{"id":13926,"date":"2026-10-04T22:09:01","date_gmt":"2026-10-04T20:09:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13926"},"modified":"2026-10-04T22:31:51","modified_gmt":"2026-10-04T20:31:51","slug":"basel-moses-und-aron","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/10\/04\/basel-moses-und-aron\/","title":{"rendered":"Auf in die W\u00fcste!"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eKannst Du lieben, was Du Dir nicht vorstellen darfst?\u201c Nach Generationen der Sklaverei sollen Moses und Aron die Israeliten aus \u00c4gypten heim ins gelobte Land f\u00fchren. Doch wie \u00fcberzeugt man ein Volk von einem Gott, \u00fcber dem ein Bilderverbot h\u00e4ngt, der einzig, ewig und allgegenw\u00e4rtig, aber auch unsichtbar und unvorstellbar ist?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Arnold Sch\u00f6nbergs biblisches Werk ist f\u00fcr die Theater in Basel und Freiburg \u201eder Sandalenfilm unter den Opernmonumenten\u201c. Die nur knapp 50 km Luftlinie voneinander entfernten H\u00e4user setzen unter ihren Intendanten Benedikt von Peter und Felix Rothenh\u00e4usler regelm\u00e4\u00dfig programmatische Ausrufezeichen. Jetzt haben sie sich als Regieduo gemeinsam mit dem Multimediak\u00fcnstler Olaf Breuning (Ausstattung) zusammengetan, um \u201eMoses und Aron\u201c grenz\u00fcberschreitend in die Region Oberrhein zu bringen: zwei Opernch\u00f6re, zwei Ensembles, zwei Theater aus zwei L\u00e4ndern. Los geht es in Basel, gefolgt von einer Freiburger Auff\u00fchrungsserie ab M\u00e4rz 2027.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Sch\u00f6nbergs Ideendrama prallen zwei Weltbilder aufeinander: auf der einen Seite Moses, ein fanatischer und kompromissloser Prophet, f\u00fcr den wahre Gottesn\u00e4he ohne verf\u00e4lschende Zwischent\u00f6ne nur in der nackten \u201eWunschlosigkeit der W\u00fcste\u201c zu erreichen ist \u2013 auf der anderen Aron, Sprachrohr zwischen seinem Bruder und dem Volk, aber mit eigener Agenda: Gott m\u00fcsse die Menschen mit greifbaren Bildern und Wundern erst einmal emotional erreichen, bevor sie ihm ihr Leben bereitwillig anvertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDu sollst Dir kein Bild machen!\u201c Mit 87 Jahren verf\u00fcgt die Schweizer Theaterlegende Walter Hess immer noch m\u00fchelos \u00fcber die genau richtige packende Aura, um das zugrundeliegende zweite Gebot rhythmisch pr\u00e4gnant, mit st\u00f6rrischer Vehemenz und allen Widerst\u00e4nden zum Trotz zu propagieren. Wird Moses anderswo oft mit einem S\u00e4nger besetzt, bleibt er hier konsequent Sprechrolle \u2013 in klarem Kontrast zu seinem Bruder. Tenor Rolf Romei ist den ganzen Abend \u00fcber nicht in persona auf der B\u00fchne pr\u00e4sent, seine Stimme erklingt k\u00f6rperlos aus einem gro\u00dfen Lautsprecher: ein fahrbares Holzpodest mit rot glimmendem Megafon, begleitet von mechanischem Rattern, gesteuert via Joystick vom im Orchesterpodest verborgenen S\u00e4nger. Wenn Romei bet\u00f6rend s\u00fc\u00dfliche Lobges\u00e4nge platziert, wirkt das in dieser Konstellation beklemmend entmenschlicht, undurchschaubar (manipulativ?) und wie der sprichw\u00f6rtliche Gott aus der Maschine \u2013 dem Moses schlie\u00dflich den Stecker zieht \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Benedikt von Peter und Felix Rothenh\u00e4usler holen den theologischen Diskurs mitten ins Publikum. Ihre immersive Inszenierung macht die vereinten Basler und Freiburger Ch\u00f6re (Leitung: Michael Clark und Norbert Kleinschmidt) zum eigentlichen Star des Abends. Die schwarz gekleideten S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger sitzen erst wie gew\u00f6hnliche Zuschauer unauff\u00e4llig im Parkett, springen dann auf \u2013 und entfesseln einen Raumklang, dem man sich