{"id":13848,"date":"2026-09-14T16:30:11","date_gmt":"2026-09-14T14:30:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13848"},"modified":"2026-09-14T17:12:16","modified_gmt":"2026-09-14T15:12:16","slug":"hamburg-macbeth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/09\/14\/hamburg-macbeth\/","title":{"rendered":"Messerstecherei in der Manege"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Manche Menschen werden zu Tyrannen. Immer wieder, vielerorts. Was fasziniert sie an Machtgier, Skrupellosigkeit, Blutrausch? Vermutlich steuert hier eine sinistre, pathologische Passion den Prozess, ein Fall f\u00fcr die Psychiatrie. Die Titelfigur und seine Frau hegen solche Neigungen in \u201eMacbeth\u201c, auf den Spuren von William Shakespeare entstanden, von Guiseppe Verdi 1847 mit eindringlicher Musik \u00fcbergossen und mehrfach bearbeitet. Die Staatsoper Hamburg zeigt in einer m\u00e4\u00dfig prickelnden Neuproduktion seine zweite Fassung (1865). Regie f\u00fchrt Intendant Tobias Kratzer. Ein betonschwerer Brocken erdr\u00fcckender D\u00fcsternis, vom Publikum gespalten aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinter erfolgreichen M\u00e4nnern stehen angeblich starke Frauen, lautet eine Binsenweisheit. In \u201eMacbeth\u201c baut sie sich eher vor ihm auf, dr\u00e4ngt und schubst, von blindem Ehrgeiz befeuert. Ihr Gemahl wirkt schw\u00e4chlich, z\u00f6gernd, f\u00e4hrt lieber mit seinem Sohn ein Spielzeugauto \u00fcber den Teppich. Doch die perfide Lady man\u00f6vriert ihn harsch zum Kampf um die Krone. Am Ende stirbt sie, wie etliche andere Akteure. Leichen stapeln sich. In der finalen Szene d\u00fcrfen alle wieder auferstehen, weil das letzte Menetekel der wild fuchtelnden Hexen unerf\u00fcllt blieb \u2013 Ausgang offen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tobias Kratzer und sein Ausstatter Rainer Sellmaier haben im finster sterilen Raum eine Manege mit Trib\u00fcne kreiert. \u00dcber weite Strecken schaut von dort der Chor stumm zu, bewegt ab und zu Oberk\u00f6rper oder Arme, still kommentierend, aber ohnm\u00e4chtig. Heutig fallen die Kost\u00fcme aus. Zwingend wirkt das nicht unbedingt. Entsprechend l\u00e4uft die besessene Lady in Jeans oder Glitzerlook durch das ansonsten g\u00e4nzlich schmucklose, karge Interieur, ihr fremd gesteuerter Ehemann rauft sich angesichts schleichenden Wahnsinns in Abendrobe die Haare.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Regisseur verzichtet auf den ber\u00fchmten Wald von Birnam und begn\u00fcgt sich mit dem streng formierten Chor als Drohkulisse. Seine Personenf\u00fchrung ist ebenso stringent wie exzellent. So entstehen markante, zeitweilig emotional aufgeladene, hoch \u00e4sthetisierte Momente, darunter das Regenbild. Einiges erinnert partiell an Seifenopern, doch f\u00fcr den gro\u00dfen Bogen gen\u00fcgt das kaum. Mit einer Messerstecherei in der Manege beginnt das Desaster. Macbeth ermordet Duncan. Er verheddert sich fortan im t\u00f6dlichen Kreislauf, bis er selbst dahingerafft wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Konsequent sieht Kratzer die Oper als Nachtst\u00fcck im Kammerformat, tiefgrau, ausweglos. Die Solistinnen und Solisten verbreiten auch nur bedingt Glanz. Nino Machaidze als st\u00e4hlerne Lady und Kartal Karagedik in der Titelpartie wirken solide, gleichfalls Dovlet Nurgeldiyev als Macduff, Colin Aikins (Malcolm) und Alexander Vinogradov als Banco. Belcanto-Strahlkraft entfalten sie nur selten. Pluspunkte markieren der ausgezeichnet pr\u00e4parierte, omnipr\u00e4sente Chor und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Leitung von Tom\u00e1\u0161 Hanus. Er dirigiert straff, besonders in den flirrenden Piano-Phasen, durchsichtig und sorgt sporadisch f\u00fcr elektrisierende Forte-Kl\u00e4nge, h\u00e4lt vor allem den gro\u00dfen Apparat im Lot. Nach dem Schlusston gibt es \u00fcppigen Applaus und Buhs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>J\u00fcrgen Rickert<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eMacbeth\u201c (1847\/65) \/\/ Melodramma von Giuseppe Verdi<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.die-hamburgische-staatsoper.de\/de\/programm\/oper\/1936-macbeth\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website der Staatsoper Hamburg<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Staatsoper Hamburg \u2022 Macbeth<\/span><\/br> Verdis Melodramma als Nachtst\u00fcck im Kammerformat<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13849,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2035],"tags":[],"class_list":["post-13848","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-04"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13848","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13848"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13848\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13855,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13848\/revisions\/13855"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13849"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13848"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13848"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13848"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}