{"id":14058,"date":"2026-10-31T00:41:24","date_gmt":"2026-10-30T23:41:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=14058"},"modified":"2026-10-31T00:41:28","modified_gmt":"2026-10-30T23:41:28","slug":"muenchen-siegfried","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/10\/31\/muenchen-siegfried\/","title":{"rendered":"Die Siegfrieds aus der Lindenstra\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Wagnerianer lieben ihre Slogans: vom \u201eJahrhundert-Ring\u201c anno 1976, \u00fcber den \u201eKI-Ring\u201c des letzten Sommers, bis hin zu Otto Schenks putzigem \u201eM\u00e4rchen-Ring\u201c, der auf DVD f\u00fcr Traditionsbewusste noch immer erste Wahl ist. Wie k\u00f6nnte man nach drei von vier Premieren wohl die Neuinszenierung der Bayerischen Staatsoper knackig betiteln?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am ehesten w\u00fcrde wohl das Pr\u00e4dikat vom \u201eNetflix-Ring\u201c passen, das man urspr\u00fcnglich der Bayreuther Produktion von Valentin Schwarz verliehen hatte. Denn was popkulturelle Referenzen betrifft, l\u00e4uft Regisseur Tobias Kratzer seinem Kollegen eindeutig den Rang ab. Im Nationaltheater zappt er sich auch auf der dritten Etappe munter durch die TV-\u00c4sthetik der letzten 20 Jahre. Und weil \u201eSiegfried\u201c bekanntlich das heitere Intermezzo der Tetralogie ist, finden wir uns diesmal in der grell ausgeleuchteten Welt der Vorabend-Soaps. Dort, wo die Siegfrieds von nebenan in der Lindenstra\u00dfe gute Zeiten, vor allem aber schlechte Zeiten durchleben. Was unter uns gesagt nicht ohne Witz ist, aber in aller Freundschaft hin und wieder auch etwas beliebig wirkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immerhin l\u00e4uft die Wagner-Soap live ohne Werbeunterbrechung. Allerdings nicht ganz ohne Product placement, wenn Mime etwa eine \u201eWagner-Steinofenpizza\u201c in den Herd schiebt oder eine Schachtel \u201eWei\u00dfer Riese\u201c angeschleppt wird. Den echten M\u00e4rchen-Elementen verweigert man sich dabei konsequent: Drachen, Riesen oder sprechende V\u00f6gel gibt es nicht, daf\u00fcr gleich zwei Siegfriede.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die erste Stunde wird der Titelheld n\u00e4mlich von einem Kinderstatisten gedoubelt, dem Benjamin Bruns vom B\u00fchnenrand seine Stimme leiht. Ins Geschehen eingreifen darf er erst in der Schmiedeszene, wo unter Zuhilfenahme von K\u00e4sereibe, Mikrowelle und Aquarium jenes magische Schwert zu neuem Leben erweckt wird, das Kratzer in der \u201eWalk\u00fcre\u201c eigentlich komplett entzaubert hatte. In solchen Momenten zeigen sich bei diesem \u201eRing\u201c dann doch kleine logische Schlagl\u00f6cher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was Kratzer kann, merkt man vor allem im dritten Aufzug. Wenn Siegfried auf dem Walk\u00fcren-Felsen endlich das F\u00fcrchten lernt und daf\u00fcr sein jugendliches Alter Ego auf die B\u00fchne zur\u00fcckkehrt, ist das ein unglaublich poetisches Bild. Ebenso wie das Erwachen Br\u00fcnnhildes, f\u00fcr das der sch\u00fcchtern gewordene Held sein Kinderzimmer-Nachtlicht auspackt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pathos hat da keinen Platz. Auch nicht im Graben, wo Vladimir Jurowski einen sinfonisch farbenreichen, dabei aber stets transparenten Zugriff auf die Partitur pr\u00e4sentiert. In dieses Konzept f\u00fcgen sich auch die Solisten bestens ein, allen voran Rollendeb\u00fctant Benjamin Bruns. Er ist kein Hau-Drauf-Siegfried, sondern ein Held, der die Partie, wann immer es geht, lyrisch angeht und dadurch genug Reserven f\u00fcrs Finale hat. So kraftvoll und dennoch kultiviert hat man das lang nicht mehr geh\u00f6rt. Auch dank Simone Schneider, die als h\u00f6hensichere Br\u00fcnnhilde ideal mit Bruns harmoniert. Etwas mehr k\u00e4mpft da schon Matthias Klink als Mime, wobei er mit Nicholas Brownlee einen Wotan gegen\u00fcber hat, der jeden seiner Auftritte mit raumgreifendem Bassbariton harmoniert. Auch er ist ein Rollendeb\u00fctant, der in den kommenden Jahren wenig Konkurrenz zu f\u00fcrchten haben d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In vokaler Hinsicht bleiben bei diesem \u201eRing\u201c bislang kaum W\u00fcnsche offen. Ob er sich szenisch rundet, wird die \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Tobias Hell<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eSiegfried\u201c (1876) \/\/ Zweiter Tag des B\u00fchnenfestspiels \u201eDer Ring des Nibelungen\u201c von Richard Wagner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.staatsoper.de\/stuecke\/siegfried\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website der Bayerischen Staatsoper<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Bayerische Staatsoper \u2022 Siegfried<\/span><\/br> Wagners Oper auf popkulturellen Pfaden<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":14059,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2035],"tags":[],"class_list":["post-14058","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-04"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14058","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14058"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14058\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14061,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14058\/revisions\/14061"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14059"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14058"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14058"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14058"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}