{"id":3311,"date":"2020-12-27T17:39:22","date_gmt":"2020-12-27T16:39:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=3311"},"modified":"2021-12-20T23:40:39","modified_gmt":"2021-12-20T22:40:39","slug":"ich-habe-eine-neue-freiheit-gewonnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2020\/12\/27\/ich-habe-eine-neue-freiheit-gewonnen\/","title":{"rendered":"\u201eIch habe eine neue Freiheit gewonnen\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>von Claus-Ulrich Heinke<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLass uns in den Garten gehen. Da ist es heute so sch\u00f6n\u201c, begr\u00fc\u00dft mich Thomas Quasthoff an der T\u00fcr. Wir sind in seinem Haus in Berlin verabredet. Es ist einer dieser wunderbar sonnigen Herbsttage, die das Gem\u00fct beruhigen und in leicht melancholischer Weise anr\u00fchren. In dieser Atmosph\u00e4re sitzen wir nun unter herbstlich leuchtenden B\u00e4umen auf der Terrasse und sprechen \u00fcber Gott und die Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir f\u00e4llt seine Gelassenheit auf. \u201eJa, das stimmt. Ich f\u00fchle mich sehr wohl und entspannt. Bei dem Trubel, den ich in meinem Leben hatte, brauche ich nun diese ruhige Atmosph\u00e4re hier zu Hause. Auf Reisen hatte ich auch oft eine Art von Ruhe, wenn ich nach einem Konzert alleine in meinem Hotelzimmer war. Aber da war auch Einsamkeit. Jetzt ist es innere, heilsame Ruhe. Fr\u00fcher war ich ein gr\u00f6\u00dferer Gesellschaftsmensch und stand oft im Mittelpunkt. Das muss ich jetzt nicht mehr. Ich genie\u00dfe das Leben hier mit meiner Frau Claudia, unserer Tochter Charlotte und den Freunden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie auf ein B\u00fchnenstichwort hin erscheint Claudia mit Kaffee und belegten Broten. Kleiner ehelicher Zwischendialog: \u201eDanke daf\u00fcr.\u201c \u201eIch bin jetzt weg. Der Hund ist oben.\u201c \u201eAlles klar, mein Schatz. Ich hab dich lieb.\u201c Seit 14 Jahren sind sie verheiratet. \u201eEs ist jetzt noch inniger als fr\u00fcher\u201c, sagt Quasthoff mit einem liebevollen L\u00e4cheln um die Augen. Offen erz\u00e4hlt er auch von einer Krise, die sie aber durch Sprechen und Reflexion gemeistert haben. \u201eIch habe in der Zeit viel \u00fcber mich selbst gelernt, auch durch etwas Hilfe von au\u00dfen. Alles ist gut jetzt. Es ist das reine Gl\u00fcck.\u201c \u00dcber die andere Krise nach dem Tod des Bruders und seiner Mutter, in der es ihm im wahrsten Sinne des Wortes die Stimme verschlug, ist oft und ausf\u00fchrlich berichtet worden. Das ist nicht unser Thema an diesem Vormittag. Vielmehr sprechen wir \u00fcber die vielf\u00e4ltigen M\u00f6glichkeiten, die ihm sein jetziges Leben bringt. \u201eIch habe eine neue Freiheit gewonnen, was herrlich ist. Das gilt zum einen f\u00fcr meinen Terminkalender, ich kann selbst bestimmen, was ich will und was nicht. Viel mehr aber gilt die Freiheit der Vielseitigkeit, die sich mir er\u00f6ffnet hat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large caption-align-left is-style-default\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"1000\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-_2018_c_Gregor_Hohenberg.jpg\" alt=\"Thomas Quasthoff\" class=\"wp-image-3650\" srcset=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-_2018_c_Gregor_Hohenberg.jpg 1000w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-_2018_c_Gregor_Hohenberg-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-_2018_c_Gregor_Hohenberg-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-_2018_c_Gregor_Hohenberg-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-_2018_c_Gregor_Hohenberg-500x500.jpg 500w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-_2018_c_Gregor_Hohenberg-800x800.jpg 800w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-_2018_c_Gregor_Hohenberg-870x870.jpg 870w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-_2018_c_Gregor_Hohenberg-600x600.jpg 600w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-_2018_c_Gregor_Hohenberg-100x100.jpg 100w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>(Foto Gregor