{"id":14039,"date":"2026-10-24T10:14:41","date_gmt":"2026-10-24T08:14:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=14039"},"modified":"2026-10-24T10:14:44","modified_gmt":"2026-10-24T08:14:44","slug":"wien-der-fliegende-hollaender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/10\/24\/wien-der-fliegende-hollaender\/","title":{"rendered":"Psychogramm einer Gescheiterten"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Die bereits 2009 am Theater Basel herausgekommene Produktion von Richard Wagners relativem Fr\u00fchwerk \u201eDer fliegende Holl\u00e4nder\u201c, die auch schon in Barcelona und an der Staatsoper Berlin tourte, wird nun vom MusikTheater an der Wien \u00fcbernommen. Die Inszenierung ist im bourgeoisen Milieu der Entstehungszeit des St\u00fcckes um die Mitte des 19. Jahrhunderts verortet, also mit all der damals \u00fcblichen Verklemmtheit, Reglementierung und dem vermeintlichen Anstand in Sachen Liebe und Ehe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Senta, aus deren Perspektive Regisseur Philipp St\u00f6lzl das ganze St\u00fcck erz\u00e4hlt, wird durch das eindeutige Nachstellen Dalands bereits als junges M\u00e4dchen (im Vorspiel, unpassend zu dessen Thematik!) mit dem Fehlverhalten der M\u00e4nner konfrontiert. Sie entwickelt so schon ganz fr\u00fch ein dystopisches Verh\u00e4ltnis zu ihnen und versucht mit der Idee des fliegenden Holl\u00e4nders einen Ausweg aus diesem f\u00fcr sie unakzeptablen Leben zu finden. Dazu entdeckt sie in der Bibliothek ihres Vaters ein gro\u00dfes Buch, welches die Geschichte des Holl\u00e4nders erz\u00e4hlt. Sie h\u00e4lt es, wann immer m\u00f6glich, in kindlicher Schw\u00e4rmerei eng umschlungen, wie einst Lisbeth Balslev das Bild des Holl\u00e4nders in der legend\u00e4ren Bayreuther Inszenierung von Harry Kuper nie mehr loslie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch kommt es am Ende, als das kleine M\u00e4dchen zur reifen Frau geworden ist, zur Katastrophe eines unerf\u00fcllten und somit verlorenen Lebens. Aus der anfangs unschuldigen Liebe zum Holl\u00e4nder wird nun eine regelrechte Obsession mit einem sich gewaltsam Raum bahnenden Wunsch nach Freiheit und der Realisierung von Gef\u00fchlen, die ihr in ihrem h\u00e4uslichen und gesellschaftlichen Umfeld immer vorenthalten wurden. Interessant und szenisch gelungen ist dabei das Ineinanderflie\u00dfen des surrealen \u201eHoll\u00e4nder\u201c-Kosmos \u2013 aus den Augen Sentas \u2013 mit der realen gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Welt Dalands und seiner Freunde in der beeindruckend gro\u00dfen Hausbibliothek des Norweger-Kapit\u00e4ns, der es offenbar durch Handel zu etwas gebracht hat. In diesem Stil schreckt er dann auch nicht zur\u00fcck, seine Tochter f\u00fcr ein paar Gegenst\u00e4nde aus Gold an den Holl\u00e4nder zu verschachern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die durchaus ansprechende gro\u00dfb\u00fcrgerliche \u00c4sthetik des B\u00fchnenbildes (Philipp St\u00f6lzl und Conrad Moritz Reinhardt) und der Kost\u00fcme (Ursula Kudrna) mit den eindrucksvoll integrierten Szenen der Holl\u00e4nder-Sph\u00e4re sowie einem unheimlichen Geisterschiff und -besatzung wird nur durch die besessene Putzkolonne der Spinnerinnen gest\u00f6rt. Das war schon 2009 ein Topos, der leider auch heute immer noch auf der Wagner-B\u00fchne grassiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beeindruckende Sopranistin Ambur Braid bietet in dieser komplexen Rollengestaltung eine unglaublich intensive darstellerische und fast hochdramatische s\u00e4ngerische Interpretation der Senta. Jordan Shanahan pr\u00e4sentiert als Holl\u00e4nder einen klangvollen und ausladenden Heldenbariton mit dunklen Farben. Wilhelm Schwinghammer singt den Daland mit profundem Bass und engagierter Rollen-Interpretation. Cameron Becker gibt einen intensiven Erik und Ieva Prudnikovait\u0117 eine respektable Mary. James Ley ist ein guter Steuermann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Robert Jindra dirigiert die Wiener Symphoniker engagiert, aber oft einfach zu laut, was auch der Gr\u00f6\u00dfe des Hauses geschuldet sein k\u00f6nnte. Der Arnold Schoenberg Chor unter Leitung von Erwin Ortner singt auf Festspielniveau.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Dr. Klaus Billand<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eDer fliegende Holl\u00e4nder\u201c (1843) \/\/ Romantische Oper von Richard Wagner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.theater-wien.at\/de\/spielplan\/saison2026-27\/1617\/Der-fliegende-Hollaender\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website des MusikTheaters an der Wien<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> MusikTheater an der Wien \u2022 Der fliegende Holl\u00e4nder<\/span><\/br> Wagners romantische Oper zeichnet eine komplexe Senta<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":14040,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2035],"tags":[],"class_list":["post-14039","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-04"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14039","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14039"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14039\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14042,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14039\/revisions\/14042"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14040"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14039"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14039"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14039"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}