{"id":615,"date":"2020-11-16T11:36:00","date_gmt":"2020-11-16T10:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=615"},"modified":"2021-01-06T15:59:04","modified_gmt":"2021-01-06T14:59:04","slug":"fuehren-formen-geschehen-lassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2020\/11\/16\/fuehren-formen-geschehen-lassen\/","title":{"rendered":"F\u00fchren, formen, geschehen lassen"},"content":{"rendered":"<p>Begonnen hat der bekennende Zen-Buddhist seine steile Karriere bereits mit 19 Jahren am Theater Ulm. Es folgten drei Jahre als Generalmusikdirektor in Graz, elf Jahre als Musikchef der Pariser Oper und die Position des Chefdirigenten der Wiener Symphoniker ab 2014. Seit Beginn dieser Spielzeit ist Philippe Jordan mit gerade einmal 46 Jahren Musikdirektor im \u201eOpern-Olymp\u201c \u2013 der Wiener Staatsoper.<br>Iris Steiner traf den Shootingstar zum Gespr\u00e4ch in Berlin. Was treibt ihn an, der nie ein Dirigierstudium absolvierte und nach einer Ausbildung zum Orchesterleiter auf Anraten seines Vaters Armin Jordan \u2013 selbst erfolgreicher Dirigent \u2013 lieber den Weg \u00fcber die Praxis ging?<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Die Position des Musikdirektors an der Wiener Staatsoper war in den letzten Jahren nicht besetzt. Warum jetzt und was reizt Sie an dieser Aufgabe?<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Basis eines jeden Opernhauses ist das Orchester und sein Dirigent. Wenn das im Laufe der Zeit eine Einheit wird und einen musikalischen Standard garantiert, wirkt es sich auf die Qualit\u00e4t jeder Auff\u00fchrung aus, egal wie gut die S\u00e4nger auf der B\u00fchne sind oder wie gut das Regiekonzept ist. Ich sage nicht, dass es nicht auch ohne Musikdirektor geht, aber wenn es ihn gibt, ist er ein ganz entscheidendes Fundament f\u00fcr ein Opernhaus. Barenboim, Levine, Thielemann, Petrenko \u2013 alles gute Beispiele daf\u00fcr, wie sehr man die Handschrift eines Hauses auch mit der des Musikdirektors in Verbindung bringt. Bogdan Ro\u0161\u010di\u0107 und ich haben eine gemeinsame Vision entwickelt, wie man das Profil der Wiener Staatsoper in Zukunft gestalten kann. Inhaltlich legen wir gro\u00dfen Wert auf das, was man die \u201eWiener Hausheiligen\u201c nennt. Das war und ist die Grundlage und das Zentrum des Hauses \u2013 von den Premieren bis zu den Repertoirevorstellungen. Puccini, Strauss, Mozart, Wagner, Verdi \u2013 darum m\u00fcssen wir uns k\u00fcmmern und darauf k\u00f6nnen wir aufbauen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Warum haben Sie gerade die \u201eMadama Butterfly\u201c als Wiener Er\u00f6ffnungspremiere gew\u00e4hlt<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Es war die Grundidee von Bogdan Ro\u0161\u010di\u0107, das Repertoire mit zehn beispielhaften Inszenierungen und wichtigen St\u00fccken, die er an das Haus bringen m\u00f6chte, zu erneuern. Die bis jetzt aktuelle \u201eButterfly\u201c von Josef Gielen war die \u00e4lteste existierende Produktion im Repertoire und gleichzeitig eine, die erneuert werden sollte, allein schon weil das, was \u00fcbrig war, mit den urspr\u00fcnglichen Intentionen nichts mehr zu tun hatte. F\u00fcr mich war von Anfang an klar, dass ich als Musikdirektor diese erste Premiere machen muss. Au\u00dferdem liebe ich Puccini und habe einen speziellen Zugang zu dem Werk.