{"id":14005,"date":"2026-10-13T16:50:52","date_gmt":"2026-10-13T14:50:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=14005"},"modified":"2026-10-13T16:57:09","modified_gmt":"2026-10-13T14:57:09","slug":"rostock-rigoletto","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/10\/13\/rostock-rigoletto\/","title":{"rendered":"Wenn die M\u00e4nnerwelt zur Sch\u00e4ndung bl\u00e4st"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eLa donna \u00e8 mobile\u201c: die weltber\u00fchmte Arie aus der Pizza-Werbung? Der Gassenhauer, der als Inbegriff italienischer Lebensfreude vermarktet wird, ist in Wahrheit die zynische Diffamierung \u201eder Frau\u201c durch einen Serienvergewaltiger. Zum Saisonauftakt zeigt das Volkstheater Rostock Giuseppe Verdis \u201eRigoletto\u201c. Regisseur Christian Poewe und Ausstatterin Wiebke Horn legen frei, was es hei\u00dft, wenn in der Oper die M\u00e4nnerwelt zur Sch\u00e4ndung bl\u00e4st \u2013 und das Publikum feiert ihre Interpretation. \u201eEine Oper, bei der man eigentlich nicht versteht, warum sie so beliebt ist\u201c, meint Dramaturg Stephan Knies. Recht hat er. Schlie\u00dflich begegnet man im Werk statt eines Helden einem System aus kriecherischen H\u00f6flingen, die sich am Leid von Frauen erg\u00f6tzen, sie wie Freiwild jagen und ihrem serienvergewaltigenden Herrn Herzog Mantua (stimmgewaltig \u00fcberzeugend wie immer: Hyunsik Shin) zuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der titelgebende Hofnarr, k\u00f6rperlich entstellt und seelisch gezeichnet, passt sich \u2013 vielleicht gezwungenerma\u00dfen, vielleicht, weil auch er ein Mann ist \u2013 dieser kalten M\u00e4nnerwelt an. Dass er als Zeichen des Trotzes ebendieser zu Beginn den Stinkefinger zeigt, \u00e4ndert nichts: Trotzdem streift er sich das Narrenkost\u00fcm \u00fcber; trotzdem sperrt er seine Tochter weg und nimmt ihr so jedes Recht auf Selbstwirksamkeit. Inszeniert wird die Figur in Rostock vielstimmig: als Mann, der seinen Herrn an Scheu\u00dflichkeit nur noch \u00fcbertrifft, als liebender Vater, als grausamer Herr unter Herren \u2013 f\u00fcr die Frau. \u00dcberraschung zur Premiere: Statt der zuvor gro\u00df angek\u00fcndigten Baritonistin Lucia Lucas \u00fcbernahm mit den Endproben die Zweitbesetzung Rolfe Dauz die Premierenpartie des Rigoletto \u2013 und \u00fcberw\u00e4ltigt mit seiner gelungenen Interpretation des zutiefst zerrissenen Narren das Publikum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ausstatterin Wiebke Horn erschuf f\u00fcr die destruktiv patriarchale Welt der Oper ebenso klare wie d\u00fcstere Bilder: kalte W\u00e4nde mit Zickzack-Muster, eine sich \u00fcber die Dauer der Oper nicht ver\u00e4ndernde \u201eBlechbox\u201c. In dieser finden sie statt, die Vergewaltigungen, die Verabredungen zum Mord, die Entf\u00fchrungen. Auch Gildas Lebensraum befindet sich hier. In der Logik des Ganzen ist ihr Gef\u00e4ngnis freilich ein Raum im Raum, ein Schrank in leuchtendem Barbie-Pink. In diesem haust sie wie eine unber\u00fchrte Sammlerpuppe in Originalverpackung, bis sie dieser durch Entf\u00fchrung entrissen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alina Tkachuk verleiht der Gilda mit klarer Interpretation Kontur und schafft es zudem, auch der herzzerrei\u00dfenden Verwandlung der gesch\u00e4ndeten Tochter im zweiten Teil des Abends eine Stimme zu geben. Die Norddeutsche Philharmonie Rostock unter Svetlomir Zlatkov untermauert das Geschehen auf der B\u00fchne mit scharfem Schwung. Hervorragende Akzente setzen am Premierenabend die Soli. Der Opernchor \u00fcberzeugt s\u00e4ngerisch und spielerisch als grausam geifernde Meute, das Ensemble wird erg\u00e4nzt durch Mitglieder der Singakademie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Dekonstruktion einer zynischen M\u00e4nnerwelt, in der nur Mitl\u00e4ufer \u2013 und Mitl\u00e4uferinnen \u2013 bestehen k\u00f6nnen, gelingt. Die Frage nach Selbstbestimmung richtet sich hier endlich einmal nicht an die Frau, sondern an Rigoletto:&nbsp;Ist der Stinkefinger zu Beginn wirklich alles an Widerstand, der diesem Mann und Vater m\u00f6glich ist?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gildas Weg f\u00fchrt indes ausweglos in die Ausweglosigkeit. Und nein, ihr Freitod, ein Opfer f\u00fcr den Herzog, f\u00fcr den sie nach der Sch\u00e4ndung, so will es der Opernplot, eine verheerende Liebe entwickelt, ist hier dankenswerterweise eben kein operntypisches Bild f\u00fcr die ihr einzig verbleibende M\u00f6glichkeit zur Selbstbestimmung. Es ist die folgerichtige Konsequenz des erlebten Schreckens in einer Welt, in der f\u00fcr die Frau einfach kein Platz ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Maria H\u00e4fer<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eRigoletto\u201c (1851) \/\/ Melodramma von Giuseppe Verdi<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Diese Premierenkritik ist eine \u00dcbernahme vom Nordkurier \u2013 wir bedanken uns herzlich f\u00fcr die freundliche Genehmigung. <a href=\"https:\/\/www.nordkurier.de\/regional\/rostock\/wenn-die-maennerwelt-zur-schaendung-blaest-jubel-und-brava-rufe-fuer-rigoletto-am-volkstheater-oper-4910723\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hier der Link zum Originalartikel.<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.volkstheater-rostock.de\/spielplan\/a-z\/rigoletto\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website des Volkstheaters Rostock<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Volkstheater Rostock \u2022 Rigoletto<\/span><\/br> Verdis \u201eRigoletto\u201c \u2013 eine Oper ohne Helden<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":14006,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2035],"tags":[],"class_list":["post-14005","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-04"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14005","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14005"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14005\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14009,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14005\/revisions\/14009"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14006"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14005"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14005"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14005"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}