{"id":5057,"date":"2021-02-22T14:51:29","date_gmt":"2021-02-22T13:51:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=5057"},"modified":"2021-02-28T23:20:05","modified_gmt":"2021-02-28T22:20:05","slug":"gesellschaftspolitische-attacke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2021\/02\/22\/gesellschaftspolitische-attacke\/","title":{"rendered":"Gesellschaftspolitische Attacke"},"content":{"rendered":"<p>Als Opernstadt hat bislang noch Z\u00fcrich die Nase vorn. Doch unter Intendant Aviel Cahn positioniert sich auch Genf neben einer F\u00fclle von Weltorganisationen zunehmend als Schweizer Haus von internationalem Rang. Dass einerseits 1920 hier der V\u00f6lkerbund begann, andererseits heute das hinterfragenswerte internationale Bankengesch\u00e4ft mit einem dubiosen \u201eFreeport\u201c agiert, mag bei Cahns Engagement von Milo Rau an die Oper hereingespielt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn f\u00fcr die Herrschaft \u2026 ein strenges Herz vonn\u00f6ten ist, nehmt mir entweder die Herrschaft ab oder gebt mir ein anderes Herz. Wenn ich die Treue meiner Reiche nicht durch Liebe gewinnen kann, liegt mir nichts an der Treue, die eine Frucht der Angst ist.\u201c Das singt 1791 ein absolut M\u00e4chtiger, der in der Liebe Ungl\u00fcck hat, den der engste Freund verr\u00e4t, der dessen t\u00f6dlichem Anschlag und einem Putsch in der Hauptstadt gerade noch lebendig entkommt. Einer, der dennoch keine Todesurteile f\u00e4llt, vielmehr allen verzeiht, weil er wei\u00df, dass eben nur \u201egeliebte\u201c Herrschaft k\u00fcnftig ergeben angenommen wird. Gegen alle Staatsr\u00e4son siegen Lebensweisheit und Humanit\u00e4t. Diese Arie im Schlussteil von Mozarts \u201eLa clemenza di Tito\u201c entwirft eine faszinierende Utopie. Eine Herausforderung bis heute, weswegen schon im Br\u00fcssel Gerard Mortiers der Tito-S\u00e4nger gleichsam aus dem B\u00fchnenbild heraustrat, vor dem sich schlie\u00dfenden Vorhang an einem Rednerpult stand \u2013 und eine \u201eGrundsatzrede\u201c an uns Demokraten hielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mozarts \u201eTito\u201c ist ein Werk mit hochpolitisch strahlendem Kern. Das mag f\u00fcr einen politisch ebenfalls hoch engagierten Regisseur wie Milo Rau die Br\u00fccke gewesen sein, \u00fcber die er sich zu seiner ersten Opernregie locken lie\u00df. Mit vielen bisherigen \u201efreien\u201c und seit 2018 am belgischen Theater NTGent realisierten Werken greift Rau gezielt, herausfordernd bis provokativ ins reale Leben: von der Ceausescu-Hinrichtung \u00fcber die Dutroux-Entsetzlichkeiten zum Ruanda-V\u00f6lkermord, einem Kongo-Tribunal bis hin zum Film \u201eDas neue Evangelium\u201c, in dem ein farbiger Jesus f\u00fcr die Armen, Entrechteten und \u201eIllegalen\u201c auf s\u00fcditalienischen Gem\u00fcsefeldern eintritt. Zunehmend arbeitet Rau dabei mit Betroffenen, Zeitzeugen und gezielt auch Fl\u00fcchtlingen zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau das ist auch Grundkonzept seiner \u201eTito\u201c-Inszenierung. Von B\u00fchnenbildner Anton Lukas hat er hinter einem vorderen Spielstreifen in der B\u00fchnenmitte eine kleine Drehb\u00fchne bauen lassen. Sie zeigt aus Raus Sicht die zwei Seiten unserer Welt: einen edlen, hellen Raum, der sich am Ende als Saal einer Vernissage mit gutbetuchten Kunstfreunden entpuppt. Auf der Kehrseite die d\u00fcstere Realit\u00e4t eines \u201eunserer\u201c Fl\u00fcchtlingslager \u2013 Notbehausungen aus Sperrgut, umherliegender M\u00fcll, eine brennende \u00d6ltonne, Schilder mit Protestparolen, ein Junge im Rollstuhl, fast durchweg Farbige \u2013 \u00fcber allem ein (zu kleiner) Videoschirm. Und hier beginnt das Kernproblem der Auff\u00fchrung. Mit Zustimmung des jungen Dirigenten Maxim Emelyanychev hat Rau Mozarts Werk drastisch zusammengestrichen: Eigentlich w\u00e4ren da die gegen die siegreiche \u201eWeisheit\u201c und \u201eMilde\u201c wie ein Feuersturm w\u00fctenden erotisch-eifers\u00fcchtig-rachel\u00fcsternen Verwicklungen um Freund Sesto, die ambitioniert verf\u00fchrerische, emotional furiose Vitellia, das junge Liebespaar Annio-Servilia und den gesetzesfixierten Staatsrat Publio. Allerdings: Ein Gutteil der Arien und ein Gro\u00dfteil der Rezitative wurden ersetzt durch gesprochene oder auf dem Bildschirm eingeblendete biographische Erz\u00e4hlungen dieser \u201eWirtschaftsfl\u00fcchtlinge\u201c oder Bedrohten, Gejagten und Gewaltopfer. Gleich am Anfang wird einem Theaterhandwerker das Herz herausgeschnitten und durch die zweieinhalbst\u00fcndige Auff\u00fchrung weitergereicht, bis es Tito zu seiner Arie in H\u00e4nden h\u00e4lt. Davor war er \u2013 durch das Attentat t\u00f6dlich verletzt \u2013 zu zwei Schamaninnen in ein notd\u00fcrftiges Zelt gebracht und gerettet worden. Zwar zeigt uns ein Video-Einspieler seine Waschversuche, aber er bleibt