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignfull size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"851\" height=\"359\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Orpheus-Magazin-Titel-Phillip-Jordan-Butterfly._small.jpg\" alt=\"Foto: \u00a9 Wiener Staatsoper\/Michael P\u00f6hn\" class=\"wp-image-1202\" srcset=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Orpheus-Magazin-Titel-Phillip-Jordan-Butterfly._small.jpg 851w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Orpheus-Magazin-Titel-Phillip-Jordan-Butterfly._small-300x127.jpg 300w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Orpheus-Magazin-Titel-Phillip-Jordan-Butterfly._small-768x324.jpg 768w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Orpheus-Magazin-Titel-Phillip-Jordan-Butterfly._small-500x211.jpg 500w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Orpheus-Magazin-Titel-Phillip-Jordan-Butterfly._small-800x337.jpg 800w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Orpheus-Magazin-Titel-Phillip-Jordan-Butterfly._small-600x253.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 851px) 100vw, 851px\" \/><figcaption>Szene aus \u201eMadama Butterfly&#8220; (Foto Wiener Staatsoper\/Michael P\u00f6hn)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Was genau meinen Sie damit?<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich habe als Jugendlicher in Z\u00fcrich zum ersten Mal die \u201eButterfly\u201c in der Inszenierung von Werner Herzog gesehen und konnte dem St\u00fcck zun\u00e4chst nicht viel abgewinnen \u2013 es war mir einfach zu viel \u201ejapanischer Realismus\u201c, wenn man das so nennen darf. Einen Zugang habe ich erst sp\u00e4ter gefunden in der Produktion von Francesca Zambello in Genf, dirigiert von meinem Vater. Die Geschichte wurde szenisch umgedreht und in die amerikanische Botschaft verlegt, musikalisch verhalf mein Vater der Musik zu der ihr eigenen Sensibilit\u00e4t. Da wurde mir klar, dass es nicht darum geht, jedes Schirmchen und Teebecherchen ganz genau darzustellen und westlichen Darstellergesichtern m\u00f6glichst gutes japanisches Make-up zu verpassen. Puccinis musikalische Farbenspiele erinnern beinahe schon an Debussy, die \u201eButterfly\u201c ist kein japanischer Verismo, sondern eine Tuschezeichnung, die mit Farben auf der B\u00fchne genauso spielt wie mit den Orchesterfarben. Ohnehin ist Puccini im Vergleich zu Giordano oder Mascagni nie ein wirklicher Verist gewesen, man hat schon fr\u00fch gemerkt, dass er viel weiter \u201ehinaus\u201c blickt. Die Orchestration erinnert an Wagner und die Verbundenheit mit Leh\u00e1r ist ebenfalls offensichtlich. Mit \u201eManon Lescaut\u201c und \u201eLa Boh\u00e8me\u201c hat er sich dann eindeutig dem franz\u00f6sischen Impressionismus zugewandt, bei der \u201eButterfly\u00ab ist diese tonmalerische Exotik noch viel st\u00e4rker und ganz eindeutig h\u00f6rbar \u2013 man darf sich nur nicht in Details verstricken.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Sie dirigieren Puccini sehr filigran und ungewohnt durchsichtig und verschaffen den Zuh\u00f6rern damit durchaus neue H\u00f6rerfahrungen \u2026<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde Begriffe wie Transparenz, Klarheit und Homogenit\u00e4t w\u00e4hlen. Ich m\u00f6chte jede Musik \u2013 auch und gerade die lauten Stellen \u2013 aus ihrer Stille heraus entwickeln und eine neue Balance finden, damit sie ihr volles Potential entfalten kann. Bei der \u201eButterfly\u201c geht es mir um den impressionistischen Einfluss in der Komposition, etwas, das gerade dieses Werk \u2013 bei aller \u00c4hnlichkeit und Melodienseligkeit \u2013 von den Operetten Leh\u00e1rs unterscheidet. Es ist davon abgesehen auch keine japanische \u201eTosca\u201c \u2013 Puccini hat sehr wohl gesehen, was Debussy und Jan\u00e1\u010dek in dieser Zeit gemacht haben. Er suchte auf seine Weise nach neuen Mitteln f\u00fcr eine harmonische Weiterentwicklung ins 20. Jahrhundert. Man h\u00f6rt das, wenn auch nicht extrem, beispielsweise beim unaufgel\u00f6sten Schlussakkord.