{"id":13966,"date":"2026-10-09T14:27:21","date_gmt":"2026-10-09T12:27:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13966"},"modified":"2026-10-09T14:27:38","modified_gmt":"2026-10-09T12:27:38","slug":"hildesheim-guillaume-tell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/10\/09\/hildesheim-guillaume-tell\/","title":{"rendered":"Funkenspr\u00fchendes Ereignis"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Experiment, den von Rossini f\u00fcr die gro\u00dfe Pariser Oper konzipierten \u201eGuillaume Tell\u201c (\u201eWilhelm Tell\u201c) ins tfn zu transferieren, ist aus musikalischer Sicht gelungen. Das wird schon bei den ersten Takten der Ouvert\u00fcre h\u00f6rbar. Wunderbar gesanglich intonieren die f\u00fcnf Solo-Celli diese Takte, die oft als \u201eMorgenr\u00f6te\u201c bezeichnet werden. Und den sp\u00e4teren Galopp, der diese Ouvert\u00fcre so popul\u00e4r macht, stattet Achim Falkenhausen mit solch vibrierender Verve aus, dass man die Funken unter den Pferdehufen zu sehen meint. Diese spielerische Qualit\u00e4t des Orchesters bleibt unter seiner souver\u00e4nen und engagierten Leitung bis zum letzten Takt pr\u00e4sent.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gl\u00e4nzend erf\u00fcllen der Opern- und Extrachor die hohen Anforderungen der Partitur. Mal besingen sie mit frischer Munterkeit das idyllische Landleben. Dann verd\u00fcstert sich die Stimmung und die Ch\u00f6re schwanken zwischen Angst und revolution\u00e4rer Wut, wenn der habsburgische Landvogt Gesler (Andrey Andreychik) und seine rechte Hand Rodolphe (Julian Rohde) nahen. Gro\u00dfartig ist das alles gesungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass das tfn die anspruchsvollen Soli bis auf eine Ausnahme mit eigenen Kr\u00e4ften darstellen kann, ist ein Gl\u00fccksfall. Eddie Mofokeng als Tell ist die ideale Besetzung. Mit seinem in allen Lagen frei klingenden Bariton sp\u00fcrt er \u00fcberzeugend und bewegend den unterschiedlichen Emotionen dieser Figur nach. Ergreifend bittet er kurz vor dem entsetzlich risikoreichen Apfelschuss seinen Sohn \u201eSois immobile\u201c \u2013 \u201eSei reglos\u201c. Die junge Sopranistin Juline Florentino spielt mit variationsreicher Stimme und quirligen Aktionen Sohn Jemmy.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz gro\u00dfe Momente haben Gabriel\u0117 Jocait\u0117 als Prinzessin Mathilde und Leilei Xie als wankelm\u00fctiger Arnold. In ihren Rezitativen und bedeutenden Arien spiegelt sich der tragische politische und standesm\u00e4\u00dfige Konflikt ihrer Liebe wider. Das gestalten beide s\u00e4ngerisch und auch szenisch mit tiefer Empfindung, beispielhaft in Mathildes Romanze \u201eSombre for\u00eat\u201c (\u201eDunkler Wald\u201c) und Arnolds Arie \u201eAsile h\u00e9r\u00e9ditaire\u201c (\u201eHeimatliche H\u00fctte\u201c). Der Auftritt des Landvogts wird durch den volumin\u00f6sen Bass von Andreychik und sein l\u00e4ssig eiskaltes Agieren zum schrecklichen Wendepunkt einschlie\u00dflich des grausam befohlenen Apfelschusses. Dessen Gelingen wird \u00fcbrigens technisch pfiffig gel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Regisseurin Isabel Ostermann l\u00e4sst den Landvogt als eine Art Yuppie auftreten: mit Baseball-Cap, Designer-Sonnenbrille und Drink-To-Go-Becher in der Hand. Dazu hat sie die Idee, dass der Landvogt das unterdr\u00fcckte Volk zwingt, dem To-Go-Becher zu huldigen. Also nichts mit Landvogthut auf langer Stange. Was will sie damit sagen? Der Becher als Symbol f\u00fcr eine Wegwerfkultur, wodurch Geslers Macht sich eher als ein absurder, allt\u00e4glicher Zwang zeigt, dem sich die Menschen gedankenlos unterwerfen? Oder nur eine nicht so tolle Idee, die andeutet, dass die szenische \u00dcberf\u00fchrung von Rossinis Grand op\u00e9ra auf die tfn-B\u00fchne generell nicht genauso gut gelingt wie die musikalische? \u00dcber drei Stunden lang schaut man auf das gleiche dunkle B\u00fchnenbild (Lars Linnhoff): eine Denkmals\u00e4ule auf einem Sockel, gerahmt von zwei etwas wackeligen Baumattrappen. F\u00fcr die dramaturgische Opulenz dieser Oper ist das zu karg. Letztendlich macht aber die gro\u00dfartige musikalische Gestaltung diesen Opernabend zu einem Erlebnis, welches man nicht vers\u00e4umen sollte. Am Ende erhebt sich das Hildesheimer Publikum geschlossen von den Pl\u00e4tzen und feiert mit Bravorufen und rhythmischem Beifall die Premiere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\">Claus-Ulrich Heinke<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eGuillaume Tell\u201c (\u201eWilhelm Tell\u201c) (1829) \/\/ Oper von Gioachino Rossini<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/tfn-online.de\/programm\/produktion\/wilhelm-tell-guillaume-tell\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website des Theaters f\u00fcr Niedersachsen<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Theater f\u00fcr Niedersachsen \u2022 Guillaume Tell<\/span><\/br> Rossinis Grand op\u00e9ra musikalisch au\u00dfergew\u00f6hnlich<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13967,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2035],"tags":[],"class_list":["post-13966","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-04"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13966","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13966"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13966\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13969,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13966\/revisions\/13969"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13967"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13966"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13966"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13966"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}