{"id":14022,"date":"2026-10-14T20:12:58","date_gmt":"2026-10-14T18:12:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=14022"},"modified":"2026-10-14T20:13:00","modified_gmt":"2026-10-14T18:13:00","slug":"freiberg-der-kaiser-von-atlantis-der-zerbrochene-krug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/10\/14\/freiberg-der-kaiser-von-atlantis-der-zerbrochene-krug\/","title":{"rendered":"Das letzte Wort"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie bringt man Viktor Ullmanns Musik auf die B\u00fchne, wenn ihre Entstehungsgeschichte immer mitschwingt? Regisseur Andr\u00e9 Meyer beantwortet diese Frage am Mittels\u00e4chsischen Theater mit einer weitgehend zeitlosen Bildsprache. Ausstatterin Julia Schnittger hat einen grauen Raum mit T\u00fcren von klein bis gigantisch geschaffen, dazu arbeitet sie mit schweren dunklen M\u00e4nteln. Der Doppelopernabend mit \u201eDer Kaiser von Atlantis\u201c und \u201eDer zerbrochene Krug\u201c nach Kleist er\u00f6ffnet eine reizvolle Perspektive: zwei Werke \u00fcber Macht und ihren Missbrauch, verbunden durch eine musikalische Sprache, die vertraute Ordnung ins Wanken bringt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaiser Overall ruft den Krieg aller gegen alle aus. Der Tod verweigert daraufhin seinen Dienst, bis der Kaiser bereit ist, selbst als Erster zu sterben. Meyer findet f\u00fcr den streikenden Tod ein starkes szenisches Bild: Alle Figuren bleiben auf der B\u00fchne, sitzen, liegen, warten \u2013 Fortkommen ausgeschlossen. Harlekin vertreibt sich mit Koordinations\u00fcbungen die Langeweile, der Tod verharrt klagend. Die Videoprojektion des \u00fcbergro\u00dfen Lautsprechergesichts, dem Gregor Roskwitalski Stimme und Mimik verleiht, erg\u00e4nzt den Stilmix aus Commedia dell\u2019arte, Allegorie und politischer Groteske um eine mediale Ebene. Leonhard Geiger zeichnet mit lyrischem Bariton einen \u00fcberzeugenden Kaiser Overall, dessen H\u00e4rte aus dem System erw\u00e4chst und hinter dessen Machtanspruch Selbstzweifel sichtbar werden. Am Ende bleibt ihm die rote Krone auf dem Kopf, w\u00e4hrend eine wei\u00dfe Unterhose und schwarze Socken seine Autorit\u00e4t grotesk demontieren. Die Farben deutscher Machtgeschichte auf nackter Haut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im \u201eZerbrochenen Krug\u201c muss Dorfrichter Adam \u00fcber eine Tat richten, die er selbst begangen hat. Stummfilmsequenzen erz\u00e4hlen bereits w\u00e4hrend der Ouvert\u00fcre die Vorgeschichte. Sp\u00e4ter r\u00fccken Eve und Ruprecht mit gro\u00dfen UFA-Augen zaghaft auf einer Bank zusammen. Die Bilder besitzen Charme, ver\u00e4ndern aber die Dramaturgie der Enth\u00fcllung. Gregor Roskwitalski bricht die Richterfigur mit kom\u00f6diantischem Talent.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Musikalisch h\u00e4lt Generalmusikdirektor Jos\u00e9 Luis Guti\u00e9rrez die vielgestaltigen Partituren souver\u00e4n zusammen. Die Mittels\u00e4chsische Philharmonie erweist sich auch in kleiner Besetzung als pr\u00e4zise abgestimmter Klangk\u00f6rper. Mit sicheren Eins\u00e4tzen f\u00fchrt Guti\u00e9rrez S\u00e4nger und Instrumentalisten durch rhythmische Verwerfungen und harmonische Sch\u00e4rfen. E-Klavier, Saxophon und Schlagzeugbesen setzen markante Klangfarben. Immer wieder scheint Ullmanns Musik in Dur-Arien, Volksweisen oder Chor\u00e4len f\u00fcr Augenblicke Frieden zu schlie\u00dfen. Dann fahren dissonante Bl\u00e4serinterjektionen dazwischen und zertr\u00fcmmern die Idylle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frank Unger als Harlekin und Inkyu Park als Ruprecht bew\u00e4ltigen ihre Tenorpartien mit bemerkenswerter Leichtigkeit. Julia Domke \u00fcberzeugt als M\u00e4dchen wie als Eve gesanglich und darstellerisch. Paola Alcocer verleiht der Marthe Rull temperamentvolle Ausdruckskraft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die szenische Erstarrung im \u201eKaiser\u201c und die vorweggenommene Aufl\u00f6sung im \u201eKrug\u201c kosten dramatische Spannung. Doch wom\u00f6glich liegt genau darin Meyers Coup: Wo die B\u00fchne inneh\u00e4lt, bekommt Ullmanns Musik das letzte Wort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Elke Hussel<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eDer Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung\u201c (entstanden 1943\/44 in Theresienstadt; Urauff\u00fchrung 1975 in Amsterdam) \/\/ Spiel von Viktor Ullmann<br>\u201eDer zerbrochene Krug\u201c (entstanden 1942; Urauff\u00fchrung 1996 posthum) \/\/ Oper von Viktor Ullmann<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.mittelsaechsisches-theater.de\/spielzeit\/der-kaiser-von-atlantis-oder-die-tod-verweigerung-der-zerbrochene-krug\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website des Mittels\u00e4chsischen Theaters<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Mittels\u00e4chsisches Theater \u2022 Der Kaiser von Atlantis \/ Der zerbrochene Krug<\/span><\/br> Ein Ullmann-Doppelabend beweist die Macht der Musik<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":14023,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2035],"tags":[],"class_list":["post-14022","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-04"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14022","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14022"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14022\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14025,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14022\/revisions\/14025"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14023"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14022"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14022"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14022"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}