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignfull size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Orpheus-Magazin-Titel-Philippe-Jordan1_small-1024x698.jpg\" alt=\"Foto: \u00a9 Wiener Staatsoper\/Michael P\u00f6hn\" class=\"wp-image-1089\"\/><figcaption>(Foto Wiener Staatsoper\/Michael P\u00f6hn)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>So gesehen geht Ihre n\u00e4chste Produktion an der Staatsoper, die musikalische Neueinstudierung des \u201eRosenkavalier\u201c im Dezember, den Weg ins 20. Jahrhundert weiter. Es ist bereits Ihr zweiter \u201eRosenkavalier\u201c in Wien nach 2005. Was m\u00f6chten Sie diesmal anders machen?<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Damals war dieser Einspringer f\u00fcr Christian Thielemann mein zweiter \u201eRosenkavalier\u201c \u00fcberhaupt. Zuvor hatte ich das St\u00fcck nur ein einziges Mal in Berlin im Jahr 2000 gemacht und bekam f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter diese Chance, mich in immerhin drei Proben mit dem Orchester der Wiener Staatsoper und dem Werk vertraut zu machen. Ich habe damals sehr viel vom Orchester gelernt \u00fcber die Art und Weise, wie sie Strauss spielen, und deren virtuosen Umgang mit Tempi und Rubati \u2013 bei Strauss grunds\u00e4tzlich sehr wichtig. Nicht zuletzt diese Erfahrung hat den \u201eRosenkavalier\u201c in Paris zu meinem Erfolgsst\u00fcck gemacht und war wahrscheinlich der Ausl\u00f6ser, mir dort die Chefposition anzubieten. Jetzt, f\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter und sechs oder sieben \u201eRosenkavalier\u201c-Produktionen weiter, kann ich das St\u00fcck mit mehr Erfahrung noch einmal angehen. In einem Brief an Willi Schuh beschreibt Richard Strauss seine musikalische Werksidee sehr klar: \u201eLeicht will ich\u2019s machen\u201c und an anderer Stelle: \u201eMozart, nicht Leh\u00e1r\u201c. Diese Leichtigkeit stelle ich diesmal in den Mittelpunkt meiner Arbeit und erarbeite zusammen mit dem Orchester das, was ich im Sinne Strauss\u2019 dahinter vermute.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Sie bezeichnen den Rosenkavalier als \u201eHerzensangelegenheit\u201c. Was fasziniert Sie und warum nennen Sie es \u201eeines der schwierigsten Werke \u00fcberhaupt\u201c?<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Das St\u00fcck ist auf vielerlei Weise au\u00dfergew\u00f6hnlich, es ist nicht ganz einfach, dem gerecht zu werden: Symphonisch mit einer auf die Spitze getriebenen Walzerseligkeit, dazu kontrastierende kammermusikalische Teile und dieser wunderbare Text von Hofmannsthal, den ich f\u00fcr einen der sch\u00f6nsten Operntexte \u00fcberhaupt halte. Das Staatsopernorchester spielt Walzer wie kein anderes Orchester auf der Welt und ist mit seiner unglaublichen Opernroutine in der Lage, Stimmungen auf der B\u00fchne sofort aufzunehmen. Gro\u00dfartige Voraussetzungen! Ich m\u00f6chte mit den S\u00e4ngern langfristig daran arbeiten, dem Orchester eine Vorgabe zu pr\u00e4sentieren, die ich f\u00fcr das halte, was Strauss und Hofmannsthal wollten. Das betrifft auch die Charaktere auf der B\u00fchne. Ein gutes Beispiel ist die Figur des Ochs, der urspr\u00fcnglich als durchaus positiver Don Juan vom Lande mit einer gewissen Erotik angelegt war, die abgesehen vom dritten Akt auch knistern darf. Mit G\u00fcnther Groissb\u00f6ck haben wir eine Idealbesetzung f\u00fcr genau diesen Typus.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Sie m\u00f6gen keine Regiekonzepte, die Produktionen zu Installationen oder reinen Bilderfluten verkommen lassen. Haben Sie deshalb kein Problem damit, dass der \u201eRosenkavalier\u201c \u201enur\u201c eine musikalische Aufarbeitung erf\u00e4hrt?