{"id":3286,"date":"2020-12-23T19:21:26","date_gmt":"2020-12-23T18:21:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=3286"},"modified":"2021-01-28T16:03:58","modified_gmt":"2021-01-28T15:03:58","slug":"liebestaumel-kalt-gestoppt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2020\/12\/23\/liebestaumel-kalt-gestoppt\/","title":{"rendered":"Liebestaumel kalt gestoppt"},"content":{"rendered":"<p>Endlich einmal neo-feudale Verh\u00e4ltnisse: vor sich nicht werkgerechten Xeres, sondern eine gute Flasche spanischen Wein; ein Teller mit vielerlei H\u00e4ppchen; legere Kleidung; ein Stuhl mit Armlehnen und entspannendem Kippeffekt \u2013 und zu alldem Verdis \u201eFalstaff\u201c sch\u00f6n laut und oft visuell ganz nah ger\u00fcckt\u2026 so war der heruntergekommene \u201eRitter von Einst\u201c feucht-frugal am mittelgro\u00dfen Bildschirm und mit gutem Ton aus der Stereoanlage zu erleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst die geplante Festspielpremiere im Sommer, dann die Verschiebung auf die zweite Spielzeiteinstudierung im November \u2013 alles durch den rigorosen Kultur-Lockdown unm\u00f6glich. Jetzt also \u201eStaatsoper.TV\u201c. Das gestochen scharfe Bild zeigte Dirigent Michele Mariotti, der mit Maske ans Pult des hochgefahrenen, weit auseinander sitzenden Staatsorchesters kam. Dezentes Begr\u00fc\u00dfungsgetrampel, dann Maske ab und los fegte der Protest des nicht mehr verkaterten Dr. Cajus \u2013 im edel holzget\u00e4felten S\u00e4ulengang eines Casinos, benachbart etwa zum \u201eCaesars Palace\u201c in Las Vegas. In diese Welt hat die slowenische Schauspielregisseurin Mateja Kole\u017enik die ganze Handlung verlegt. B\u00fchnenbildner Raimund Orfeo Voigt baute hinter dem S\u00e4ulengang eine wechselnde Anzahl von b\u00fchnenhohen T\u00fcren, die Blicke in R\u00e4ume mit Spieltischen samt Gewinnern und Verlierern, betrunken, spiels\u00fcchtig oder auch verzweifelt gew\u00e4hren. Sexy Bunnys mit Bauchl\u00e4den trippeln umher; Alice Ford, Tochter Nannetta und Meg Page sind aus \u201eDallas\u201c oder \u201eDenver\u201c eingeflogen. Hinter den T\u00fcren ihrer Suiten stehen mal 200 Paar Schuhe \u00e0 la Diktatorengattin Marcos oder auch ein Riesenfach mit Klopapier (Ah! die Staatsoper hat den Engpass verursacht!) und nat\u00fcrlich Stangen voller edler Kleider \u2013 alles im Synthetic-Look vergangener Jahre, grelle Farben und Muster, aber chic (Kost\u00fcme: Ana Savi\u010d-Gecan). Dass diese Ladies Falstaff in ihren Liebesbriefchen jeweils einen roten und einen blauen Slip schicken, an denen Falstaff herumschnuppert \u2013 naja \u2026!? Gro\u00dfb\u00fcrger Ford (kantig: Boris Pinkhasovich) ist in dieser Welt eher ein Finanzdirektor mit Mafia-Aura und Pelzmantel, seltsamerweise mit dem ja eigentlich verhassten Fenton (lyrisch gut: Galeano Salas) als Sekret\u00e4r samt Aktentasche. S\u00e4ulen, T\u00fcren und befremdlicherweise ein hoch oben gelegenes enges Fach bieten dem Liebespaar Nannetta-Fenton allerlei \u201ebocca bacciata\u201c-M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wurstelt sich der einstige \u201eGentleman\u201c Falstaff mit seinen zwei heruntergekommenen Kumpanen so durch: erst Ranschmei\u00dfen und dann Ausnehmen von Vergn\u00fcgungss\u00fcchtigen. War Wolfgang Koch bislang ein Wotan, Barak oder Hans Sachs im Schlurf- und Schmuddel-Look, so pr\u00e4sentiert er sich jetzt vom Schlafanzug \u00fcber Morgenmantel, vom Schn\u00fcrbauch bis zum Ausgehanzug im Designer-Look und locker gewellter Frisur \u2013 mehr als in anderen Inszenierungen