{"id":5483,"date":"2021-03-18T10:33:07","date_gmt":"2021-03-18T09:33:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=5483"},"modified":"2021-03-29T16:45:34","modified_gmt":"2021-03-29T14:45:34","slug":"von-gewalt-und-leidenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2021\/03\/18\/von-gewalt-und-leidenschaft\/","title":{"rendered":"Von Gewalt und Leidenschaft"},"content":{"rendered":"<p>Im Operngew\u00e4chshaus der gro\u00dfen Gef\u00fchle gibt es auch Exoten \u2013 und so eine \u201eOpern-Orchidee\u201c ist Riccardo Zandonais 1914 uraufgef\u00fchrte \u201eFrancesca da Rimini\u201c. Er studierte bei Pietro Mascagni und geh\u00f6rt zu der Generation, die Wagners \u201eTristan\u201c und Debussys \u201ePell\u00e9as\u201c, aber auch die meisten Verismo-Vulkanausbr\u00fcche erlebt und \u00fcber Puccini hinaus verarbeitet hat. Hinzu kam eine Portion Endzeitgef\u00fchl, ein bisschen Sinn f\u00fcr dekadentes Spiel mit den Abgr\u00fcnden menschlicher Seelen \u2013 viel Sinn speziell f\u00fcr die Rolle der Frau in machtversessenen M\u00e4nnergesellschaften &#8211; und dann noch das kompositorische Verm\u00f6gen, dies alles in faszinierend changierende, klangdramatisch mal sensible, mal furiose Musik zu fassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Francescas Schicksal hat schon Dante in seiner \u201eCommedia\u201c gestaltet. Seither taucht sie im Kanon italienischer Literatur in vielfacher Gestaltung auf. Zandonai erlebte das B\u00fchnendrama des damaligen Dichterf\u00fcrsten Gabriele d\u2019Annunzio, das dieser seiner Geliebten Eleonore Duse geschrieben hatte. Er erkannte den Opernstoff und kein Geringerer als Tito Ricordi schrieb ihm das Libretto: Wortgewalt und Kenntnis der italienischen Renaissance flossen ineinander. Erz\u00e4hlt wird die Geschichte der sch\u00f6nen, sensiblen und leidenschaftlichen Francesca, die aus machtpolitischen Gr\u00fcnden an einen von drei Br\u00fcdern verschachert wird. Sie glaubt, an den edlen und sch\u00f6nen Paolo, in den sie sich auf den ersten Blick verliebt, der aber nur als Prokurator f\u00fcr seinen grobschl\u00e4chtigen, hinkenden Bruder Gianciotto auftritt; dieser ertappt die ehebrecherischen Liebenden schlie\u00dflich und ersticht beide. Diese dramaturgisch \u00fcberzeugend gewobene Handlung und sich ausdr\u00fccklich auf den Artus-Roman von \u201eTristan und Isolde\u201c beziehende Oper wurde auch deshalb das, was sie ist: eine reizvolle Besonderheit, eine Opern-Orchidee.<br><br>F\u00fcr die s\u00e4nger-darstellerisch heraufordernde Titelfigur konnte die Deutsche Oper Berlin abermals Sara Jakubiak mit Regisseur Christof Loy zusammenbringen. Atemverschlagend trat der sensibel-sch\u00f6nen Jakubiak-Francesca dann der junge Franco Corelli \u2013 nein, sein vokaler und \u00e4u\u00dferlicher Wiederg\u00e4nger Jonathan Tetelman \u2013 gegen\u00fcber. Den wuchtigen, in der Maske einem K\u00f6nig Marke angen\u00e4herten Gianciotto gestaltete Ivan Inverardi mit herrlich dunklem Bariton \u00fcberzeugend zwischen Macht-gewohntem Oligarchen, mafiosem Padre-Padrone und Mord-erfahrenem Junta-Boss. W\u00fctend verlangte er vom intriganten dritten Bruder Malatestino (gekonnt allglatt-kalt Charles Workman) den Beweis und stach erst dann zu. Auch der Flor der Freudinnen Francescas war m\u00e4dchenhaft leichtf\u00fc\u00dfig und vokal klangsch\u00f6n besetzt, von Meechot Marreros ernst-strenger Biancafiore bis hin zur anschmiegsamen Sklavin Smaragdi von Amira Elmadfa und der besorgten Schwester Samaritana (Alexandra Hutton).