<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Inszenierung von Otto Schenk aus dem Jahre 1968 ist eines der gro\u00dfen und vom Publikum sehr geliebten Repertoire-Schlachtr\u00f6sser. Ein Haus wie die Wiener Staatsoper will reformiert, nicht revolutioniert werden. Ein neuer Kurs hat durchaus auch Risiken und Neuerungen m\u00fcssen gut dosiert sein, um das Publikum nicht vor den Kopf zu sto\u00dfen. Es kann gut sein, dass wir eines Tages einen neuen \u201eRosenkavalier\u201c machen, wenn sich ein ideales Team daf\u00fcr findet. Zum jetzigen Zeitpunkt geht es darum, die bestehende Vorlage neu zu beleben. Generell bin ich kein Freund von Produktionen, bei denen man die Geschichten bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, das stimmt. Dabei geht es mir nicht darum, in welcher Zeit oder in welchem Gewand die Handlung spielt, wenn es aus dem St\u00fcck heraus stimmt. Aus Erfahrung wei\u00df ich aber mittlerweile, dass man manchmal im Sinne der Musik auch Grenzen bei dem einen oder anderen Regiekonzept ziehen muss.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignfull size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"885\" height=\"531\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Orpheus-Magazin-Titel-Phillip-Jordan-Der-Rosenkavalier_small.jpg\" alt=\"Foto: \u00a9 Wiener Staatsoper\/Michael P\u00f6hn\" class=\"wp-image-1200\" srcset=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Orpheus-Magazin-Titel-Phillip-Jordan-Der-Rosenkavalier_small.jpg 885w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Orpheus-Magazin-Titel-Phillip-Jordan-Der-Rosenkavalier_small-300x180.jpg 300w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Orpheus-Magazin-Titel-Phillip-Jordan-Der-Rosenkavalier_small-768x461.jpg 768w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Orpheus-Magazin-Titel-Phillip-Jordan-Der-Rosenkavalier_small-500x300.jpg 500w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Orpheus-Magazin-Titel-Phillip-Jordan-Der-Rosenkavalier_small-800x480.jpg 800w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Orpheus-Magazin-Titel-Phillip-Jordan-Der-Rosenkavalier_small-870x522.jpg 870w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Orpheus-Magazin-Titel-Phillip-Jordan-Der-Rosenkavalier_small-600x360.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 885px) 100vw, 885px\" \/><figcaption>\u201eDer Rosenkavalier\u201c in der immer noch gu\u0308ltigen, 52 Jahre alten Inszenierung von Otto Schenk (Foto Wiener Staatsoper\/Michael P\u00f6hn)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Sie w\u00fcnschen sich mehr und bessere Zusammenarbeit zwischen musikalischem Leiter und Regisseur bei der Erarbeitung eines Werkes. Woran krankt es denn momentan?<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte dem komplexen Anspruch der Kunstgattung Oper gerechter werden und habe den Traum, dass man im Sinne des bestm\u00f6glichen Ergebnisses auf Machtk\u00e4mpfe verzichtet und gl\u00fcckliche Arbeitsbeziehungen zwischen Regisseur und Dirigent etabliert. Es ist \u00fcbrigens auch nicht so, dass es die gar nicht g\u00e4be \u2013 meine Begegnung mit Barrie Kosky bei den \u201eMeistersingern\u201c in Bayreuth ist daf\u00fcr ein gutes Beispiel. Daraus ist jetzt f\u00fcr Wien ein neuer Da-Ponte-Zyklus gewachsen, auf den man sich freuen kann.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Sie bezeichnen das Musiktheater als Ihre Lieblingsdisziplin und gelten als herausragender Stimmen-Kenner. Ihr Vater Armin Jordan war ebenfalls ein bedeutender Dirigent. Haben Sie diese Liebe f\u00fcr die Oper von zuhause mitbekommen?