{"id":14069,"date":"2026-11-05T23:24:56","date_gmt":"2026-11-05T22:24:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=14069"},"modified":"2026-11-05T23:24:58","modified_gmt":"2026-11-05T22:24:58","slug":"zuerich-rachmaninow-die-drei-opern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2026\/11\/05\/zuerich-rachmaninow-die-drei-opern\/","title":{"rendered":"Spiel ohne Ausweg"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuerst ist es nur ein Spiel. Die Bewohner einer Seniorenresidenz ziehen ihre Rollen aus einem Hut, lachen und st\u00fcrzen sich in \u201eAleko\u201c. Am Ende des Abends gibt es kein Spiel mehr. Dmitri Tcherniakov verbindet am Opernhaus Z\u00fcrich Rachmaninows drei Opern \u201eAleko\u201c, \u201eDer geizige Ritter\u201c und \u201eFrancesca da Rimini\u201c zu einem Abend, der sich vom Heiteren ins Verst\u00f6rende dreht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In \u201eAleko\u201c herrscht noch Ausgelassenheit. Ein Mann, der sich einer Gemeinschaft von Roma angeschlossen hat, t\u00f6tet aus Eifersucht seine Geliebte Zemfira und deren neuen Liebhaber. Selbst die Gewalttaten haben etwas Komisches, bisweilen Groteskes an sich. Sinken die Spielenden zu Boden, kehrt der Alltag zur\u00fcck: Betreuer begleiten die Senioren aus dem Gemeinschaftsraum auf ihre Zimmer. Doch schon hier, mitten im Gel\u00e4chter, ahnt man, wie schmal die Grenze zwischen gespieltem Affekt und tats\u00e4chlicher Verletzlichkeit ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In \u201eDer geizige Ritter\u201c geht der alte Mann immer mehr im Baron auf, der seinen Reichtum hortet und den Verlust seiner Macht f\u00fcrchtet. Das Herzst\u00fcck ist ein rund 20-min\u00fctiger Monolog, in dem er sich in Gier und Besessenheit hineinsteigert und Minute um Minute tiefer in seinen Wahn ger\u00e4t. Die Rolle ist keine Verkleidung mehr: Sein herrisches Auftreten und sein Kontrollbed\u00fcrfnis brechen durch, die Pers\u00f6nlichkeit des alten Mannes tritt hervor und verschwindet zugleich hinter der angenommenen Identit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In \u201eFrancesca da Rimini\u201c h\u00e4lt er sich schlie\u00dflich f\u00fcr Lanciotto und zwingt die anderen Bewohner, die Geschichte von Francesca und Paolo nachzuspielen. Die Mitspielenden wirken nicht mehr unbeschwert, ihr Lachen ist verstummt; sie folgen ihm, ob aus Angst, Ratlosigkeit oder beidem, bleibt offen. Er aber zelebriert den Verrat, den er zu beobachten und aufzudecken glaubt, und steigert sich ekstatisch in das Liebesdrama hinein, bis er k\u00f6rperlich zusammenbricht. Es ist ein Spiel, das niemand mehr beenden kann, auch er selbst nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch der Raum ver\u00e4ndert sich. Auf der Drehb\u00fchne verliert die vertraute Residenz allm\u00e4hlich ihre Ordnung: T\u00fcren \u00f6ffnen sich, Innenr\u00e4ume verschieben sich, die Orientierung geht verloren. Die Wirklichkeit der Residenz und die Vorstellungswelt des alten Mannes lassen sich nicht mehr trennen.&nbsp; Was als vertrauter Ort begann, wird zu einem Labyrinth, in dem sich auch der Zuschauer verirrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcberragend ist Vladislav Sulimsky. Als Aleko, Baron und Lanciotto bew\u00e4ltigt er drei zentrale Partien mit stimmlicher Souver\u00e4nit\u00e4t; allein der Monolog in \u201eDer geizige Ritter\u201c verlangt enorme Ausdauer. Zugleich spielt er den alten Mann mit au\u00dfergew\u00f6hnlicher k\u00f6rperlicher Pr\u00e4zision: Sein Hinken und seine Gebrechlichkeit stehen im eindringlichen Kontrast zum herrischen Auftreten, das er in den angenommenen Rollen entfaltet. Elena Stikhina ist ihm eine starke Partnerin: In \u201eAleko\u201c gestaltet sie Zemfira mit sichtlicher Freude und Witz, in \u201eFrancesca\u201c zeigt sie die wachsende Besorgnis einer Frau, die sich dem Spiel nicht mehr entziehen kann. Gesang und Darstellung greifen bei beiden \u00fcberzeugend ineinander.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gianandrea Noseda macht am Pult Rachmaninows Entwicklung plastisch h\u00f6rbar. \u201eAleko\u201c, das Jugendwerk des Komponisten, erinnert in seiner Klangsprache noch an Tschaikowski. \u201eDer geizige Ritter\u201c f\u00fchrt in eine dunklere, st\u00e4rker vom Orchester gepr\u00e4gte Welt. \u201eFrancesca da Rimini\u201c entfaltet sich als symphonische Oper von gro\u00dfer atmosph\u00e4rischer Dichte und emotionaler Unruhe. Schon das ausgedehnte Pr\u00e9lude spannt einen weiten Klangraum auf. Der wortlose Chor, dessen Klagen und St\u00f6hnen sich \u00fcber die Szene erheben, erzeugt eine unheimliche, beinahe infernalische Klangwelt. Noseda formt die orchestralen Steigerungen mit Gesp\u00fcr f\u00fcr gro\u00dfe B\u00f6gen und feinste Nuancen; die Stimmen bleiben dabei organisch in das Klangbild eingebettet. So f\u00fchrt der Abend musikalisch vom heiteren Anfang in eine D\u00fcsternis, aus der es kein Zur\u00fcck mehr gibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">B\u00fchne und Orchester erz\u00e4hlen dieselbe Geschichte: Auf der einen Seite verliert ein Spiel seine Unschuld, auf der anderen verdichten sich die Spannungen zu einem Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Am Ende bleibt ein alter Mann, der seine Geschichten nicht mehr nur spielt, sondern in ihnen gefangen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Eugenia Hoffmann<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eRachmaninow \u2013 Die drei Opern\u201c \/\/ \u201e\u0410\u043b\u0435\u043a\u043e\u201c (\u201eAleko\u201c) (1893), \u201e\u0421\u043a\u0443\u043f\u043e\u0439 \u0440\u044b\u0446\u0430\u0440\u044c\u201c (\u201eDer geizige Ritter\u201c) (1906) und \u201e\u0424\u0440\u0430\u043d\u0447\u0435\u0441\u043a\u0430 \u0434\u0430 \u0420\u0438\u043c\u0438\u043d\u0438\u201c (Francesca da Rimini\u201c) (1906)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.opernhaus.ch\/spielplan\/kalendarium\/rachmaninov-die-drei-opern\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Infos und Termine auf der Website des Opernhauses Z\u00fcrich<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\"> Opernhaus Z\u00fcrich \u2022 Rachmaninow \u2013 Die drei Opern<\/span><\/br> Dmitri Tcherniakov verschr\u00e4nkt \u201eAleko\u201c, \u201eDer geizige Ritter\u201c und \u201eFrancesca da Rimini\u201c <\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":14070,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,2035],"tags":[],"class_list":["post-14069","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2026-04"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14069","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14069"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14069\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14072,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14069\/revisions\/14072"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14070"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14069"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14069"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14069"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}