{"id":13892,"date":"2026-09-25T16:44:57","date_gmt":"2026-09-25T14:44:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13892"},"modified":"2026-09-25T16:53:54","modified_gmt":"2026-09-25T14:53:54","slug":"berlin-mittwoch-aus-licht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/09\/25\/berlin-mittwoch-aus-licht\/","title":{"rendered":"Elektronifizierte Kosmologie"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Spinnerei, Spielerei oder schlicht genial? An Karlheinz Stockhausens \u201eLicht\u201c-Zyklus scheiden sich seit jeher die Geister. Die sieben zwischen 1977 und 2003 entstandenen Opern \u2013 eine f\u00fcr jeden Tag der Woche \u2013 ergeben mit einer Spieldauer von rund 29 Stunden das l\u00e4ngste Musiktheaterwerk aller Zeiten. Der zutiefst spirituelle Komponist (1928-2007) durchdrang sein gigantisches Opus magnum mit kosmologischen Weltbildern, elektronischen Raumkl\u00e4ngen, religi\u00f6sen Kr\u00e4ftepolen (Michael, Eva und Luzifer) und der sogenannten \u201eSuperformel\u201c (ein einmin\u00fctiger musikgenetischer Code, aus dem sich die gesamte Heptalogie entfaltet).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis heute wurde \u201eLicht\u201c noch niemals in seiner Gesamtheit realisiert. Zum Auftakt ihres neuen Intendanten Aviel Cahn setzt die Deutsche Oper Berlin jetzt ein Zeichen: \u201eMittwoch aus Licht\u201c ist nicht nur die zweite szenische Auff\u00fchrung dieses Werks \u00fcberhaupt, sondern auch das finale Puzzlest\u00fcck von Principal Guest Conductor Maxime Pascal, der mit seinem Kollektiv \u201eLe Balcon\u201c seit 2018 bereits s\u00e4mtliche anderen Teile des Zyklus (in Paris und Lille) auf die B\u00fchne gehievt hat. Diese singul\u00e4re Erfahrung mit der k\u00fcnstlerischen Sprache Stockhausens kommt der Qualit\u00e4t des Abends extrem zugute. Der \u201eTag der Liebe und der kosmischen Solidarit\u00e4t\u201c verlangt nach keinem Dirigenten im klassischen Sinne \u2013 von den Instrumentalisten bis zum Chordirektor sind s\u00e4mtliche Akteure in ein szenisches Ritual eingebunden, dem der Komponist Libretto, Aktionen, Gesten und Symbolik penibel vorgeschrieben hat. Wie Pascal dieses hochkomplexe Konstrukt tiefenscharf einstudiert hat, fesselt als irisierend-meditativer Klangrausch der etwas anderen Art.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einen dramatischen Erz\u00e4hlbogen im klassischen Sinne sucht man beim \u201eMittwoch\u201c vergebens. Im \u201eWelt-Parlament\u201c debattiert der diffizil ausgestaltete Chor der Deutschen Oper Berlin a cappella mit singendem Dirigenten (Jeremy Bines) \u00fcber den Wert von Vers\u00f6hnung und Verst\u00e4ndigung, die zweite Szene \u201eOrchester-Finalisten\u201c er\u00f6ffnet solistische R\u00e4ume rund um das Element Luft (von Ventilatoren und D\u00fcsenj\u00e4gern bis zu Kindern, Bienen und Wildg\u00e4nsen). Das inzwischen legend\u00e4re, in diesem Fall im l\u00e4ndlichen Brandenburg voraufgezeichnete Helikopter-Streichquartett wird auf mehreren Bildschirmen b\u00fchnenf\u00fcllend projiziert \u2013 Anna Matz (Violine I), Monia Rizkallah (Violine II), Kirsikka de Leval Jezierski (Bratsche) und Arne-Christian Pelz (Cello) interagieren aus ihren Flugkabinen mittels genauester Taktspuren nicht nur untereinander, sondern auch mit den Propellerbl\u00e4ttern, die selbst zum Instrument werden. Die Abschlussszene \u201eMichaelion\u201c schlie\u00dflich f\u00fchrt in \u201eeine galaktische Zentrale f\u00fcr Delegierte des Universums\u201c, wo das singende und tanzende \u201eLuzikamel\u201c inmitten dadaistischen Gebrabbels zum neuen Pr\u00e4sidenten\/Operator (herrlich