<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Man muss sich auf dieses Abenteuer mit allen Komplexit\u00e4ten einlassen. Sicher habe ich schon fr\u00fch gesehen, was Theater ausmacht, und den Weg ganz bewusst geplant und gew\u00e4hlt \u2013 auch weil ich meinen Vater in seinem Beruf von klein auf beobachten konnte. Ich wollte Dirigent werden und das lernt man am besten im Orchestergraben, wo man dann auch durchschnittlich 60 Prozent seines Berufslebens verbringt. Es ist manchmal ein hartes Brot, aus dem trockenen Graben eines Opernhauses sch\u00f6ne Kl\u00e4nge hervorzuzaubern. Aber das Staatsopernorchester ist das beste Beispiel daf\u00fcr, welche Qualit\u00e4t man erreichen kann, wenn man jeden Abend die Herausforderung zu meistern hat, ein gro\u00dfes Repertoire mit hoher Flexibilit\u00e4t auf sehr hohem Niveau zu spielen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Sie legen gro\u00dfen Wert auf Textgestaltung und Textverst\u00e4ndlichkeit im Sinne der Sprachlogik und auf den Zusammenhang zwischen Sprachklang und Klangbild der Musik. Warum messen Sie der Sprache einer Oper so gro\u00dfe Bedeutung zu?<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Sprache ist die erste Musik. Der Klang der Musik und der Klang der Sprache, in der die Oper geschrieben wurde, bildet oft eine klangliche Einheit, die besonders gut zum Tragen kommt, wenn die S\u00e4nger die Originalsprache gut beherrschen. Das \u00fcbertr\u00e4gt sich dann auch positiv auf das Orchester. Ich pers\u00f6nlich mache zum Beispiel kaum russische Oper, obwohl ich sie liebe \u2013 weil ich die Sprache nicht kann. Auf welcher Basis sollte ich da mit den S\u00e4ngern an den Phrasierungen arbeiten, wenn ich es nicht mal aussprechen kann!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Die Besch\u00e4ftigung mit allen Musikstilen ist f\u00fcr Sie eine Grundlage des Dirigenten-Berufes. Was ist falsch am Spezialistentum?<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man seinen Horizont nur dann wirklich erweitert, wenn man sich nicht spezialisiert. Als junger Dirigent macht man zu Beginn einer Karriere normalerweise viel Mozart und ist dabei sehr bem\u00fcht, jedes Detail zu gestalten. Nach diversen \u201eRing\u201c-Erfahrungen hat sich mein Mozart-Dirigat total ver\u00e4ndert, ich habe gelernt, viel gro\u00dffl\u00e4chiger zu disponieren, was der Mozart\u2019schen Musik zugute kommt \u2026 und umgekehrt. Solche Erfahrungen profitieren und bereichern sich gegenseitig. Ich f\u00e4nde es schade, diese Chancen nicht zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Gerade eben ist ein Buch \u00fcber Sie erschienen, das nicht von ungef\u00e4hr \u201eDer Klang der Stille\u201c hei\u00dft. Was macht ausgerechnet Stille zum entscheidenden musikalischen Moment?<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Das eigentlich Magische eines Moments ist die Stille, in die das Geschehen eingebettet ist. Musik macht Stille erst erlebbar und ist Voraussetzung f\u00fcr die Aufmerksamkeit, diese Stille wahrzunehmen. Manchmal habe ich das Gef\u00fchl, die Musik wurde geradezu daf\u00fcr geschrieben, damit man diese Stille wieder wahrnehmen kann \u2013 wobei es ganz verschiedene Formen von Stille gibt: Beim Fade-out zum Beispiel wird sie lauter, je leiser der Ton wird. Pausen k\u00f6nnen einen unglaublichen Raum einnehmen und eine Spannung erzeugen, die st\u00e4rker wirkt als ein Fortissimo. Die Kunst besteht darin, diese Stille zu agieren. Das macht Puccini \u00fcbrigens meisterhaft. In der \u201eBoh\u00e8me\u201c beim Tod von Mimi hat er direkt danach eine \u201elunga pausa\u201c komponiert \u2013 die leider kaum jemand macht. Dabei ist sie so wichtig vor dem gro\u00dfen Akkord. Wenn man da den Moment abwartet, ist die Wirkung so viel gr\u00f6\u00dfer!