{"id":6527,"date":"2021-08-31T12:55:00","date_gmt":"2021-08-31T10:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=6527"},"modified":"2021-08-31T13:08:16","modified_gmt":"2021-08-31T11:08:16","slug":"gruener-huegel-ohne-roten-teppich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2021\/08\/31\/gruener-huegel-ohne-roten-teppich\/","title":{"rendered":"Gr\u00fcner H\u00fcgel ohne roten Teppich"},"content":{"rendered":"<p><em>von Roberto Becker<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Nach einem Jahr Zwangspause ist vieles anders in \u00adBayreuth: Katharina Wagner brauchte nach den ausgefallenen Festspielen des Vorjahres und wegen der pandemiebedingten Einschr\u00e4nkungen sicherlich jede Menge Nerven und Gelassenheit. Immerhin darf der Zuschauerraum in diesem Jahr im Schachbrettmuster zur H\u00e4lfte bev\u00f6lkert werden. Genau 911 statt knapp zweitausend Besucher k\u00f6nnen das Haus mit dem \u201emystischen Abgrund\u201c besuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unz\u00e4hlige Tests, die Auslagerung in Zelte von allem, was nicht unbedingt im Opernhaus selbst sein muss, und eine ungew\u00f6hnliche L\u00f6sung f\u00fcr den Chor (eine H\u00e4lfte singt im Probensaal, die andere spielt lautlos auf B\u00fchne) erm\u00f6glichen ein Corona-konformes Hygienekonzept. Das auf bayerische Strenge getrimmte Einlasspersonal sorgt f\u00fcr Sicherheit: Ohne buntes Gesundheitsb\u00e4ndchen und Maske kommt niemand durch. So gibt es zur Er\u00f6ffnung zwar diesmal keinen roten Teppich f\u00fcr den Aufmarsch der Prominenten, daf\u00fcr aber ein Polizeiaufgebot, das nicht nur b\u00f6se Buben, sondern wohl auch gleich noch jedes einzelne Virus abschrecken soll. Dieser inszenierte Ausnahmezustand legt sich dann aber wieder.<br>Damit nicht genug: G\u00fcnther Groissb\u00f6cks R\u00fccktritt als Wotan nach der Generalprobe (!) f\u00fcr die aktuelle \u201eWalk\u00fcre\u201c und gleich darauf auch f\u00fcr den kompletten neuen \u201eRing\u201c im kommenden Jahr muss in Windeseile mit Einspringer Tomasz Konieczny aus der Welt geschafft werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Publikum erlebt mit Barrie Koskys und Philippe \u00adJordans \u201eMeistersingern\u201c sowie Tobias Kratzers und (jetzt) Axel Kobers \u201eTannh\u00e4user\u201c zwei bew\u00e4hrte Regiew\u00fcrfe letztmalig beziehungsweise als erste Wiederaufnahme, die obendrein exzellent besetzt sind. Festspiel-Liebling Klaus Florian Vogt und Lise Davidsen, das Stimmwunder aus dem Norden, sind als Stolzing und \u00adElisabeth nicht nur in verschiedenen Inszenierungen mit dabei, sondern stehen in der konzertanten \u00ad\u201eWalk\u00fcre\u201c als \u00fcberzeugendes Geschwisterpaar \u00adSiegmund und Sieglinde auch gemeinsam auf der B\u00fchne.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p style=\"font-size:22px\"><strong>Rausch der Farben und Drachent\u00f6ten f\u00fcr alle<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser popul\u00e4re \u201eRing\u201c-Teil ist das Zentrum jenes besonderen Projektes der Reihe \u201eDiskurs Bayreuth\u201c, das unter dem Titel \u201eRing 20.21\u201c gleichsam als Platzhalter f\u00fcr den um zwei Jahre auf 2022 verschobenen neuen \u201eRing\u201c fungiert. F\u00fcr den daf\u00fcr vorgesehenen Dirigenten Pietari Inkinen ist diese \u201eWalk\u00fcre\u201c ein Testlauf. Man kann nur hoffen, dass er die Erfahrung nutzt, um seine Interpretation vor allem hinsichtlich innerer Spannung, Dichte und Tempo nachzubessern. So kann dann auch aus dem \u201eWalk\u00fcrenritt\u201c noch das mitrei\u00dfende St\u00fcck Brachialmusik werden, auf das man wartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es passt in die offene Dramaturgie des \u201eDiskurs Bayreuth\u201c, dass Katharina Wagner der musikalischen Seite eine besondere Dimension hinzuf\u00fcgt und dem Wiener Aktionisten-Altmeister Hermann Nitsch die B\u00fchne f\u00fcr seine Farbvisionen zu Wagners Musik \u00fcberl\u00e4sst. Dreimal transferieren zehn Helfer, \u201edirigiert\u201c von Nitsch, die wei\u00dfen Leinw\u00e4nde im Hintergrund und auf dem Boden zu farbiger Opulenz. Bunt jedenfalls ist es jedes Mal. Am Ende nat\u00fcrlich blut- beziehungsweise feuerrot. F\u00fcr den Zusammenhang mit der Musik findet wohl jeder Zuschauer sein eigenes Ma\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Reminiszenz