{"id":13933,"date":"2026-10-05T17:11:50","date_gmt":"2026-10-05T15:11:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13933"},"modified":"2026-10-05T17:11:52","modified_gmt":"2026-10-05T15:11:52","slug":"frankfurt-am-main-zaide","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/10\/05\/frankfurt-am-main-zaide\/","title":{"rendered":"Musikalisches Juwel"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Mozart hat kein Singspiel namens \u201eZaide\u201c geschrieben. Den Titel hat das unvollendete St\u00fcck erst bei der Urauff\u00fchrung im Jahr 1866 erhalten, 85 Jahre, nachdem der Komponist die Arbeiten daran abgebrochen hatte. \u00dcberliefert sind 15 Arien, keine Ouvert\u00fcre, kein Finale und vor allem keine Sprechtexte. In den vorhandenen Nummern zeigt sich Mozart so experimentierfreudig und originell wie nie zuvor. Es gibt zwei Melodramen mit gesprochenem Text, eine Arie, bei der das Singen in auskomponiertes Lachen \u00fcbergeht, und insgesamt einen farbigen Orchestersatz, der vielfach auf die Werke sp\u00e4terer Reife verweist. Das gl\u00e4nzend aufgelegte Frankfurter Opern- und Museumsorchester bringt das unter der befeuernden Leitung von George Petrou kontrastreich zur Geltung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Musiker befinden sich in der abgesenkten Mitte der elliptischen Spielfl\u00e4che, die Jo Schramm im Bockenheimer Depot errichtet hat und die wie eine Mischung aus Circus maximus und einer modernen Wettkampfbahn wirkt. Darauf l\u00e4sst Regisseur David Hermann die Protagonisten als Sklaven des despotischen Soliman ihre Bahnen ziehen, eingespannt in zwangsjackenartige Geschirre, welche \u00fcber St\u00e4be an einer \u00fcber der Spielfl\u00e4che schwebenden weiteren Ellipse befestigt sind: sinnlose, eint\u00f6nige Zwangsarbeit. Der junge Gomatz beklagt dort sein Schicksal und trifft auf Zaide. Gemeinsam unternehmen sie mit der Unterst\u00fctzung von Allazim einen Fluchtversuch. Dieser scheitert, das Paar wird zum Tod verurteilt. An dieser Stelle bricht die Oper ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Produktionsteam verzichtet auf die Erg\u00e4nzung gesprochener Dialoge und l\u00e4sst die Musiknummern f\u00fcr sich wirken. Dadurch wird die Grundsituation zwar plastisch, die rudiment\u00e4re Handlung bekommt aber etwas Abstraktes. Soliman wird anders als im Original nicht als \u201eSultan\u201c eingef\u00fchrt, sein sexuelles Interesse an Zaide ist szenisch getilgt, ebenso die herausgehobene Rolle des Allazim als Lieblingssklave. In dieser Form erscheint das Ganze wie eine Parabel von Kafka.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zugleich bewirkt die Reduktion eine Konzentration auf den musikalischen Kern. Hier gl\u00e4nzt neben dem vorz\u00fcglichen Orchester einmal mehr das Frankfurter Stamm-Ensemble. Die S\u00e4nger bieten dabei nicht blo\u00df ein erlesenes Arienkonzert, sondern formen die jeweiligen Gef\u00fchlszust\u00e4nde plastisch aus. So zeigt Peter Marsh zu Beginn mit schneidend heller Stimme die kalte Brutalit\u00e4t des Soliman, findet Michael Porters saftiger, lyrisch grundierter Tenor f\u00fcr Verzweiflung, Auflehnung und Resignation des Gomatz genau abgestufte Klangfarben. Aleksander Myrlings Allazim gef\u00e4llt mit der unangestrengten H\u00f6henlage seines kraftvollen Baritons. Als Osmin beweist Pete Thanapat nicht nur Beweglichkeit in seiner Lach-Arie, sondern auch sonore Bassf\u00fclle in der aus Mozarts \u201eThamos\u201c erg\u00e4nzten Arie des Oberpriesters, mit der am Schluss die Hoffnung auf ein Happy End begraben wird. Die Krone aber geb\u00fchrt Karolina Bengtsson in der Titelpartie mit ihrem runden und in der H\u00f6he leuchtenden Sopran.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Musikalisch l\u00e4sst der Abend ein untersch\u00e4tztes Juwel leuchten. Der Verzicht auf vervollst\u00e4ndigende Texte ist radikal, wird aber durch die Abstraktion der Inszenierung \u00fcberzeugend aufgefangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Dr. Michael Demel<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eZaide\u201c (entstanden 1779\/80; posthume Urauff\u00fchrung 1866) \/\/ Deutsches Singspiel (Fragment) von Wolfgang Amadeus Mozart, erg\u00e4nzt durch Ausz\u00fcge aus dessen Schauspielmusik \u201eThamos, K\u00f6nig in \u00c4gypten\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/oper-frankfurt.de\/de\/spielplan\/zaide\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website der Oper Frankfurt<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Oper Frankfurt \u2022 Zaide<\/span><\/br> Mozarts Torso \u201eZaide\u201c als Parabel \u00fcber Zwangsherrschaft<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13934,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2035],"tags":[],"class_list":["post-13933","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-04"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13933","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13933"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13933\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13936,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13933\/revisions\/13936"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13934"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13933"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13933"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13933"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}