verschrobener Bass mit Kurzwellenempf\u00e4nger: Robin Adams) gew\u00e4hlt wird \u2013 laut Stockhausen ein Symbol f\u00fcr \u201eFrieden mit Gott, dem Sch\u00f6pfer aller Universen, Kreaturen\u201c. Verquast? Vision\u00e4r? V\u00f6llig abgedreht? Man sieht staunend zu, wie alle Beteiligten \u2013 darunter auch Pascals Ensemble \u201eLe Balcon\u201c \u2013 das alles bierernst und feierlich in den Raum stellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Passend dazu platziert B\u00fchnenbildner Markus Selg einen w\u00fcsten Steinaltar im Zentrum der B\u00fchne, der Deutungshorizonte zwischen Archaik und Apokalypse er\u00f6ffnet: Mal zeigen die dahinter vorbeiziehenden Videostr\u00f6me (Selg mit Warja Rybakova) gem\u00e4chlich dahinflie\u00dfenden W\u00fcstensand, dann wieder wilde Farbenstrudel zwischen Bomben, schmatzenden Ziegen und dem g\u00f6ttlichen Auge der Erkenntnis. Das wirkt mit der Zeit wie sich st\u00e4ndig wiederholende KI-Gebrauchsgrafik; ganz abgesehen vom \u00e4rgerlich inflation\u00e4ren Stroboskop-Einsatz w\u00e4hrend der \u201eOrchester-Finalisten\u201c, der mit unabl\u00e4ssigem Glei\u00dfen wohl einen psychedelischen Fiebertraum erzeugen soll, auf Dauer aber einfach grenzwertig unangenehm ist (Licht: Marcel Weber\/MFO). Regisseurin Susanne Kennedy bettet den \u201eMittwoch aus Licht\u201c in eine sehr reduzierte, rituelle Personenf\u00fchrung. Das deckt sich mit Stockhausens Prozessions-Charakter \u2013 mehr w\u00e4re vielleicht sogar zu viel. Unterst\u00fctzt wird der Gesamteindruck von Andra Dumitrascus zeremoniellen Roben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2028 j\u00e4hrt sich Stockhausens Geburtstag zum 100. Mal. Maxime Pascals pers\u00f6nliche Reise durch den \u201eLicht\u201c-Kosmos ist f\u00fcr ihn noch l\u00e4ngst nicht abgeschlossen \u2013 hoffen wir, dass sich seine Vision der weltweit ersten geschlossenen Gesamtauff\u00fchrung dann bewahrheitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Florian Maier<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eMittwoch aus Licht\u201c (entstanden 1995-97; posthume szenische Urauff\u00fchrung 2012) \/\/ Oper von Karlheinz Stockhausen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/deutscheoperberlin.de\/de_DE\/production\/mittwoch-aus-licht.1386828\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website der Deutschen Oper Berlin<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Deutsche Oper Berlin \u2022 Mittwoch aus Licht<\/span><\/br> Stockhausen zelebriert die Utopie der Liebe<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13893,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2035],"tags":[],"class_list":["post-13892","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-04"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Deutsche-Oper-Berlin_Mittwoch-aus-Licht-c-Julian-Roeder.jpg",1500,1000,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Deutsche-Oper-Berlin_Mittwoch-aus-Licht-c-Julian-Roeder-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Deutsche-Oper-Berlin_Mittwoch-aus-Licht-c-Julian-Roeder-600x200.jpg",600,200,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Deutsche-Oper-Berlin_Mittwoch-aus-Licht-c-Julian-Roeder-1200x800.jpg",1200,800,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Deutsche-Oper-Berlin_Mittwoch-aus-Licht-c-Julian-Roeder-768x512.jpg",600,400,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Deutsche-Oper-Berlin_Mittwoch-aus-Licht-c-Julian-Roeder.jpg",600,400,false],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"25. 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