{"id":3372,"date":"2020-12-27T21:49:50","date_gmt":"2020-12-27T20:49:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=3372"},"modified":"2021-01-03T11:48:56","modified_gmt":"2021-01-03T10:48:56","slug":"wagners-weltweite-wirkung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2020\/12\/27\/wagners-weltweite-wirkung\/","title":{"rendered":"Wagners weltweite Wirkung"},"content":{"rendered":"<p>Ein Perspektivwechsel tut fast immer gut. Noch dazu bietet die angloamerikanische Musikschriftstellerei meist einen bestens lesbaren, analytisch klaren Stil, fern aller \u00e4sthetischen Schwurbelei &#8211; so auch der arrivierte US-Musikkritiker Alex Ross. Deshalb also: kein Zur\u00fcckschrecken vor 750 reinen Textseiten, vertieft durch 100 Seiten Anmerkungen und einem breit angelegten Register. Auch weil Gloria Buschor und G\u00fcnter Kotzor gekonnt die n\u00f6tige Fachsprache mit den \u00e4sthetischen Beschreibungen und Urteilen des versierten Autors \u00fcbersetzen und mischen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ross hat nicht die x-te Wagner-Interpretation verfasst, sondern den Horizont von Wagners Lebensende bis circa ins Jahr 2000 gespannt: Was hat der Komponist geschaffen und wie haben seine Werke, seine Schriftstellerei und seine oft ausufernden \u00c4u\u00dferungen dann die Kunstwelt der Moderne beeinflusst? Also untersucht Ross den schon zu Lebzeiten einsetzenden \u201eWagnerismus\u201c in Lyrik, Prosa, Malerei, Theater, Tanz, Architektur und Film bis in unsere Zeit. Selbst musikalisch ausgebildet, wollte Ross wohl ein auch k\u00fcnstlerisch geformtes Buch schreiben. Folglich hat er seine 15 Kapitel \u201ewerk-nahe\u201c benannt, vom er\u00f6ffnenden \u201eRheingold\u201c etwa \u00fcber \u201eNibelheim\u201c zu \u201eVenusberg\u201c, \u201eNothung\u201c und \u201eSiegfrieds Tod\u201c bis zu \u201eWalk\u00fcrenritt\u201c. Dass am Ende \u201eParsifal\u201c-nahe \u201eDie Wunde\u201c steht, signalisiert auch, dass Ross kein Problem der vielf\u00e4ltigen Wirkungsgeschichte ausspart, vor allem nicht den f\u00fcr ihn klar zu Tage liegenden Antisemitismus Wagners samt breit belegter Nachwirkung: Da bleibt Ross ganz auf der Linie des ihn beratenden Hans Rudolf Vaget, britischer Kollegen wie Barry Millington und hierzulande Jens Malte Fischer. Hier und bei der vielfach umrissenen politischen Nachwirkung Wagners, seiner Instrumentalisierung und des Missbrauchs zeigt sich eine Leerstelle der Analyse: Der seit 1989 neue Werk-Horizonte er\u00f6ffnende, mit \u201eRichard Wagner in Deutschland\u201c die gesellschaftspolitische Wirkungsgeschichte grundlegend beleuchtende Udo Bermbach ist nur einmal kurz genannt, seine \u201eErdung\u201c Wagners in der Politikgeschichte zu wenig verarbeitet. Erfreulicherweise aber hebt Ross die Bedeutung und Stellung von George Bernard Shaws kleinem Wagner-Brevier von 1896 hervor. Nur wurde Shaws 1906 dann im Kaiserreich erscheinendes B\u00fcchlein kaum rezipiert: Auch nicht in Neu-Bayreuth ab 1951, sehr wohl in der DDR und im \u201eLeipziger Ring\u201c von 1974-76 \u2013 und 1976 dann im Bayreuther \u201eJahrhundert-Ring\u201c von Ch\u00e9reau zun\u00e4chst als \u201elinker Skandal\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch weit dar\u00fcber hinaus er\u00f6ffnet Ross tiefe Einblicke in den schon zu Lebzeiten Wagners in Frankreich entstehenden \u201eWagnerisme\u201c mit Mallarm\u00e9s \u201ele dieu Wagner\u201c hin zu W.H. Audens \u201eabsolute shit\u201c inmitten der englischen Wagner-Verehrung. Siegfrieds Trauermarsch wird bei Lenins Beerdigung gespielt und Zionist Theodor Herzl erholt sich bei \u201eTannh\u00e4user\u201c. Neu ist der &#8211; wenn auch etwas breit geratene &#8211; Blick auf Wagners Wirkung in Amerika. Speziell den auf dort bl\u00fchende S\u00e4ngerromane Willa Cather oder Sidney Lanier, auf Owen Wisters Wagnerianische Cowboys und Walt Whitman: Die farbige Literaturgr\u00f6\u00dfe W.E.B. du Bois versteht \u201eLohengrin als Utopie eines rassefreien Gemeinwesens\u201c. Ross zeigt die nahezu weltweite literarische Breitenwirkung des