{"id":3246,"date":"2020-12-23T14:18:36","date_gmt":"2020-12-23T13:18:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=3246"},"modified":"2021-03-09T14:41:02","modified_gmt":"2021-03-09T13:41:02","slug":"zum-ende-der-causa-spuhler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2020\/12\/23\/zum-ende-der-causa-spuhler\/","title":{"rendered":"Zum Ende der \u201eCausa Spuhler\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>von Manfred Kraft<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich begann die F\u00fchrungskrise am Badischen Staatstheater Karlsruhe mit einem ganz allt\u00e4glichen Vorgang: Zwei Operndramaturgen bitten Ende Juni 2020 um vorzeitige Aufl\u00f6sung ihres Vertrags und geben auf Nachfrage eine Stellungnahme zu ihren Gr\u00fcnden ab. Doch mit den von Patric Seibert und Dr. Boris Kehrmann vorgebrachten Begr\u00fcndungen schienen sich Schleusen zu \u00f6ffnen. Die ge\u00e4u\u00dferte massive Kritik am F\u00fchrungsstil von Generalintendant Peter Spuhler wurde zun\u00e4chst von Deborah Maier, der dritten Dramaturgin, best\u00e4tigt. Ein sinnvolles Arbeiten sei unter dem krankhaften Kontrollzwang, dem verbreiteten Klima der Angst und dem Unterdr\u00fccken jeglicher Kreativit\u00e4t durch den Intendanten tats\u00e4chlich nicht m\u00f6glich. Ger\u00fcchte \u00fcber inhumane Arbeitsbedingungen durch den Generalintendanten gab es zwar schon fr\u00fcher (auch aus seinen vorherigen Arbeitsst\u00e4tten in Reutlingen und Heidelberg), doch bis dato blieben sie stets anonym und wenig konkret, erst die klaren Worte von Seibert und Kehrmann durchbrachen scheinbar eine Mauer des Schweigens.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-medium\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"238\" height=\"300\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Peter-Spuhler-Foto-Felix-Gru\u0308nschloss-238x300.gif\" alt=\"Portrait Peter Spuhler\" class=\"wp-image-3247\"\/><figcaption>Peter Spuhler <br>(Foto Felix Gru\u0308nschloss)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Viele befremdende Personalwechsel wurden pl\u00f6tzlich verst\u00e4ndlicher: Schon Joscha Schaback, Spuhlers erster Operndirektor, verl\u00e4ngerte seinen Vertrag trotz fehlendem Anschlussengagement auf eigenen Wunsch nicht; die Leiter der Kommunikationsabteilung gaben sich gegenseitig die Klinke in die Hand \u2013 ein ehemaliger Mitarbeiter bekannte, dass er in eineinhalb Jahren unter drei verschiedenen Abteilungsleitern arbeitete; und auch Nicole Braunger, die derzeitige Operndirektorin des Hauses, bat bereits um vorzeitige Vertragsaufl\u00f6sung, was der Intendant zun\u00e4chst allerdings ablehnte. Im Jahr 2015 griffen viele Medien die vorgesehene Abschiebung des kurz vor dem Ruhestand stehenden und von Spuhler wenig gesch\u00e4tzten Verwaltungsdirektors Michael Obermeier auf, der auf einen neu geschaffenen Posten im Stuttgarter Wissenschaftsministerium versetzt werden sollte. Viele Mitarbeiter des Staatstheaters solidarisierten sich mit dem beliebten Verwaltungsdirektor \u2013 das Motto \u201eJe suis Obermeier\u201c machte am Haus die Runde \u2013 und der Fall endete schlie\u00dflich in einer teuren und unergiebigen Mediation.