{"id":3209,"date":"2020-12-23T19:18:00","date_gmt":"2020-12-23T18:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=3209"},"modified":"2021-01-02T19:09:00","modified_gmt":"2021-01-02T18:09:00","slug":"vom-erwachsenwerden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2020\/12\/23\/vom-erwachsenwerden\/","title":{"rendered":"Vom Erwachsenwerden"},"content":{"rendered":"<p>Ein Gef\u00fchl von Beklommenheit machte sich schon breit bei der Premiere von Mozarts \u201eZauberfl\u00f6te\u201c in Dresden, am Vorabend des \u201eLockdown light\u201c. Kameram\u00e4nner des \u00f6ffentlichen Fernsehens fragten, ob eine Premiere einen Tag vor dem Lockdown tats\u00e4chlich noch sein muss. Ja, denn es muss ja irgendwie \u201eraus\u201c, was die K\u00fcnstler \u00fcber Wochen einge\u00fcbt haben f\u00fcr ihr Publikum, das Kind muss geboren werden. So sah man es auch in Leipzig, als man kurzfristig die Premiere des \u201eLohengrin\u201c vorzog. Wenn schon Winterschlaf, dann wenigstens vorher noch einmal alles geben! Noch wenige Tage zuvor hatte es gehei\u00dfen, dass man jetzt auf die \u201eSchachbrettbestuhlung\u201c, die bei den Salzburger Festspielen erfolgreich erprobt worden war, umstellen wolle, um mehr Zuschauern den Besuch der Vorstellungen zu erm\u00f6glichen. Kurzfristig musste nun in die andere Richtung umdisponiert werden, fast verloren wirkten die verbliebenen Zuschauer. Mozarts Werk musste auf eine Corona-gerechte Fassung von rund zwei Stunden eingek\u00fcrzt werden. Auf den Pulten der Musiker lag eine lange Liste mit Streichungen und K\u00fcrzungen. Das erforderte viel Anpassungsf\u00e4higkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Josef E. K\u00f6pplinger, Intendant am M\u00fcnchner G\u00e4rtnerplatztheater, bringt mit seiner Inszenierung eine Geschichte vom Erwachsenwerden auf die B\u00fchne. Nachdem \u201eDie Zauberfl\u00f6te\u201c in Dresden \u00fcber Jahre fast in einer Kinder-Inszenierung dargeboten wurde, nun also ein neuer Zugang zu diesem Werk. Der jugendliche Tamino stolpert auf eine zun\u00e4chst leere B\u00fchne, ger\u00e4t in die \u201eWildnis des Lebens\u201c, verstrickt sich, ger\u00e4t in die Gefahren einer Schlange, der drei Damen der K\u00f6nigin der Nacht und wehrt sich. Vieles spielt sich in seiner Fantasie ab und auf der B\u00fchne ist immer etwas los. K\u00f6pplinger gelingt dank seiner Einf\u00e4lle und einer guten Personenf\u00fchrung trotz Corona-Abst\u00e4nden ein abwechslungsreiches Spektakel, das unterhaltsam und logisch in das B\u00fchnengeschehen eingebaut ist. Auch die Entwicklung der Pamina vom aufm\u00fcpfigen Teenager zur Tamino-Gef\u00e4hrtin und des Tamino vom naiven, von der K\u00f6nigin manipulierten Knaben zum Kandidaten der Sarastro-Nachfolge ist schl\u00fcssig nachzuvollziehen. Im Finale l\u00e4sst sich das junge Paar zwar dem\u00fctig in wei\u00dfen Kleidern zum Initialisierungsritus auf den Boden nieder, flieht aber dann doch aus der frauenfeindlich starren M\u00e4nnergesellschaft. Welcher junge Mensch m\u00f6chte ein Leben in so einer Gesellschaft auf Dauer ertragen?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Videosequenzen kann bei Neuinszenierungen in dieser Zeit wohl nicht verzichtet werden, sie ersetzen vielfach aufwendige Hintergrundkulissen. Ob die sich st\u00e4ndig \u00e4ndernden Bilder von B\u00e4umen und Landschaften in verschiedenen Tages- und Jahreszeiten-Stadien nur aufgrund der gek\u00fcrzten Fassung so unruhig wirkten, vermag die Rezensentin nicht zu sagen. Weniger w\u00e4re hier vielleicht doch mehr gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Semperoper hatte f\u00fcr die Premiere eine gute Mischung aus hauseigenen Kr\u00e4ften, heimischen Stars und G\u00e4sten ausgew\u00e4hlt. Ren\u00e9 Pape wirkt