nicht entziehen kann (und will). Aufgeheizte Stimmung, fanatisch funkelnde Augen, Aggression, Ekstase, Zweifel, Blutrausch, animalische Wollust: Man ist mittendrin im Geschehen, sp\u00fcrt die Eskalationsspirale eines Volkes im Ausnahmezustand quasi am eigenen Leib \u2013 und wird f\u00fcr den Tanz um das Goldene Kalb mit eingeladen auf die B\u00fchne. Dort fallen \u00fcberdimensionale \u201eGlaubenss\u00e4tze\u201c vom B\u00fchnenhimmel, mit denen geprahlt, gemordet und geschlafen wird: Zigarette, Smartphone, Pizza, Weinglas, Staubsauger, Axt, \u2026 jede und jeder von uns ist seinen \u201eGoldenen K\u00e4lbern\u201c verfallen, so die eindringliche Botschaft. Man glaubt allen Beteiligten ihre Rollen bis aufs Blut \u2013 \u00fcberl\u00e4sst so manche Opernregie gerade die Ch\u00f6re oft sich selbst in klischeebeladenem Bewegungsvokabular, wurde hier erstklassige Arbeit geleistet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das l\u00e4sst sich auch vom Sinfonieorchester Basel unter dem Freiburger GMD Andr\u00e9 de Ridder behaupten. Der Klangk\u00f6rper f\u00fcllt auf einem dreist\u00f6ckigen Metallpodest die gesamte B\u00fchnenr\u00fcckwand aus und musiziert Sch\u00f6nbergs Zw\u00f6lftontechnik trotz der chorischen Unruheherde im Saal derart zupackend und atmosph\u00e4risch, dass die bald 100 Jahre alte Komposition so frisch und modern wirkt wie eh und je.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eO Wort, Du Wort, das mir fehlt!\u201c Bis zu seinem Tod rang Sch\u00f6nberg im Exil mit der Vertonung des dritten Aktes, am Ende blieb die reine Textgestalt. Walter Hess rezitiert daraus am Ende sanft, reflektierend, Auge in Auge mit dem Publikum. \u201eSeid ihr bereit f\u00fcr die W\u00fcste?\u201c Hess r\u00e4umt die B\u00fchne leer, Sand rieselt von der Decke, noch eine Stunde sp\u00e4ter stehen Zuschauer am Rande der Premierenfeier nachdenklich davor. Es gibt keinen Schlussapplaus, kein erl\u00f6sendes Moment. Der Abend bleibt Fragment.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Florian Maier<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eMoses und Aron\u201c (entstanden 1930-32; szenische Urauff\u00fchrung 1957 posthum) \/\/ Opernfragment von Arnold Sch\u00f6nberg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Infos und Termine: <a href=\"https:\/\/www.theater-basel.ch\/de\/mosesundaron\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Theater Basel<\/a> \u2022 <a href=\"https:\/\/theater.freiburg.de\/de_DE\/programm\/moses-und-aron.1398880\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Theater Freiburg<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Theater Basel &#038; Theater Freiburg \u2022 Moses und Aron<\/span><\/br> Sch\u00f6nbergs Opernfragment als grenz\u00fcberschreitendes Ereignis<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13927,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2035],"tags":[],"class_list":["post-13926","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-04"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Theater-Basel_Moses-und-Aron-c-Ingo-Hoehn.jpg",1500,1000,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Theater-Basel_Moses-und-Aron-c-Ingo-Hoehn-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Theater-Basel_Moses-und-Aron-c-Ingo-Hoehn-600x200.jpg",600,200,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Theater-Basel_Moses-und-Aron-c-Ingo-Hoehn-1200x800.jpg",1200,800,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Theater-Basel_Moses-und-Aron-c-Ingo-Hoehn-768x512.jpg",600,400,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Theater-Basel_Moses-und-Aron-c-Ingo-Hoehn.jpg",600,400,false],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"4. 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