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p style=\"font-size:22px\"><strong>Gravierende Vorw\u00fcrfe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach vielen immer offener werdenden Einzelstimmen bezog dann auch der Personalrat des Staatstheaters deutlich Stellung. In einem offenen Brief wurden die von Seibert, Kehrmann und Maier vorgebrachten Vorw\u00fcrfe nicht nur vollumf\u00e4nglich best\u00e4tigt, sondern sie wurden als noch weitaus gravierender dargestellt als zun\u00e4chst geglaubt. R\u00fcder Umgangston, cholerische Anf\u00e4lle und gezieltes Mobbing von Einzelpersonen durch den Intendanten seien ebenso an der Tagesordnung wie eine \u00dcberstundenzahl, die weit \u00fcber das an Theatern \u00fcbliche Ma\u00df hinausgeht und zu mindestens acht registrierten Burn-Out-Erkrankungen f\u00fchrte. Vorw\u00fcrfe wie eine gro\u00dfz\u00fcgige Umgehung von Ausschreibungspflichten zugunsten pers\u00f6nlicher Favoriten waren dabei noch nicht einmal ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen \u00e4u\u00dferst schwachen und desinteressierten Eindruck hinterlie\u00df in dieser Phase der Verwaltungsrat. Obwohl diesem bereits mehrfach Vorw\u00fcrfe aus den Reihen der Belegschaft vorgetragen wurden, darunter eine Umfrage aus dem Jahr 2018, in der mehr als die H\u00e4lfte der Mitarbeiter die Atmosph\u00e4re im Haus als \u201eeher schlecht\u201c bewertete, bem\u00e4ngelte der Verwaltungsrat nur einige \u201eFormfehler\u201c an der Umfrage und verl\u00e4ngerte den Vertrag des Intendanten 2019 um weitere f\u00fcnf Jahre bis 2026. Auch in der jetzt aufgetretenen Krise brauchte der Verwaltungsrat \u00fcber eine Woche f\u00fcr eine erste Stellungnahme. Doch anstatt zun\u00e4chst einmal Empathie mit den betroffenen Mitarbeitern erkennen zu lassen, wurde vor allem bedauert, dass die Vorw\u00fcrfe \u00f6ffentlich gemacht wurden. Man behauptete, keine Kenntnis von der Schwere der Anschuldigungen gehabt zu haben, und schlug einen Vertrauensanwalt vor, an den sich Betroffene wenden k\u00f6nnten. Da die zugesicherte Verschwiegenheit jedoch in einem \u00e4hnlichen Fall schon einmal gebrochen wurde, war diese L\u00f6sung weder vertrauensbildend noch hilfreich. Besonders die beiden Vorsitzenden des Verwaltungsrats, die Baden-W\u00fcrttembergische Wissenschafts- und Kunstministerin Theresia Bauer und Oberb\u00fcrgermeister Frank Mentrup, hinterlie\u00dfen in dieser Situation den Eindruck, eher den T\u00e4ter als die Opfer sch\u00fctzen zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignfull size-large caption-align-left\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/beitragsbild_staatstheater_karlsruhe-1024x631.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3253\"\/><figcaption>(Foto Staatstheater Karlsruhe)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p style=\"font-size:22px\"><strong>\u201eVon Haltung und Verhalten\u201c &#8230;?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Glaubhaft wiesen sowohl der Personalrat wie auch die Sprecher von Orchester und Chor darauf hin, dass der Verwaltungsrat mehrmals auf die untragbare Situation aufmerksam gemacht wurde. Besonders der Kulturb\u00fcrgermeister sei immer wieder auf die aufgetretenen Schwierigkeiten hingewiesen worden. Deutlich distanzierte sich auch die immerhin 1.400 Mitglieder z\u00e4hlende \u201eGesellschaft der Freunde des Badischen Staatstheaters\u201c von Spuhler. Neben dem Bedauern \u00fcber die \u00fcberdurchschnittliche Fluktuation im Ensemble beinhaltete die Stellungnahme auch eine deutliche Kritik an Spuhlers Spielplan-Politik. Detailliert wurde aufgef\u00fchrt, dass nicht nur misslungene Inszenierungen, sondern auch \u00fcberaus erfolgreiche Produktionen \u2013 u.a. \u201eDie Meistersinger von N\u00fcrnberg\u201c und \u201eParsifal\u201c \u2013 nach wenigen Auff\u00fchrungen wieder aus dem Spielplan verschwanden. Die wenigen regelm\u00e4\u00dfig wiederaufgenommenen Werke (\u201eCarmen\u201c, \u201eH\u00e4nsel und Gretel\u201c, \u201eDie Zauberfl\u00f6te\u201c, \u201eTosca\u201c, \u201eLa traviata\u201c) stammen alle noch aus den Amtszeiten fr\u00fcherer Intendanten. Aus den zehn Jahren unter Peter Spuhler r\u00fcckte einzig \u201eMy Fair Lady\u201c in diesen Kreis. Von einem gelungenen