Hohenberg \/ Sony Music Entertainment)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p style=\"font-size:22px\"><strong>Die Lust, sich mit der Stimme auszudr\u00fccken, ist unver\u00e4ndert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und in der Tat. \u00dcber vierzig Jahre lang war der S\u00e4nger ein Weltstar der Klassikwelt. Heute entdeckt man seinen Namen in unterschiedlichsten Zusammenh\u00e4ngen. Auch mit differenzierter Sprechkunst \u2013 und das stets auf hohem Niveau. Ob er den Narr in Shakespeares \u201eWas ihr wollt\u201c im Berliner Ensemble gibt, ob er Texte zu Haydns \u201eSieben letzten Worte\u201c rezitiert, ob es das Melodram in Sch\u00f6nbergs \u201eGurre-Liedern\u201c oder dessen ersch\u00fctternde Komposition \u201eEin \u00dcberlebender aus Warschau\u201c ist \u2013 mit Simon Rattle, Zubin Mehta und Ingo Metzmacher an den Dirigierpulten: Seine Stimme ber\u00fchrt die Menschen. Beim Projekt \u201eSWR Young ClassiX\u201c erz\u00e4hlt er spannende und unterhaltsame Geschichten f\u00fcr Kinder ab sechs Jahren, bei denen junge Menschen unversehens auch klassische Musik erleben. Oder man findet ihn auf dem Spielplan von Dieter Hallervordens Schlosstheater mit Texten von Hans-Dieter H\u00fcsch. \u201eDie H\u00fcsch-Texte liebe ich. Er hat mir noch zu seinen Lebzeiten erlaubt, seine Worte zu lesen. Und ein \u00d6rgelchen hatte ich in bester H\u00fcsch-Tradition auch dabei. Richtig toll waren jetzt im Sommer die musikalisch-literarischen Abende \u201aKurz und Knapp\u2018 zusammen mit Katharina Thalbach im Schillertheater. Wir hatten so viel Spa\u00df und es war noch dazu ein Riesenerfolg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich kann er auch eine alte Liebe neu erwecken: den Jazz. In vielen Interviews erz\u00e4hlt er, dass er dabei ein neues Instrument erlernen musste: das Mikrofon. \u201eIch bin im Jazz \u00fcberhaupt der Lernende. Ich bin so gl\u00fccklich, dass ich mit Simon Oslender (Klavier), Dieter Ilg (Kontrabass) und Wolfgang Haffner (Schlagzeug) drei Weltklasse-Jazzer an meiner Seite habe. Die wissen, wo es lang gehen muss.\u201c Wer allerdings das Quartett live erlebt, erkennt sofort, dass Quasthoff hier schwer untertreibt. Was er an Stimmfarbe, Emotionen, Improvisationen einbringt, zeigt ihn auch hier als Meister aller Stile. Dass er auch in diesem Genre die gro\u00dfen Konzerts\u00e4le wie in Baden-Baden, Wien, Hamburg, M\u00fcnchen und bei gro\u00dfen Festivals f\u00fcllt, macht ihn durchaus stolz. Gibt es Unterschiede zum klassischen Lied? \u201eJa, im Jazz musst du viel intensiver aufeinander h\u00f6ren, bist in einem st\u00e4ndigen musikalischen Dialog miteinander und die Emotionen sind pers\u00f6nlicher, direkter. Gleichzeitig hast du aber auch eine gro\u00dfe Freiheit bei der Gestaltung. Und das ist jedes Mal neu.\u201c &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p style=\"font-size:22px\"><strong>\u201eEs gibt Dinge zwischen Himmel und Erde &#8230;\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und dann war da vor f\u00fcnf Jahren doch Bachs \u201eMatth\u00e4us-Passion\u201c mit dem Dirigenten Thomas Quasthoff beim Verbier Festival. \u201eEin besonderes, unvergessliches Erlebnis. Ich wurde vom herrlichen RIAS Kammerchor, einem tollen Orchester und von mir ausgew\u00e4hlten Solistinnen und Solisten wunderbar unterst\u00fctzt.\u201c \u201eHat die Musik von Bach, die du so oft auch selbst gesungen hast, einen Nachklang f\u00fcr deine eigene Religiosit\u00e4t?\u201c, interessiere ich mich. \u201eWeniger. Ich habe zum Christentum generell Distanz. Aber bei der \u201aMatth\u00e4us-Passion\u2018 ist das anders. Als zum Beispiel der Chor bei unserem Konzert den Choral \u201aWenn ich einmal soll scheiden\u2018 a capella sang, hat das sehr tief ber\u00fchrt. Auch mich. Bis dahin hatte es \u00fcbrigens ununterbrochen geregnet. Als ich in der Pause dann aus dem Saal ins Freie trete, bricht die Sonne durch, die Schweizer Berge liegen vor mir und der Himmel wird blau. Direkt nach diesem Choral! Wei\u00dft du, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme, nicht ganz von ungef\u00e4hr, auf