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>In dieser Zeit darf nat\u00fcrlich eine Frage nicht fehlen: Wie gehen Sie mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie um? Gerade der Kulturbetrieb steht ja ziemlich mit dem R\u00fccken an der Wand \u2026<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich halte es f\u00fcr mittlerweile total unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig. Hier wird mit zweierlei Ma\u00df gemessen \u2013 in anderen Bereichen des \u00f6ffentlichen Lebens ist es v\u00f6llig normal, dicht nebeneinander zu sitzen, nur bei Kulturveranstaltungen wird das viel strenger gehandhabt. Das macht einen w\u00fctend. Die inhaltliche Begr\u00fcndung, woher diese besondere Bedrohungslage gerade dort kommen soll, fehlt aber. Wir haben an der Wiener Staatsoper so gut es geht und mit gro\u00dfem Aufwand versucht, so viel Normalit\u00e4t wie m\u00f6glich zu bewahren. Es war ja am Anfang ganz lustig, was alles im Internet gestreamt wurde und wie viel Kreativit\u00e4t man beobachten konnte \u2013 aber auf Dauer ist das nat\u00fcrlich kein Ersatz. Als wir mit den Wiener Symphonikern im Juni eine Beethoven-Sinfonie spielten \u2013 vor 100 Leuten im quasi leeren Saal, aber immerhin \u2013 und man das Resonieren eines Kontrabasses sp\u00fcren konnte, war das damals ein gro\u00dfartiges Gef\u00fchl. Zusammen mit Menschen Musik zu machen und in die Gesichter eines \u201erichtigen\u201c Publikums zu schauen, ist unersetzbar.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Ist es nicht eine Gefahr f\u00fcr das Genre Oper, wenn in vielen H\u00e4usern h\u00f6chstens 200 Leute im Publikum sitzen d\u00fcrfen? Braucht es nicht den Applaus und den Jubel, um Spannung und Emotionen zu entladen?<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Es ist nat\u00fcrlich ein bisschen irritierend, aber in manchen Situationen habe ich eine beinahe \u201eheilige\u201c Aufmerksamkeit wahrgenommen, die man nicht mehr hat, wenn das Auditorium brechend voll ist. Die Dankbarkeit des Publikums war f\u00f6rmlich sp\u00fcrbar und diese laute Aufmerksamkeit dann fast noch sch\u00f6ner als danach der dankbare Applaus. Aber das Ziel muss nat\u00fcrlich sein, so schnell wie m\u00f6glich in vollen Besetzungen vor vollen H\u00e4usern zu spielen; alles andere kann nur ein \u00dcbergang dazu sein.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Empfehlung<\/strong>&nbsp;<\/h2>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile has-background\" style=\"background-color:#b17447\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"1000\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/201111_buchempfehlung_der_klang_der_stille.jpg\" alt=\"Philippe Jordan \u2013 Der Klang der Stille\" class=\"wp-image-1197 size-full\" srcset=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/201111_buchempfehlung_der_klang_der_stille.jpg 1000w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/201111_buchempfehlung_der_klang_der_stille-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/201111_buchempfehlung_der_klang_der_stille-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/201111_buchempfehlung_der_klang_der_stille-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/201111_buchempfehlung_der_klang_der_stille-500x500.jpg 500w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/201111_buchempfehlung_der_klang_der_stille-800x800.jpg 800w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/201111_buchempfehlung_der_klang_der_stille-870x870.jpg 870w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/201111_buchempfehlung_der_klang_der_stille-600x600.jpg 600w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/201111_buchempfehlung_der_klang_der_stille-100x100.jpg 100w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-large-font-size\">Der musikalische Lebensweg eines der gefragtesten Dirigenten seiner Generation, aufgezeichnet von Haide Tenner. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><br>Erschienen am 25.08.2020 im Residenz Verlag.<\/p>\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stille ist das Lauteste in der Musik, davon ist Philippe Jordan \u00fcberzeugt. 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