{"id":13970,"date":"2026-10-11T23:17:22","date_gmt":"2026-10-11T21:17:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=13970"},"modified":"2026-10-11T23:17:25","modified_gmt":"2026-10-11T21:17:25","slug":"paris-goetterdaemmerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/10\/11\/paris-goetterdaemmerung\/","title":{"rendered":"Der Held als Festmahl"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit einer musikalisch glanzvollen \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c ist der neue Pariser \u201eRing\u201c jetzt komplett. Die Inszenierung von Calixto Bieito punktet auch diesmal eher mit einer detailfreudigen Personenregie als dem stringenten Wurf. Vorgriffe aufs Postapokalyptische, kombiniert mit freiem Schweben zwischen den Zeiten und Welten: Das macht oft Effekt, aber nicht immer Sinn. Die Nornen sind herausgeputzt wie zu Wagners Zeiten. Die Rheint\u00f6chter kommen als Hausfrauen-Ideale der Nachkriegszeit \u2013 gut frisiert und perfekt elegant gekleidet \u2013 zum Zuge. Wenn sie im dritten Aufzug mit Siegfrieds Hilfe die Tafel, auf der er selbst der surreale Festtagsbraten wird, decken und dann mit Gasmasken von dannen ziehen, wird das Zeitkontinuum mit einem R\u00fcckgriff durchbrochen. Man k\u00f6nnte ihn f\u00fcr einen Vorgriff auf eine Katastrophe halten, die in der besonders postapokalyptischen \u201eWalk\u00fcre\u201c schon die Vergangenheit war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im gro\u00dfen Schlussteil der \u201eRing\u201c-Tetralogie geht es vor allem um das Ende aller Hoffnungen und den Tod eines Helden. Den Funken Hoffnung auf einen Neuanfang, den Wagner komponiert hat, verweigert Bieito. Nach ihrem grandiosen Schlussgesang dreht sich Br\u00fcnnhilde mit ihrem Steckenpferd Grane im Arm gedankenverloren um sich selbst und verschwindet unaufhaltsam in der Tiefe des Unortes, zu dem die leere, dunkle B\u00fchne da l\u00e4ngst geworden ist. Schon bei der gro\u00dfen Trauer um Siegfried hatte sich auf der gigantischen Videowand im Hintergrund ein Schwarzes Loch formiert, das alles, was war, ist und sein wird, verschlang, w\u00e4hrend die G\u00e4ste an dieser Tafel jeder auf seine Art dem Wahnsinn verfallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die perfekt funktionierende Videowand ist ein Coup von Rebecca Ringst (B\u00fchne) und Sarah Derendinger (Video). Sie l\u00f6st den riesigen Webstuhl (der Zeit) der Nornen ab, liefert Gebirgsblick, Luxustapete und eine opulente Flut von ineinanderflie\u00dfenden Kirchen, Konzert- und Opernh\u00e4usern, auf dem Zeitstrahl nach vorn und zur\u00fcck. Bis es nervt. F\u00fcr Siegfried ist diese helle Welt ein Schock, auf den er mit Vergessen und Verdr\u00e4ngen reagiert. Eine leichte Beute f\u00fcr die Reize der attraktiven Gutrune (Sinead Campbell Wallace) und des k\u00fchl kalkulierenden Hagen (Mika Kares).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und doch steigen in diesem Siegfried immer mal Bilder seiner eigenen Vergangenheit auf, hat sein K\u00f6rper ein besseres Ged\u00e4chtnis als sein Kopf. In Hochform f\u00fcgt Andreas Schager in dieser Partie seiner luxuri\u00f6sen Kraftentfaltung auch leise T\u00f6ne hinzu und vermag sich obendrein auch stimmlich als Gunther zu verstellen! F\u00fcr ein imponierendes Gunther-Portr\u00e4t nutzt Johannes Martin Kr\u00e4nzle nicht nur seine Muster-Eloquenz, sondern auch seine schauspielerische Exzellenz. Tamara Wilson bleibt eine selbstbewusste Br\u00fcnnhilde, die ihr Rollenportr\u00e4t in der Einsamkeit ihres Schlussgesangs vokal \u00fcberzeugend kr\u00f6nt. Als Waltraute beglaubigt Eve-Maud Hubeaux mit atemberaubender Intensit\u00e4t im Spiel das traumatisierte Kriegsopfer. Aus ihrer Welt kommt auch Brian Mulligans Alberich. Da die Nornen, Rheint\u00f6chter und der Chor ebenfalls Erstklassiges liefern, ist diese \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c ein Fest der Stimmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Jubel f\u00fcr die Interpreten ist ebenso nachvollziehbar wie der f\u00fcr das Wagner-affine Orchestre de l\u2019Op\u00e9ra national de Paris. Pablo Heras-Casado, der 2028 in Bayreuth den neuen \u201eRing\u201c von Vasily Barkhatov dirigieren wird, beweist, dass er eine sehr gute Wahl ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Dr. Joachim Lange<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c (1876) \/\/ Dritter Tag des B\u00fchnenfestspiels \u201eDer Ring des Nibelungen\u201c von Richard Wagner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.operadeparis.fr\/en\/season-26-27\/opera\/gotterdammerung-1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website der Op\u00e9ra national de Paris<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Op\u00e9ra national de Paris \u2022 G\u00f6tterd\u00e4mmerung<\/span><\/br> Wagners \u201eRing\u201c-Finale durchbricht das Zeitkontinuum<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":13972,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2035],"tags":[],"class_list":["post-13970","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-04"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13970","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13970"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13970\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13973,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13970\/revisions\/13973"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13972"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13970"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13970"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13970"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}