{"id":14065,"date":"2026-11-05T23:13:52","date_gmt":"2026-11-05T22:13:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=14065"},"modified":"2026-11-05T23:25:32","modified_gmt":"2026-11-05T22:25:32","slug":"berlin-der-fliegende-hollaender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/11\/05\/berlin-der-fliegende-hollaender\/","title":{"rendered":"Unerf\u00fcllte Sehnsucht nach Erl\u00f6sung"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Wuchtige Fragen stapeln sich zum babylonischen Turm: Kann Richard Wagner von seinem Antisemitismus erl\u00f6st werden? Wie distanziert sich eine ganze Nation von diesem K\u00fcnstler? Oder prangt im derzeit keimenden Rechtsruck der vermeintlich typische Deutsche bald wieder auf dem Denkmalssockel? Sollte der Komponist vielleicht k\u00fcnftig nur noch in Israel auf dem Spielplan stehen? Schlie\u00dflich: Findet Israel selbst Abstand zur eigenen Historie, den ewigen Konflikten? Und wie viel Anteil tr\u00e4gt Deutschland am Zustand in Nahost? Gibt es die Chance auf ges\u00fchnten Neubeginn, Ann\u00e4herung ohne eine Geschichte, die Sichtweisen manipulierte, Blicke verengte, Interpretationen aufzwang? Viel Kontext f\u00fcr ein Werk, das kaum ohne diese toxische Gemengelage zu betrachten ist. An der Deutschen Oper Berlin versucht Milo Rau eine k\u00fchne, \u00fcberraschende Lesart des \u201eFliegenden Holl\u00e4nders\u201c und provoziert am Ende ein w\u00fcstes Buh-Gewitter des Publikums, das sein Ansinnen und die Stringenz seines eigentlich klug durchdachten Konzepts ziemlich pauschal diskreditiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Schweizer Regisseur spaziert in seiner Inszenierung durch die Nazi-Zeit und deutsche Nachkriegsepoche, fokussiert auf den Holocaust, die Folgen bis heute. Der originale Plot l\u00e4uft vor den Videosequenzen aus Israel, Impressionen des Projekts \u201eWagner in the Holy Land\u201c sowie Material aus der Vergangenheit eher konventionell und ziemlich statuarisch ab. Drei parallele Ebenen, die verwirren und manchmal faszinieren, immer den Aspekt Schuld und S\u00fchne im Zentrum. Shlomi Moto Wagner, ein in Berlin lebender Jude, und Sarah von Schwarze, Kind deutscher Konvertiten in Israel, kommentieren, betrachten als addierte Personen die Handlung: ein Ritt durch Traumata und Dilemmata, \u00fcberambitioniert, partiell heikel, denn zu viel w\u00e4re hier zu kl\u00e4ren, in Betracht zu ziehen, kritisch zu verhandeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Originalfiguren des Holl\u00e4nders verk\u00f6rpern ein ganzes Volk oder einen essentiellen Abschnitt der Vergangenheit. Senta steht f\u00fcr Israel, der Holl\u00e4nder f\u00fcr deutsches Verbrechen, Daland f\u00fcr die Staatsgr\u00fcndung, Erik f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser. Rau gelingt die Verschachtelung der gereihten Perspektiven und Gedankensplitter durchaus, aber die permanente Verschmelzung der Schichten im B\u00fchnenbild von Anton Lukas, Moritz von Dungerns Video und den im Zeitraffer wechselnden Kost\u00fcmen von Silvie Naunheim strengt geh\u00f6rig an und erzielt selten wirkliche Spannung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis zur Pause bleibt die Produktion eher ambivalent, \u00fcberstrapaziert im Konzept-Dschungel. Danach gelingt Rau starke Verdichtung. In Berlin wird das Holocaust-Mahnmal er\u00f6ffnet. Vor dieser Kulisse verlangen Pal\u00e4stinenser mehr Aufmerksamkeit, werden von Sicherheitskr\u00e4ften drangsaliert. Unerwartet breitet sich Rechtspopulismus aus, klittert Vergangenheit und hebt Deutschtum erneut auf den Sockel. Die wie Alice Weidel gestylte Mary (Kai R\u00fc\u00fctel-Pajula) erschie\u00dft Erik, Senta liquidiert sich selbst, bleierne Ohnmacht schafft sich Platz, die ersehnte Erl\u00f6sung verpufft j\u00e4h.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Giedr\u0117 \u0160lekyt\u0117 am Pult und das Orchester der Deutschen Oper legen Wagners Partitur metallisch hart, aber zu eindimensional aus, b\u00fcrsten gegen den romantischen Strich. Das passt zwar zur Inszenierung, aber nicht dem Publikum. Die Dirigentin nimmt am Ende einen Sturm der Entr\u00fcstung entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Au\u0161rin\u0117 Stundyt\u0117 als Senta wirkt stimmlich bedenklich \u00fcberfordert, was mit gellender Schelte quittiert wird. Attilio Glaser als Erik erf\u00e4hrt die gr\u00f6\u00dfte Zustimmung, der Daland von Tareq Nazmi st\u00f6\u00dft ebenfalls auf Gefallen. Tomasz Konieczny beginnt seinen Holl\u00e4nder in Nazi-Montur gesundheitlich angeschlagen und wird rasch im Gesangspart durch Derek Welton ersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Berlins neuer \u201eFliegenden Holl\u00e4nder\u201c behagt den meisten wenig. Dabei tr\u00e4gt er h\u00f6chst beachtliches Potenzial in sich, f\u00fchrt an sensibelste Punkte unausl\u00f6schlicher deutscher Schuld. Eine Diskussion dar\u00fcber lohnt, auch in dieser Form.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>J\u00fcrgen Rickert<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eDer fliegende Holl\u00e4nder\u201c (1843) \/\/ Romantische Oper von Richard Wagner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/deutscheoperberlin.de\/de_DE\/production\/der-fliegende-hollaender.1385827\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website der Deutschen Oper Berlin<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Deutsche Oper Berlin \u2022 Der fliegende Holl\u00e4nder<\/span><\/br> Milo Rau inszeniert Wagners Oper<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":14066,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2035],"tags":[],"class_list":["post-14065","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-04"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14065","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14065"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14065\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14068,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14065\/revisions\/14068"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14066"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14065"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14065"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14065"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}