als sonorer und wunderbar warmer Sarastro souver\u00e4n, Nikola Hillebrand \u2013 neu im Dresdner Ensemble \u2013 gl\u00e4nzt als technisch sicherer Koloratursopran mit glasklarer Stimme in der Partie der K\u00f6nigin der Nacht. Auch das Liebespaar Papageno (Sebastian Wartig) und Papagena (Katerina von Bennigsen) gef\u00e4llt mit gro\u00dfer Spielfreude und fr\u00f6hlichem Ton. Tamino und Pamina sind mit Einspringer Joseph Dennis und Tuuli Takala sehr h\u00f6renswert. Souver\u00e4n auch das Damen-Trio, darunter die weltbekannte Wagner-S\u00e4ngerin Christa Mayer und Roxana Incontrera, die dem Dresdner Publikum bestens als K\u00f6nigin der Nacht in Erinnerung ist. Ein solides Fundament der Auff\u00fchrung ist der Staatsopernchor und auch die drei Solisten des T\u00f6lzer Knabenchors \u00fcberzeugen mit hellem Stimmklang, wobei verwundert, warum keine Mitglieder der hiesigen drei Knabench\u00f6re eingesetzt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Pult der gut aufgelegten und auf 30 Mitglieder dezimierten Staatskapelle agiert der musikalische Tausendsassa und erste Gastdirigent der Semperoper Omer Meir Wellber. Er hatte im Vorfeld angek\u00fcndigt, wie bei den bereits zuvor von ihm geleiteten Da-Ponte-Opern Mozarts auch bei der \u201eZauberfl\u00f6te\u201c dem Orchester und ihm ausreichend Raum f\u00fcr musikalische \u201eSpielereien\u201c bei den Rezitativen und Zwischenspielen zu geben. Diese Ank\u00fcndigung fiel den K\u00fcrzungen des Abends zum Opfer, hierauf darf sich der Zuschauer f\u00fcr zuk\u00fcnftige ungek\u00fcrzte Auff\u00fchrungen jedoch freuen, denn das musikalische Zusammenspiel zwischen Dirigent und Staatskapelle sowie den S\u00e4ngern war trotz der vielen K\u00fcrzungen formidabel. Ein Schatten lag dennoch \u00fcber diesem Abend, dies brachte das von Chors\u00e4ngern beim Schlussapplaus auf die B\u00fchne getragene Transparent \u201eKunst bildet Gesellschaft\u201c gut zum Ausdruck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Mareile Flatt-Baier<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDie Zauberfl\u00f6te\u201c (1791) \/\/ Wolfgang Amadeus Mozart<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">Dresden \/ Semperoper Dresden (November 2020)<\/span><\/br>\u201eZauberfl\u00f6ten\u201c-Premiere am Vorabend des Lockdowns<\/p>","protected":false},"author":0,"featured_media":3210,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":2,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,235],"tags":[249,251,254,253],"class_list":["post-3209","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen_2021_01","tag-die-zauberfloete-1791","tag-dresden","tag-semperoper-dresden","tag-wolfgang-amadeus-mozart"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/fsg_dresden_die-zauberfloete_zauberflte_gp_469_c_semperoper-dresden_ludwig-olah-e1608678234922.jpg",1024,576,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/fsg_dresden_die-zauberfloete_zauberflte_gp_469_c_semperoper-dresden_ludwig-olah-e1608678234922-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/fsg_dresden_die-zauberfloete_zauberflte_gp_469_c_semperoper-dresden_ludwig-olah-e1608678234922-600x169.jpg",600,169,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/fsg_dresden_die-zauberfloete_zauberflte_gp_469_c_semperoper-dresden_ludwig-olah-e1608678234922-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/fsg_dresden_die-zauberfloete_zauberflte_gp_469_c_semperoper-dresden_ludwig-olah-e1608678234922-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/fsg_dresden_die-zauberfloete_zauberflte_gp_469_c_semperoper-dresden_ludwig-olah-e1608678234922.jpg",600,338,false],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"23. 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