<\/p>\n\n\n\n<p>Sie alle hatte B\u00fchnenbildner Johannes Leiacker in einen gro\u00dfen hellen Saal eines oberitalienischen Palazzo versetzt, dessen liebliche Blumentapete die duftige Anmut der zun\u00e4chst dominierenden Frauen unterstrich. Drei Stufen f\u00fchrten zu einer breiten Schiebet\u00fcr, hinter der sich ein lichter Wintergarten \u00f6ffnete. Dessen Glaswand gab den Blick auf eine gr\u00fcne, in der Weite sanft ansteigende Berglandschaft frei \u2013 Adaption einer Landschaft von Claude Lorrain. Dieses Einheitsb\u00fchnenbild passte perfekt zum ersten und dritten Akt. F\u00fcr die wilde Kriegsszene des zweiten Akts erwies der Raum sich eher als Korsett, so w\u00fcst-turbulent der Bewegungschor auch hin und her st\u00fcrzte und zusammenbrach. Auch f\u00fcr das Schlafgemach des m\u00f6rderischen Finales h\u00e4tte man sich einen intimeren Raum gew\u00fcnscht \u2013 selbst wenn Klaus Bruns\u2019 Kost\u00fcme ein zeitloses 20. Jahrhundert beschworen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch dies blieb ein Randwunsch angesichts des Zusammenklangs der Liebenden, den Carlo Rizzi mit dem gro\u00dfen \u2013 weil w\u00e4hrend aller Probenwochen dauernd getesteten &#8211; Orchester der Deutschen Oper Berlin klug steigerte und somit den mal dr\u00e4ngenden, mal verhaltenen und dann schwelgerisch sich aussingenden Tonfall Zandonais traf. Inmitten der uns oft banal nackt, vor allem aber meist zu handfest direkt gezeigten \u201eLiebe\u201c ist Christof Loy der Regisseur zarter Nuancen und sanfter Steigerung, aus denen sich geb\u00e4ndigtes Feuer langsam in lodernde Glut und Ich-vergessene Leidenschaft entl\u00e4dt. Sara Jakubiak kann ihre entspannt schwingenden Linien dazu vibrieren lassen \u2013 und so wurde der erste Eintritt Paolos zu diesem sofortigen \u201eEr ist es\u201c, das noch verborgen werden musste. Zu Loys analytisch-differenzierter Deutung Francescas geh\u00f6rte auch das mit vorget\u00e4uschter Souver\u00e4nit\u00e4t und lockerer Primadonnen-Grandezza gef\u00fchrte Gespr\u00e4ch mit dem erduldeten Ehemann Gianciotto. Francescas Anprobe f\u00fcr Roben aller Art klang dagegen eher wie m\u00e4dchenhaftes Modegeschnatter \u2013 nerv\u00f6se Vorahnung des kommenden Geliebten. Diesem hatte Jonathan Tetelman in den ersten Gespr\u00e4chen mit Francesca bereits verhaltenen Tenorglanz verliehen. Etwas sp\u00e4ter konnte man seine fesselnden \u00dcberg\u00e4nge vom \u201etenore lirico\u201c zum \u201eeroico\u201c bestaunen, denn \u00fcber seine dr\u00e4ngende Glut hinaus schlugen Sopran- und Tenor-Phrasen in leidenschaftlich strahlendes Duettieren zusammen. Fortissimo eben nicht als \u201elauteste\u201c, sondern die am st\u00e4rksten t\u00f6nende Emotion. Ein \u00fcberw\u00e4ltigendes Finale, das Francesca und Paolo neben die anderen unsterblichen Liebespaare eintreten lie\u00df ins weltvergessene All-Einssein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Wolf-Dieter Peter<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eFrancesca da Rimini\u201c (1914) \/\/ Tragedia von Riccardo Zandonai<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a aria-label=\"Kostenpflichtiges Streaming-Angebot auf takt1.de (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/www.takt1.de\/video\/stream\/francesca-da-rimini-an-der-deutschen-oper\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">Die Inszenierung ist als kostenpflichtiger Stream auf takt1.de verf\u00fcgbar.<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">Berlin \/ Deutsche Oper Berlin (M\u00e4rz 2021)<\/span><\/br><br \/>\nZandonais \u201eFrancesca da Rimini\u201c fasziniert sogar im Stream<\/p>","protected":false},"author":14,"featured_media":5484,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":3,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,815],"tags":[],"class_list":["post-5483","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2021-03"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/02_francesca_057hf_TetelmanJakubiak-scaled-e1616059593679.jpg",2560,1440,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/02_francesca_057hf_TetelmanJakubiak-scaled-e1616059593679.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/02_francesca_057hf_TetelmanJakubiak-scaled-e1616059593679-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/02_francesca_057hf_TetelmanJakubiak-scaled-e1616059593679-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/02_francesca_057hf_TetelmanJakubiak-scaled-e1616059593679-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/02_francesca_057hf_TetelmanJakubiak-scaled-e1616059593679-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"18. 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