Repertoire-Aufbau k\u00f6nne somit keine Rede sein. Der Rezensent und Chronist kann dieser Einsch\u00e4tzung nur voll zustimmen. Doch weder diese klaren Stellungnahmen noch dreihundert vor der entscheidenden Verwaltungsratssitzung gegen Generalintendant Spuhler demonstrierende Mitarbeiter des Staatstheaters \u2013 somit immerhin \u00fcber ein Drittel der Belegschaft \u2013 vermochten den Verwaltungsrat von seiner Linie des \u201eWeiter so\u201c abbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer Reihe von vertrauensbildenden Ma\u00dfnahmen wollte man der Krise Herr werden: Man berief nun zwei Mitglieder des Personalrats zu offiziellen Beratern des Verwaltungsrats, man wollte einen Vertrauensanwalt einsetzen und regelm\u00e4\u00dfige Personalbefragungen durchf\u00fchren. Auch sollten die Kompetenzen und Rechte der einzelnen Spartendirektoren erweitert und detaillierter in Vertr\u00e4gen und Arbeitsbeschreibungen festgehalten werden. Doch mit Beginn der Spielzeit 2020\/21 setzte sich endlich die \u00dcberzeugung durch, dass die vorgesehenen und bereits laufenden Ma\u00dfnahmen keine Verbesserung der Situation bringen, woraufhin Bauer und Mentrup dem Verwaltungsrat im November vorschlugen, den Vertrag mit Peter Spuhler zum 31. August 2021 aufzuheben. Dem wurde am 30. November 2020 stattgegeben. Nun wird \u00fcber die zuk\u00fcnftige F\u00fchrungsstruktur des Hauses diskutiert (Generalintendant oder einzelne Spartenintendanten) sowie \u00fcber die Form und Dauer einer Interimsl\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p>Peter Spuhler stellte die laufende Spielzeit unter das Motto \u201eVon Haltung und Verhalten\u201c, doch die Haltung, von sich aus seinen R\u00fccktritt anzubieten, brachte er nicht auf. Er h\u00e4tte dem Badischen Staatstheater einen gro\u00dfen Imageschaden ersparen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-text-color has-background has-black-background-color has-black-color\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-light-gray-color has-text-color\"><em>Manfred Kraft verfolgt bereits seit 1970 die Entwicklungen am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Seit 1982 berichtet er vor Ort f\u00fcr den \u201eorpheus\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<div style=\"width: 100vw; left: 50%; transform: translateX(-50%); position: relative;\">\n<!-- Error, Advert is not available at this time due to schedule\/geolocation restrictions! -->\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Umstrittener F\u00fchrungsstil am Badischen Staatstheater Karlsruhe<\/p>","protected":false},"author":0,"featured_media":3252,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":4,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[86,236],"tags":[264,262,263],"class_list":["post-3246","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-beitraege","category-beitraege_2021_01","tag-badischen-neuesten-nachrichten","tag-badisches-staatstheater-karlsruhe","tag-peter-spuhler"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/beitragsbild_peter_spuhler-e1608730257157.jpg",1439,809,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/beitragsbild_peter_spuhler-e1608730257157-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/beitragsbild_peter_spuhler-e1608730257157-600x169.jpg",600,169,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/beitragsbild_peter_spuhler-e1608730257157-1200x675.jpg",1200,675,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/beitragsbild_peter_spuhler-e1608730257157-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/beitragsbild_peter_spuhler-e1608730257157-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"23. 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