der bildenden Kunst ist \u00adChiharu Shiotas Installation \u201eThe Thread of Fate\u201c, die mit ihren verschlungenen Schicksalsf\u00e4den die \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c vertritt. Rotes Garn verbindet sechs gigantische Ringe als Symbol f\u00fcr Wagners gro\u00dfes Werk. Wer will, kann in den Pausen der Aufforderung des US-amerikanischen Video- und Performancek\u00fcnstlers Jay Scheib \u201eSei Siegfried\u201c folgen \u2013 und an einem Stehpult mit 3D-Brille im Festspielhaus mit einem fiktiven Schwert in der Hand einen Drachen wie aus dem M\u00e4rchenbuch erlegen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<!-- Error, Advert is not available at this time due to schedule\/geolocation restrictions! -->\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Der Abschluss des Ersatz-\u201eRings\u201c zeigt, was nach der \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c bleibt: Die Urauff\u00fchrung der einst\u00fcndigen Auftragsoper \u201eImmer noch Loge\u201c von \u00adGordon Kampe findet vormittags am und im Teich des Festspielhausparks statt. Loge wird nach dem gro\u00dfen Weltenbrand, den die drei Rheint\u00f6chter und ebenjener Feuergott \u00fcberlebt haben, von Urmutter Erda der Prozess gemacht (Libretto: Paulus Hochgatterer). Dass er am Ende mittels Sprengstoffg\u00fcrtel in Flammen aufgehen soll, ist f\u00fcr einen Feuergott oder -teufel schon eine aparte Pointe. Daniela K\u00f6hler, Stephanie Houtzeel und G\u00fcnter Haumer haben allerhand Text zu bew\u00e4ltigen \u2013 manchmal gibt es f\u00fcr eingeweihte H\u00f6rer h\u00fcbsche Aha-Effekte. Puppenvirtuose Nikolaus Habjan f\u00fchrt Regie und setzt seine gewaltige Klappmaul-Erda in einen Rollstuhl. Die Puppen-Alter-Egos der Rheint\u00f6chter und bald auch Daniela K\u00f6hler stecken bis zum Hals in der Teichbr\u00fche. Das alles hat Atmosph\u00e4re und passt hierher. Die Musik zwischen begleitendem Parlando und gro\u00dfer Geste ist weit genug von Wagner entfernt, um nicht in platte Vergleichsn\u00e4he zu geraten. Immer mal wieder aufblitzende Zitate machen richtig Spa\u00df.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p style=\"font-size:22px\"><strong>Starke Frauen und ein Kleinstadtkrimi<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Er\u00f6ffnet werden die Festspiele aber mit der Neuinszenierung des \u201eFliegenden Holl\u00e4nders\u201c, bei der vor allem Askmik Grigorian mit ihrem Senta-Deb\u00fct \u00fcberw\u00e4ltigt. Oksana Lyniv, die erste Frau am Bayreuther Pult, erh\u00e4lt einhelligen Beifall f\u00fcr ihren Umgang mit der Hausakustik gerade bei Wagners Fr\u00fchwerk und die \u00dcberwindung pandemiebedingter Zusatzh\u00fcrden: Ein stummer Chor steht auf der B\u00fchne, der Chorgesang selbst erschallt aus Glask\u00e4sten im Probensaal.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image caption-align-right\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Ho_100721_466_c-EnricoNawrath_presse-e1630090900615-718x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6528\" width=\"384\" height=\"547\" srcset=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Ho_100721_466_c-EnricoNawrath_presse-e1630090900615-718x1024.jpg 718w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Ho_100721_466_c-EnricoNawrath_presse-e1630090900615-210x300.jpg 210w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Ho_100721_466_c-EnricoNawrath_presse-e1630090900615-768x1096.jpg 768w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Ho_100721_466_c-EnricoNawrath_presse-e1630090900615-500x713.jpg 500w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Ho_100721_466_c-EnricoNawrath_presse-e1630090900615-600x856.jpg 600w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Ho_100721_466_c-EnricoNawrath_presse-e1630090900615.jpg 783w\" sizes=\"(max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/><figcaption>Euphorisches Deb\u00fct: Asmik Grigorian als Senta (Foto Bayreuther Festspiele \/ Enrico Nawrath)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Bei Regisseur und B\u00fchnenbildner Dmitri Tcherniakov ist das Echo geteilt: In karger Kleinstadtkulisse erz\u00e4hlt er eine parallel verlaufende Geschichte, die dann doch nicht ganz zur Vorlage passen will. Dass der \u00adHoll\u00e4nder als Kind miterleben