{"id":7006,"date":"2021-12-03T09:48:00","date_gmt":"2021-12-03T08:48:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=7006"},"modified":"2021-12-22T14:34:02","modified_gmt":"2021-12-22T13:34:02","slug":"eine-orgie-lebendigster-narrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2021\/12\/03\/eine-orgie-lebendigster-narrheit\/","title":{"rendered":"\u201eEine Orgie lebendigster Narrheit\u201c"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr Karl Kraus war \u201eLa vie parisienne\u201c \u201eeine Orgie lebendigster Narrheit\u201c und Jacques Offenbachs \u201est\u00e4rkster Geniebeweis\u201c, weil ihm hier \u201edie Verzauberung der aktuellsten Gegenwart\u201c gelang. Und das war die des Jahres 1866, als die Operette im Th\u00e9\u00e2tre du Palais-Royale, einer Schauspielb\u00fchne, mit gro\u00dfem Erfolg herauskam. Allerdings hatten damals einige Schauspieler Schwierigkeiten, manche Nummern zu singen, sodass sie vom Komponisten noch w\u00e4hrend der Proben gestrichen und seitdem vergessen wurden. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt sind sie wieder aufgetaucht und erleben an der Op\u00e9ra de Rouen Normandie ihre versp\u00e4tete Urauff\u00fchrung. Zu verdanken ist dies dem Palazzetto Bru Zane, einer Stiftung zur Pflege vergessener franz\u00f6sischer Musik des 19. Jahrhunderts, die dank der Millionen einer gro\u00dfz\u00fcgigen M\u00e4zenatin und der Expertise ihres k\u00fcnstlerischen Leiters Alexandre Dratwicki in den letzten Jahren einige spektakul\u00e4re Ausgrabungen auf die B\u00fchne gebracht hat. Gefunden haben er und seine Kollegen nicht nur \u201edie Orchesterstimmen der Urauff\u00fchrung und das Originallibretto\u201c von \u201eLa vie parisienne\u201c, sondern auch &#8222;einen komplett anderen 4. Akt, neue Finali des 2. und 3. Akts, eine Arie des Urbain, eine \u201aDon Giovanni\u2018-Pantomime nach Mozart und das \u201aTrio diplomatique\u2018, in dem es darum geht, wer effektiver ist: Soldat oder Diplomat\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>So philologisch interessant also die Urauff\u00fchrung dieser Urfassung auch ist, noch mehr Erwartungen weckt die Tatsache, dass Modesch\u00f6pfer Christian Lacroix Regie und Ausstattung \u00fcbernommen hat. Er stellt ein schlichtes, aber effektvolles Halbrund in typischer Eisen-Glas-Konstruktion des 19. Jahrhunderts auf die B\u00fchne und fr\u00f6nt seiner, wie er im Programmheft bekennt, \u201efast schon pathologischen Passion f\u00fcr historische Kost\u00fcme\u201c. Und das ausgiebig: M\u00e4nner mit gewaltigen B\u00e4rten und Frauen mit windschiefen Frisuren geben sich ein schr\u00e4ges Stelldichein, passend zur \u00fcberdrehten Handlung. Da geben sich zwei Pariser Lebem\u00e4nner als Fremdenf\u00fchrer aus, um eine schwedische Baronesse zu verf\u00fchren, die mit ihrem Mann Paris besucht. Sie f\u00fchren das Touristenpaar nach Strich und Faden an der Nase herum, kommen trotzdem nicht zum Zug, am Ende aber haben sich alle am\u00fcsiert.<\/p>\n\n\n\n<p>In den ersten zwei Akten von Lacroix\u2019 Inszenierung gibt es kaum Unterschiede zur \u00fcblichen Fassung &#8211; nur dass die Schweden D\u00e4nen sind, Schumacher Frick und Handschuhmacherin Gabrielle deutsch radebrechen und bei jeder Gelegenheit losjodeln, was im zweiten Finale ad absurdum gef\u00fchrt wird, wenn sie \u2013 im Bund mit den anderen deutschen Schuhmachern \u2013 der Bouillabaisse der derben Fischweiber aus Marseille deutsch Paroli bieten: \u201eSauerkraut mit Schink und Wurst, gibt mir immer, immer Durst!\u201c Ein grotesker H\u00f6hepunkt, von Florie Valiquette und \u00c9ric Huchet erzkom\u00f6diantisch ausgespielt. \u00dcberhaupt ist ein erstklassiges junges und spielfreudiges Ensemble aufgeboten, aus dem au\u00dferdem noch Aude Extr\u00e9mo als M\u00e9tella und Frank Legu\u00e9rinel als Gondremarck herausragen. Nur aus dem Orchestergraben w\u00fcrde man sich von Romain Dumas manchmal mehr Leichtigkeit w\u00fcnschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die kommt nach der Pause auch der Inszenierung etwas abhanden, was freilich vor allem am problematischen vierten Akt liegt, der schon bei der Urauff\u00fchrung ern\u00fcchternd \u201ewie Eiswasser\u201c gewirkt hat. Dabei hatte ihn Offenbach bereits w\u00e4hrend der Proben v\u00f6llig umgekrempelt. Wie er urspr\u00fcnglich geklungen h\u00e4tte, ist jetzt in Rouen erstmals zu h\u00f6ren. Aber auch hier will er nicht recht z\u00fcnden und so bleibt die grunds\u00e4tzliche Frage, ob es 1866 nicht doch besser war, das Werk w\u00e4hrend der Proben umzuarbeiten. Macht es Sinn, Offenbachs eigene m\u00fchevolle Arbeit wieder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen? Ist f\u00fcr die Operette nicht doch die B\u00fchnenpraxis letztlich wichtiger als die Intentionen der Autoren? Und kann es in diesem Genre also \u00fcberhaupt eine Urfassung geben?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Produktion in Rouen, so opulent und am\u00fcsant sie auch ist, kann darauf nur bedingt Antwort geben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Dr. Stefan Frey<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eLa vie parisienne\u201c (\u201ePariser Leben\u201c) (1866) \/\/ Op\u00e9ra bouffe von Jacques Offenbach in der rekonstruierten und seinerzeit unver\u00f6ffentlichten Urfassung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.theatrechampselysees.fr\/saison\/opera-mis-en-scene\/la-vie-parisienne\" target=\"_blank\" aria-label=\"Infos und Termine zu einer weiteren Vorstellungsserie am Th\u00e9\u00e2tre des Champs-Elys\u00e9es, Paris (21. Dezember 2021 bis 9. Januar 2022) (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">Infos und Termine zu einer weiteren Vorstellungsserie am Th\u00e9\u00e2tre des Champs-Elys\u00e9es, Paris (21. Dezember 2021 bis 9. 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