{"id":13941,"date":"2026-10-06T21:15:03","date_gmt":"2026-10-06T19:15:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13941"},"modified":"2026-10-06T22:28:37","modified_gmt":"2026-10-06T20:28:37","slug":"blindenmarkt-der-zarewitsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/10\/06\/blindenmarkt-der-zarewitsch\/","title":{"rendered":"Zwischen Liebe und Staatsraison"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">In seinem 37. Jahr als Intendant der 1990 von ihm gegr\u00fcndeten Herbsttage Blindenmarkt beweist der umtriebige Michael Garschall einmal mehr, wie gut Operette funktionieren kann \u2013 und etabliert die kleine, nicht einmal 3.000 Einwohner z\u00e4hlende nieder\u00f6sterreichische Gemeinde damit weiter zu einem musterg\u00fcltigen Operettenmekka von \u00fcberregionaler Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Inszenierung des dramaturgisch etwas sperrigen \u201eZarewitsch\u201c von Franz Leh\u00e1r setzt er mit Wolfgang Dosch auf einen bew\u00e4hrten K\u00f6nner. In einer dramaturgisch wohltuend gestrafften Fassung zeigt dieser eine wahrhaftige, emotionsgeladen bezwingende Liebesgeschichte, die in einem technokratisch emotionslosen \u00dcberwachungsstaat spielt, der keinerlei Privatsph\u00e4re kennt \u2013 Intimit\u00e4t und Individualit\u00e4t k\u00f6nnen schwerlich Raum greifen. Das alles ist so feinsinnig und mit leichter Hand inszeniert, dass der ernste Hintergrund zwar immer pr\u00e4sent ist und mitschwingt, sich aber nie in den Vordergrund dr\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Clemens Kerschbaumers Zarewitsch ist ein Zerrissener, dem es als Sohn des Zaren nicht gelungen ist, aus diesem System auszubrechen. Auch in der selbst gew\u00e4hlten Einsamkeit der Emigration kann er sich der Dauer\u00fcberwachung nicht entziehen. Folgerichtig singt er so sein Wolga-Lied fernab aller Tenor-Schnulzenhaftigkeit als expressiven Monolog und zeigt dramaturgisch klug durchdacht auch die vokale Brillanz seines profunden Tenors. \u00c4hnlich wie dem Zarewitsch geht es Sonja, die \u2013 einst als Kind verkauft \u2013 ein Leben als T\u00e4nzerin fristete. Auch ihr gelang es nicht, aus ihrem kokottenhaften Leben auszubrechen. Hoffnung keimt auf, als sie dem Zarewitsch als vermeintlich m\u00e4nnliche Tscherkesse vorgestellt wird \u2013 bis aus dem Verkleidungsspiel Ernst wird. Maja Triler spielt dies mit hinrei\u00dfender Nat\u00fcrlichkeit und aufgeladener Emotion und entwickelt ihre Sonja so vom sch\u00fcchtern-verschreckten M\u00e4dchen zur selbstbewussten, starken Frau. Ihr silbern heller, tadellos gef\u00fchrter, sinnlicher Sopran, den sie nie forcieren muss, unterstreicht dies. Stimmlich wie vokal empfehlen sich beide als ideale Operetten-S\u00e4nger-Darsteller, die nicht den geringsten Wunsch offenlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das gilt auch f\u00fcr das handlungstechnisch nicht wirklich erhebliche Buffo-Paar, das wohldosiert und unwiderstehlich f\u00fcr etwas Zuckerguss sorgt: Katrin Fuchs (Mascha) singt diseusenhaft-schauspielerisch, Andreas Sauerzapf (Iwan) mit gut sitzendem, profundem Buffo-Tenor \u2013 eine ideale Kombination, die mit Spielwitz und herzerf\u00fcllter Nat\u00fcrlichkeit besticht, ohne je kitschig oder zotenhaft zu sein. Kammerschauspielerin Marianne Nentwich als Gro\u00dff\u00fcrstin (im Original ein Gro\u00dff\u00fcrst) und J\u00e1nos Mischuretz als Ministerpr\u00e4sident runden das stimmige Ensemble mit staatstragender W\u00fcrde ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Kammerorchester Ybbsfeld unter Thomas B\u00f6ttcher begleitet solide, hat jedoch noch Potenzial, was aus der szenischen Emotion geborene Leh\u00e1rgie betrifft. Der Szene folgende bzw. diese befeuernde Akzentuierungen und vor allem Rubati (!!!) w\u00e4ren musikalisch w\u00fcnschenswert. Alles in allem ist dieser \u201eZarewitsch\u201c rundum gelungen und macht einfach pure Freude. Operette mit Ernsthaftigkeit leichtgenommen und mit Leichtigkeit ernstgenommen \u2013 ideal!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Daniel Hirschel<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eDer Zarewitsch\u201c (1927) \/\/ Operette von Franz Leh\u00e1r<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.herbsttage.at\/event\/der-zarewitsch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website der Herbsttage Blindenmarkt<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Herbsttage Blindenmarkt \u2022 Der Zarewitsch<\/span><\/br> Leh\u00e1rs Operette als Achterbahnfahrt der Gef\u00fchle<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13942,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2035],"tags":[],"class_list":["post-13941","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-04"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13941","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13941"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13941\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13944,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13941\/revisions\/13944"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13942"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13941"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13941"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13941"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}