muss, wie seine Mutter nach einem Fehltritt (wom\u00f6glich mit Daland) in den Selbstmord getrieben wird, und er nun zur\u00fcckkommt, um sich zu r\u00e4chen, liest sich schl\u00fcssiger, als es beim Publikum ankommt. Glaubt man dem Holl\u00e4nder doch, dass er bei einem gemeinsamen Abendessen an der gedeckten Tafel in Dalands und Frau Marys Wintergarten ernsthaft um Senta wirbt. Warum er am Ende wahllos in die Menge schie\u00dft, ist mit seinem Kindheitstrauma jedenfalls nicht restlos zu erkl\u00e4ren. Und dass Frau Mary den Holl\u00e4nder erschie\u00dft, auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Senta hingegen will mit jeder Faser ihres K\u00f6rpers vor allem weg, ist mit jeder Geste die pure Revolte \u2013 und Grigorian daf\u00fcr eine Idealbesetzung. Der Vater (Georg Zeppenfeld ist als Daland ein vokaler Fels in der Brandung) will diese G\u00f6re unter die Haube bringen. Marina Prudenskaya wertet die Figur der Frau Mary vokal und darstellerisch auf. John Lundgren scheint mit seinem Holl\u00e4nder jenseits des D\u00e4monischen noch etwas zu fremdeln, liefert aber ein vokal eindrucksvolles Rollenportr\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Bayreuther Festspiele der besonderen Art. \u00adKatharina Wagner bew\u00e4hrt sich dabei als umsichtige und kreative H\u00fcgelchefin. Gesichert ist trotz des zweiten Corona-Sommers das l\u00e4ngst wieder \u00fcbliche musikalische Festspielniveau. Mit bew\u00e4hrten K\u00fcnstlern \u2013 Klaus Florian Vogt, Georg Zeppenfeld, Axel \u00adKober, \u00adPhilippe Jordan und nat\u00fcrlich Christian Thielemann, auch wenn der \u201enur\u201c mit dem konzertanten \u201eParsifal\u201c gl\u00e4nzt. Mit einigen, die zum wiederholten Male Furore machen \u2013 wie Lise Davidsen, Michael Volle oder Tobias Kratzer. Aber auch mit anderen, die mit vielversprechenden Deb\u00fcts aufwarten wie Asmik Gregorian und Oksana Lyniv. Mit angepasster Programmgestaltung samt Einbeziehung bildender K\u00fcnstler und der Nutzung des \u201eDiskus Bayreuth\u201c holen die Festspiele f\u00fcr die Zuschauer heraus, was in diesem Pandemie-Sommer herauszuholen ist.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:80px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile has-media-on-the-top has-background\" style=\"background-color:#f6f6f6\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color\" style=\"font-size:22px\"><strong><strong><strong><strong>Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus unserer Ausgabe September\/Oktober 2022<\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/product\/print-ausgabe-05-2022\/\" target=\"_blank\" aria-label=\" (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">Print-Ausgabe bestellen<\/a><\/strong> | <strong><a href=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/product\/pdf-ausgabe-05-2022\/\" target=\"_blank\" aria-label=\" (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">PDF-Ausgabe bestellen<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hohe Erwartungen nach einj\u00e4hriger Stille: ein ungew\u00f6hnlicher Sommer f\u00fcr die Bayreuther Festspiele<\/p>","protected":false},"author":14,"featured_media":6529,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":4,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[86,1452],"tags":[115,773,425,426],"class_list":["post-6527","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-beitraege","category-beitraege-2021-05","tag-bayreuth","tag-bayreuther-festspiele","tag-orpheus","tag-orpheus-magazin"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Teich_240721_063_c-EnricoNawrath_presse-e1630090837698.jpg",1447,813,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Teich_240721_063_c-EnricoNawrath_presse-e1630090837698.jpg",700,393,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Teich_240721_063_c-EnricoNawrath_presse-e1630090837698-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Teich_240721_063_c-EnricoNawrath_presse-e1630090837698-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Teich_240721_063_c-EnricoNawrath_presse-e1630090837698-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Teich_240721_063_c-EnricoNawrath_presse-e1630090837698-1024x575.jpg",600,337,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"31. 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