrfte die vielen Aufwertungen und Rehabilitierungen des Sixtus Beckmesser der letzten 30 Jahre noch \u00fcbertreffen. Johannes Schwarz ist ein sch\u00f6n singender Kothner. 15 Minuten Premieren-Ovationen klingen nicht so, als k\u00f6nnten sich die Initiatoren des Richard Wagner Verbands jetzt aus der Mindener Opern-Projektschmiede zur\u00fcckziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Roland H. Dippel<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eDie Meistersinger von N\u00fcrnberg\u201c (1868) \/\/ Oper von Richard Wagner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.meistersinger-in-minden.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Projekt-Website<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Richard Wagner Verband Minden \u2022 Die Meistersinger von N\u00fcrnberg<\/span><\/br> Sternstunden zum Abschluss eines fast 25-j\u00e4hrigen Wagner-Zyklus<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13845,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2035],"tags":[],"class_list":["post-13844","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-04"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13844","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13844"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13844\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13847,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13844\/revisions\/13847"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13845"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13844"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13844"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13844"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}