ein Rotlehm-verkrustetes Gesicht. Im Verlauf wird auch die Erh\u00e4ngung zweier Dissidenten relativ bildgetreu vorgef\u00fchrt, ohne dass die Parteiungen wirklich klar werden. Durchweg laufen Video-Kameraleute zur Live-Projektion durch die Szene und ihre eigenen Bilder. Dann l\u00e4sst Rau seine 18 neuen Mitspieler auch einmal G\u00e9ricaults \u201eFlo\u00df der Verdammten\u201c nachstellen, den halbtoten Tito arrangiert er als Davids \u201eTod des Marat\u201c. Genau das stellt sich auch als Haupteindruck ein: Die Spieler sind \u201earrangiert\u201c &#8211; in einem neuen Anklagest\u00fcck angesichts unserer Welt \u2013 wie es der Science-Fiction-Film \u201eElysium\u201c eindringlich vorstellt. Raus Botschaft gipfelt im Vernissage-Ende mit dem Tod aller singenden Solisten vor einem Podest. Sie d\u00fcrfen noch das Schlusssextett singen, aber davor wird auf dem Bildschirm eine kleine Geschichtsstunde von der Franz\u00f6sischen Revolution bis zu Restauration projiziert. Zu den dystopischen Schlussbemerkungen und Fragen Milo Raus \u2013 etwa: wer wohl unsere fatale Geschichte erz\u00e4hlen wird \u2013 arrangieren sich die Unterdr\u00fcckten dieser Erde um einen halbnackten Anf\u00fchrer zu Delacroixs \u201eDie Freiheit f\u00fchrt das Volk\u201c \u2013 und einzig Vogelgezwitscher klingt durch das finale Dunkel.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach ja, musiziert und gesungen wird auch. Dirigent Emelyanychev f\u00fchrt das Orchestre de la Suisse Romande zu straffem, klar konturiertem Klang, doch nichtsdestotrotz wirkt Mozart alles in allem degradiert zur guten Begleitmusik der szenischen F\u00fclle. Die Solisten um den Tito-Tenor Bernard Richter klangen alle sehr gut. Doch ihre von Mozart singul\u00e4r gestaltete \u201eTour de Force\u201c durch wirklich alle Gef\u00fchlslagen ist in diesem Opus reduziert auf kleine vokale Statusmeldungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man \u2013 wie der Rezensent \u2013 nahezu alle Aspekte seiner dystopischen Weltsicht teilt, bleibt die Fundamentalkritik: Das ist nicht Thema in Mozarts \u201eClemenza di Tito\u201c. Da lie\u00dfen sich mehrfach weit besser kritische Protestsongs einspielen und eben ein neues St\u00fcck kreieren. Und Rau sollte selbstkritisch sehen, dass Personenregie einen unverzichtbaren Wert in der Neuinterpretation von Klassikern bildet \u2013 ein Anspruch, dem er nicht gerecht geworden ist. So bleibt eine Vermutung: Intendant Cahn und Regisseur Rau wollen mit einem Klassiker locken \u2013 um dann dem Publikum der reichen Finanzmetropole eine Art Moralpredigt zu servieren. Intention ehrenwert \u2013 aber Mozart missbraucht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Wolf-Dieter Peter<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eLa clemenza di Tito\u201c (1791) \/\/ Opera seria von Wolfgang Amadeus Mozart<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">Genf \/ Grand Th\u00e9\u00e2tre de Gen\u00e8ve (Februar 2021)<\/span><\/br><br \/>\nMilo Raus erste Opernregie: Dystopische Sicht auf Mozarts \u201eLa clemenza di Tito\u201c<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":5058,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":3,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,444],"tags":[537,533,540,531,530,532,535,538,534,480,422,423,450,539,425,426,424,451,481,541,434,253],"class_list":["post-5057","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2021-02","tag-anton-lukas","tag-aviel-cahn","tag-bernard-richter","tag-geneve","tag-genf","tag-grand-theatre-de-geneve","tag-la-clemenza-di-tito","tag-maxim-emelyanychev","tag-milo-rau","tag-musiktheater","tag-oper","tag-opernkritik","tag-opernstreaming","tag-orchestre-de-la-suisse-romande","tag-orpheus","tag-orpheus-magazin","tag-premierenkritik","tag-streaming","tag-streamingkritik","tag-titus","tag-wolf-dieter-peter","tag-wolfgang-amadeus-mozart"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/FSG_Genf_La-clemenza-di-Tito-La_Clemence_de_Titus_c_CaroleParodi_02-scaled.jpg",2560,1707,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/FSG_Genf_La-clemenza-di-Tito-La_Clemence_de_Titus_c_CaroleParodi_02-scaled.jpg",700,467,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/FSG_Genf_La-clemenza-di-Tito-La_Clemence_de_Titus_c_CaroleParodi_02-600x200.jpg",600,200,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/FSG_Genf_La-clemenza-di-Tito-La_Clemence_de_Titus_c_CaroleParodi_02-1200x800.jpg",1200,800,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/FSG_Genf_La-clemenza-di-Tito-La_Clemence_de_Titus_c_CaroleParodi_02-768x512.jpg",600,400,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/FSG_Genf_La-clemenza-di-Tito-La_Clemence_de_Titus_c_CaroleParodi_02-1920x1280.jpg",600,400,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"22. 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