eine bestimmte Choralzeile zur\u00fcck: \u201eWenn mir am allerb\u00e4ngsten wird um das Herze sein, so rei\u00df mich aus den \u00c4ngsten\u2026\u201c Quasthoff reagiert prompt. \u201eDas hat essentiell mit mir zu tun. Ich hatte in meinem Leben viele \u00c4ngste. Schau mal, mit neun Monaten kam ich f\u00fcr anderthalb Jahre weg von zu Hause und lag im Annastift Hannover im Streckverband. Visuell und k\u00f6rperlich ohne engere Beziehung zur Mutter. Heute wei\u00df ich: Das ist die Wurzel meiner sp\u00e4ter immer wieder aufkeimenden Verlust\u00e4ngste. Lange habe ich mir gesagt, dass das alles Quatsch ist. Und dass ich das packe. Habe ich aber nicht. Erst in der Dynamik der Beziehung zu Claudia ist mir das klar geworden. Jetzt habe ich keine Angst mehr.\u201c Und er f\u00fcgt hinzu: \u201eIm Choral gibt es ja auch eine Vision, wie die \u00c4ngste sich aufl\u00f6sen k\u00f6nnen. Bach bzw. der Lieddichter Paul Gerhardt beziehen die L\u00f6sung der \u00c4ngste auf Jesus. Damit kann ich nicht so viel anfangen. Ich sehe das umfassender. Es ist die Liebe, die Hoffnung bringt. Zwischen den Menschen, auch zu mir selbst. Aber auch im Hinblick auf Freundschaften und auf Menschen, die mir helfen, auf dem Teppich zu bleiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe auch kosmologisch gesehen, wie bei dem gro\u00dfen Theologen Teilhard de Jardin? Lachende Antwort: \u201eNe ne, so kosmisch bin ich nicht, so esoterisch\u2026\u201c Kleine nachdenkliche Pause, dann: \u201eEs gibt aber schon Ebenen. Ich will jemanden anrufen und das Telefon klingelt und der Mensch ist dran. Oder, was ganz eigenartig war: Ein dreiviertel Jahr nach dem Tod meines Bruders kommt er zu mir im Schlaf und streichelt \u00fcber meinen Kopf. Das war nicht eingebildet. Das war real. Ich habe es gesp\u00fcrt\u2026 Ach, ich wei\u00df es nicht. Wissend werde ich vermutlich erst sein, wenn ich den L\u00f6ffel abgegeben habe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann sprechen wir doch \u00fcber die letzten Tage seines Bruders, wie er ihm die Hand hielt, \u00fcber die Palliativbegleitung, \u00fcber den Tod der Mutter und ihre letzten Worte \u201ePass mir auf die Claudia auf\u201c und wie er vor der Beerdigungsandacht seiner Mutter Zeit alleine in der Kapelle hatte, weinen konnte und Abschied nahm.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large caption-align-left\"><img decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"1000\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-2_2018_\u00a9-Gregor-Hohenberg-Sony-Music-Entertainment.jpg\" alt=\"Thomas Quasthoff\" class=\"wp-image-3651\" srcset=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-2_2018_\u00a9-Gregor-Hohenberg-Sony-Music-Entertainment.jpg 1000w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-2_2018_\u00a9-Gregor-Hohenberg-Sony-Music-Entertainment-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-2_2018_\u00a9-Gregor-Hohenberg-Sony-Music-Entertainment-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-2_2018_\u00a9-Gregor-Hohenberg-Sony-Music-Entertainment-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-2_2018_\u00a9-Gregor-Hohenberg-Sony-Music-Entertainment-500x500.jpg 500w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-2_2018_\u00a9-Gregor-Hohenberg-Sony-Music-Entertainment-800x800.jpg 800w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-2_2018_\u00a9-Gregor-Hohenberg-Sony-Music-Entertainment-870x870.jpg 870w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-2_2018_\u00a9-Gregor-Hohenberg-Sony-Music-Entertainment-600x600.jpg 600w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-2_2018_\u00a9-Gregor-Hohenberg-Sony-Music-Entertainment-100x100.jpg 100w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>(Foto Gregor Hohenberg \/ Sony Music Entertainment)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>\u201eWar der Abschied von der Klassik auch so bewegend f\u00fcr dich?\u201c \u201eNein, ich denke ohne Wehmut daran. Manchmal, wenn ich Aufnahmen h\u00f6re \u2013 etwa meinen Liederabend beim Oregon Bach Festival in Eugene, denke ich sowas wie \u201aMh, det war schon jut, wa\u2018. Also eher zufrieden und gelassen als melancholisch. Ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, wo ich mit Claudia in Weimar im Konzert sa\u00df und mir die Tr\u00e4nen nur so runtergeflossen sind. Auf dem Programm stand Mahlers \u201aLied von der Erde\u2018. Ich liebe dieses St\u00fcck wegen dieser Auseinandersetzung Mahlers mit dem, was danach kommt, und \u00fcberhaupt mit dem Sterben. Am Ende des Liedes \u201aAbschied\u2018 wiederholt er das letzte Wort \u201aewig\u2018 mit langen T\u00f6nen immer wieder, eingeh\u00fcllt von verendenden, langen Orchesterkl\u00e4ngen. Diese unendliche Ruhe, die diese letzten Takte haben, war zu viel f\u00fcr mich. Da wurde mir bewusst, dass ich das nie wieder in meinem Leben singe. Dieser Gedanke hat mich damals sehr ergriffen. Komischerweise: Ab da war es dann aber durch. Vorbei und ein abgeschlossenes Kapitel.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Gespr\u00e4ch g\u00f6nnt sich etwas Schweigen, Regen kommt auf und wir wechseln in das Wohnzimmer, um noch ein paar letzte Gedanken zu thematisieren. Gibt es eine Angst vor der Zeit ganz ohne B\u00fchne? \u201eNein. Ich wei\u00df, wie sich das anf\u00fchlt. Zum einen habe ich das jetzt schon seit M\u00e4rz, seit der Lockdown begann. Und: Ich habe auch drei Jahre gar nicht gesungen. Nee, ich habe keine Angst, alles hat seine Zeit. Wir sind verg\u00e4nglich. Das Menschliche Sein ist ein \u00dcbergang \u2013 und das meine ich nun doch gesamtkosmisch. Ich bin da relativ entspannt. Mich besch\u00e4ftigt viel mehr, was wir unserer Tochter und ihrer Generation hinterlassen.\u201c Und dann mit vehementem Metall in der Stimme: \u201eIch hasse Intoleranz, Rassismus und Nazi-Ideologie. Querdenker, die mit Rechten zusammengehen \u2013 das geht gar nicht! Verschw\u00f6rungstheoretiker und Rapper mit einer Intelligenz wie ein Salzstreuer. Das alles ist ganz schlimm und wir m\u00fcssen dagegen angehen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eine letzte Frage. \u201eNoch einmal zur\u00fcck zum \u201aAbschied\u2018 aus Mahlers \u201aLied von der Erde\u2018 und deiner Gelassenheit, \u00fcber die wir heute zu Beginn unseres Gespr\u00e4ches redeten. Gelassenheit hat auch mit Loslassen zu tun. Letztendlich, und das im wahrsten Sinne des Wortes, auch am letzten Ende des Lebens. Angst vor dem Sterben oder gelassene Ruhe?\u201c Ein Moment Schweigen und Nachsinnen. Dann seine Antwort: \u201e\u00dcber den Tod zu reden, f\u00e4llt mir schwer. Was ich aber wei\u00df: ich m\u00f6chte eher gehen und mir nicht vorstellen, alleine zu sein. Wenn es aber so kommen w\u00fcrde, w\u00e4re ich doch nicht allein. Meine Tochter und Freunde w\u00e4ren da. Das ist tr\u00f6stlich.\u201c Bald danach verabschieden wir uns. Im Auto verharre ich noch ein wenig, bevor ich starte. Dieser Vormittag im Herbst war geschenkte Zeit.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch mit Thomas Quasthoff<\/p>","protected":false},"author":0,"featured_media":3652,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":6,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[86,236],"tags":[291,290],"class_list":["post-3311","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-beitraege","category-beitraege_2021_01","tag-gespraech","tag-thomas-quasthoff"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-4_2018_c_Gregor_Hohenberg-e1609338444210.jpg",1500,843,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-4_2018_c_Gregor_Hohenberg-e1609338444210-700x700.jpg",700,700,true],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-4_2018_c_Gregor_Hohenberg-e1609338444210-600x169.jpg",600,169,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-4_2018_c_Gregor_Hohenberg-e1609338444210-1200x674.jpg",1200,674,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-4_2018_c_Gregor_Hohenberg-e1609338444210-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kl_ThomasQuasthoff_Pressefoto-4_2018_c_Gregor_Hohenberg-e1609338444210-1024x575.jpg",600,337,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"27. 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