eigentlich ein baritonal runder Partner f\u00fcr die quicklebendige Mrs. Quickly von Judit Kutasi und ihren sch\u00f6n dunklen Ranschmei\u00df-T\u00f6nen. Die Alice von Ailyn P\u00e9rez bietet daf\u00fcr bl\u00fchende Sopran-Schwelgereien. F\u00fcr Tochter Nannetta beschw\u00f6rt Elena Tsallagova in glitzernder Korsage mit Silbersopran wirklichen Elfenzauber im Schlussbild. Daf\u00fcr fahren alle T\u00fcren weg, die S\u00e4ulen stehen f\u00fcr den Wald und als Elfen t\u00e4nzeln die eingeladenen Girls aus den \u201eFolies Berg\u00e8re\u201c (oder sind es die modernisierten \u201eZiegfeld Girls\u201c aus den 1920ern?) mit wei\u00dfen Federfl\u00fcgeln herein, ehe schwarze Gangster den anfangs geh\u00f6rnten, dann in schwarzer Unterw\u00e4sche und Strapsen liebesorientierten Falstaff piesacken.<\/p>\n\n\n\n<p>Dirigent Michele Mariotti hatte das verkleinert wirkende Staatsorchester zu schlankem, hellem und temporeichem Spiel animiert \u2013 was die Tontechnik sehr gut durchh\u00f6rbar aufnahm. Das Evisco-Bild-Team um TV-Regisseur Christoph Engel fing das alles gut ein, pr\u00e4sentierte in der Pause Fahrten \u00fcber die vergoldeten Rang-Br\u00fcstungen und zeigte dann den abschlie\u00dfenden Knalleffekt in Mateja Kole\u017eniks Inszenierung: Blackout im Wald, dann die nacheinander in der Schlussfuge einsetzenden, ungeschminkten, unkost\u00fcmierten Solisten im Schwarz-Wei\u00df-Bild einer heutigen Videokonferenz auf einer erh\u00f6hten Leinwand, dazu mal eine Totale des Orchesters aus einer Schlussprobe \u2013 alles auch mit dem aufgezeichneten Ton aus der Probe. And auf die B\u00fchne kam der stumme Chor mit Maske, dazu dann auch die Solisten mit Maske, Verdi-Boitos \u201eAlles auf Erden ist Torheit, wir Menschen sind die geborenen Narren\u201c vom Band und die 2.100 leeren Pl\u00e4tze im Bild \u2013 eine kalte Dusche f\u00fcr alles Liebesspiel und alle Sinne. Oper im Stil der Corona-Kulturb\u00fcrokratie \u2013 auch eine Ohrfeige \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Wolf-Dieter Peter<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eFalstaff\u201c (1893) \/\/ Giuseppe Verdi<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">M\u00fcnchen \/ Bayerische Staatsoper (Dezember 2020)<\/span><\/br><br \/>\n\u201eFalstaff\u201c-Neuproduktion feiert im Stream Premiere<\/p>","protected":false},"author":0,"featured_media":3285,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":2,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,235],"tags":[276,273,277,272],"class_list":["post-3286","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen_2021_01","tag-falstaff-1893","tag-bayerische-staatsoper","tag-giuseppe-verdi","tag-muenchen"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/fsg_muenchen_falstaff-5M1A1097_c_wilfried_Hoesl-e1608747409823.jpg",1024,576,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/fsg_muenchen_falstaff-5M1A1097_c_wilfried_Hoesl-e1608747409823-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/fsg_muenchen_falstaff-5M1A1097_c_wilfried_Hoesl-e1608747409823-600x169.jpg",600,169,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/fsg_muenchen_falstaff-5M1A1097_c_wilfried_Hoesl-e1608747409823-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/fsg_muenchen_falstaff-5M1A1097_c_wilfried_Hoesl-e1608747409823-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/fsg_muenchen_falstaff-5M1A1097_c_wilfried_Hoesl-e1608747409823.jpg",600,338,false],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"23. 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