{"id":13852,"date":"2026-09-14T16:47:09","date_gmt":"2026-09-14T14:47:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13852"},"modified":"2026-09-14T16:47:11","modified_gmt":"2026-09-14T14:47:11","slug":"schwerin-fidelio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/09\/14\/schwerin-fidelio\/","title":{"rendered":"Gut gemeinte Agitprop-Spielereien"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">L\u00e4sst sich an einem gut gemeinten Engagement Kritik \u00fcben? Am Mecklenburgischen Staatstheater versucht sich Regisseurin Kerstin Steeb an \u201eFidelio\u201c, liest die Oper gemeinsam mit Autorin Maike Graf als \u201eErz\u00e4hlung \u00fcber Angst, Mut und das Aufbrechen eines Systems\u201c \u2013 und schadet Beethovens Werk mit dieser Politisierung leider mehr als nur. Denn der Wunsch, die aktuelle Geschichte der belarusischen Aktivistin Maria Kalesnikava auf die Protagonistin Leonore zu \u00fcbertragen, aus dem Musiktheater eine gro\u00dfe B\u00fchne f\u00fcr Widerstand, Solidarit\u00e4t und Massenmobilisierung zu machen, erweitert im Schweriner Theaterzelt die urspr\u00fcngliche Textfassung um ziemlich lange, aus dem Off rezitierte und auch bruchst\u00fcckhaft projizierte Passagen aus Briefen Kalesnikavas \u2013 und rei\u00dft damit so manchen musikalisch-dramaturgischen Zusammenhang auseinander. Respekt, dass die Mecklenburgische Staatskapelle diese (Zer-)St\u00f6rung des Werkflusses stoisch ertr\u00e4gt, immer wieder aufs Neue konzentriert ansetzt und so zumindest mehr als nur eine Ahnung von der Vielschichtigkeit dieser Komposition vermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Offenbar sind mit Steeb und ihrer Mitstreiterin Begeisterung und Engagement f\u00fcr die belarusische B\u00fcrgerrechtlerin durchgegangen. Grunds\u00e4tzlich ein unterst\u00fctzenswerter Einsatz, denn \u00fcber die Abgr\u00fcnde von Diktator Alexander Lukaschenko gibt es unter westlichen Demokraten wohl keine zwei Meinungen. Und auch der Stand von Amnesty International (AI) im Foyer des Theaterzeltes, wo Mitarbeiter \u00fcber andere politische Gefangene informieren und Unterschriften f\u00fcr deren Freilassung sammeln (Kalesnikava war im Dezember 2025 nach f\u00fcnf Jahren Haft aus einem Straflager in Belarus freigelassen worden, wof\u00fcr sich AI intensiv eingesetzt hatte), ist zweifellos zu best\u00e4rken; ebenso wie der Einsatz von Hausbariton Martin Gerke, der in der Pause am Tisch daneben f\u00fcr Brief-Solidarit\u00e4t mit den zahllosen noch inhaftierten politischen Gefangenen im ehemaligen Wei\u00dfrussland wirbt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch wer unter dieser Initiative auf der B\u00fchne leidet, ist Beethoven. Da hilft es auch nichts, dass schon Ernst Bloch einst klar zum Ausdruck brachte, dass der Schluss der Oper die M\u00f6glichkeit einer besseren Welt zeige, die zu schaffen den Figuren und dem Publikum aufgegeben ist \u2013 eine \u00dcberdeutlichkeit in der Inszenierung ist selten von Vorteil. Und deutlich machen es Steeb und Christopher Dippert (B\u00fchne und Video) in den zweieinhalb Stunden zuvor ohne Unterlass: Immer wieder werden Bilder von den Protesten in Belarus, von Kalesnikava und ihren Mitstreiterinnen gro\u00dfformatig auf der einf\u00f6rmigen Gef\u00e4ngnismauer im Hintergrund eingespielt. Briefk\u00e4sten und \u00f6ffentliche Telefone sowie \u201eExit\u201c-Lampen dienen anderen Polit-Verdeutlichungen und nicht wirklich weiterf\u00fchrenden Agitprop-Spielereien. Und kurz vor dem Ende wird es gar arg pathetisch: \u201eDann wurde eine Stimme der Demokratie laut\u201c k\u00fcndet es, und aus den Publikumsreihen t\u00f6nt Gerke \u2013 des K\u00f6nigs Minister Don Fernando \u2013 als Retter f\u00fcr den an einem kleinen Seilchen festgehaltenen Florestan (leider nicht mehr als solide: Roman Payer). Das offenbart gleich noch ein anderes Inszenierungsproblem: Personenregie ist eher Mangelware, meist stehen Protagonisten wie auch Chorensembles \u2013 Beziehungen, Emotionen gar finden sich nur selten in ihren Auftritten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bleibt Beethovens Musik (oder das, wozu zwischen den neuen Texten immer wieder angesetzt wird). Karen Leiber als Leonore ist zwar keine k\u00e4mpferische Amazone, sondern zeigt durchaus Verletzlichkeit, st\u00f6\u00dft in der Titelpartie allerdings auch immer wieder an Grenzen \u2013 aber vielleicht ist das in der Rolle schon mitkomponiert. W\u00e4hrend Anna Graf als Marzelline darstellerisch mehr mitzurei\u00dfen vermag als mit ihrem bisweilen scharfen Sopran, sammelt Gerard Farreras als Rocco mit seiner Verschmitztheit nicht nur stimmlich Pluspunkte beim Publikum \u2013 und der scharf charakterisierende Brian Davis wei\u00df als Don Pizarro eindrucksvoll aufzutrumpfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entsprechend m\u00fcht sich auch Gastdirigent G\u00e1bor Hontv\u00e1ri redlich um innere Intensit\u00e4t, doch dr\u00e4ngt er dabei leider die Momente der Verinnerlichung zur\u00fcck. Nichts gegen energetisches Musizieren, aber Brillanz und Transparenz gehen damit nicht immer automatisch einher, und die dramaturgische Zerst\u00fcckelung tut an diesem Premierenabend ein \u00dcbriges. Gut gemeint ist eben nicht immer auch gut gekonnt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Christoph Forsthoff<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eFidelio\u201c (1805\/14) \/\/ Oper von Ludwig van Beethoven, Dialogfassung von Maike Graf mit Briefen von Maria Kalesnikava<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.mecklenburgisches-staatstheater.de\/programm\/fidelio\/am\/13-September-2026-um-17-00.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website des Mecklenburgischen Staatstheaters<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Mecklenburgisches Staatstheater \u2022 Fidelio<\/span><\/br> Beethovens Oper geht in Freiheits-Briefen unter<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13853,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2035],"tags":[],"class_list":["post-13852","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-04"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13852","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13852"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13852\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13859,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13852\/revisions\/13859"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13853"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13852"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13852"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13852"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}