Tristan-Akkords und der Liebeshandlung. Weit \u00fcber Seiten zu Nietzsche, Oscar Wilde und Thomas Mann hinaus verfolgt der Autor Wagners heimatsuchenden \u201eHoll\u00e4nder\u201c in Joyces \u201eUlysses\u201c, in T.S. Eliots \u201eThe Waste Land\u201c und Virginia Woolfs \u201eThe Waves\u201c und zeigt Dutzende anderer Spuren auf. Differenziert wird die Problematik \u201eWagner-Hitler-Nationalsozialismus\u201c er\u00f6rtert, etwa, dass Wagner in dieser Phase in Angloamerika zum \u201eguten Deutschland\u201c gerechnet wurde \u2013 bis hin zu dem Faktum, dass Filmsequenzen der US-Bomberflotte der \u201eWalk\u00fcrenritt\u201c unterlegt ist \u2013 lange vor \u201eApocalyse Now\u201c, in dem dann der \u201edeutsche Wille zur Macht durch einen God-bless-America-Imperialismus ersetzt wurde\u201c. Insgesamt bringt das Kapitel \u201eWagner im Film\u201c von Stummfilm-Musik bis zu Stanley Kubrick, Ken Russell und Coppalas Opus viel Informatives.<\/p>\n\n\n\n<p>In der abschlie\u00dfenden \u201eWunde\u201c zum \u201eWagnerismus nach 1945\u201c best\u00e4tigt Ross die von Udo Bermbach schon ausgef\u00fchrte Kontinuit\u00e4t von Neu-Bayreuth auf etlichen alten Schienen, ehe dann mit dem Engagement von DDR-Regisseuren und Ch\u00e9reau wirklich die Neu-Interpretation begann. Das aus US-Sicht oft als \u201eGerman Trash\u201c abqualifizierte \u201eRegietheater\u201c w\u00fcrdigt Ross mit den Namen Herzog-Syberberg-Melchinger-Berghaus-Schlingensief-Alden-Konwitschny-Herheim etwas zu pauschal, doch dann mit Schluss-Urteil \u201edie M\u00fche wert, weil es zu au\u00dfergew\u00f6hnlichen Einsichten f\u00fchren kann\u201c. Das gelingt auch Alex Ross mit erhellenden Seiten zu \u201eWagner in der Bildenden Kunst\u201c: von Henri Fantin-Latour, Odilon Redon, \u00fcber Kandinsky, Franz Marc, die endlich entdeckte Hilma af Klint bis zu Anselm Kiefer. Passagen \u00fcber Lo\u00efe Fuller und den Ausdruckstanz, \u00fcber Isodora Duncan und d\u2019Annunzio &#8211; all das rundet sich zu einer lohnenden Tour d\u2019Horizon mit den \u201eBesten und schlimmsten Eigenschaften des Menschen\u201c, mit mal einem \u201eSieg der Kunst \u00fcber die Wirklichkeit\u201c, mal einem \u201eSieg der Wirklichkeit \u00fcber die Kunst\u201c &#8211; also einer \u201eTrag\u00f6die extremer Unvollkommenheit\u201c um Wagners Werk. Die Quintessenz seines enorm gehaltvollen Bandes hat Ross schon auf Seite 421 selbst formuliert: \u201eWagner bleibt das Monster im Herzen des modernen Labyrinths, dem man nicht entrinnen kann.\u201c\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Wolf-Dieter Peter<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile has-media-on-the-bottom has-background\" style=\"background-color:#b8881c\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"2\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/white_stripe-1024x2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3436 size-full\" srcset=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/white_stripe-1024x2.jpg 1024w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/white_stripe-300x1.jpg 300w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/white_stripe-768x2.jpg 768w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/white_stripe-500x1.jpg 500w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/white_stripe-800x2.jpg 800w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/white_stripe-1280x3.jpg 1280w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/white_stripe-870x2.jpg 870w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/white_stripe-600x1.jpg 600w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/white_stripe.jpg 1440w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-large-font-size\">INFOS ZUM BUCH<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color\">Alex Ross: \u201eDie Welt nach Wagner. Ein deutscher K\u00fcnstler und sein Einfluss auf die Moderne\u201c<br>907 Seiten, Rowohlt Verlag<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alex Ross: \u201eDie Welt nach Wagner. 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