{"id":7027,"date":"2021-10-25T08:59:00","date_gmt":"2021-10-25T06:59:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=7027"},"modified":"2021-12-22T14:19:37","modified_gmt":"2021-12-22T13:19:37","slug":"von-wegen-opernprovinz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2021\/10\/25\/von-wegen-opernprovinz\/","title":{"rendered":"Von wegen Opernprovinz!"},"content":{"rendered":"<p>Deutschlands reiche Opernlandschaft ist stets eine Reise wert. Doch wer sie durchwandert, sollte sich nicht auf die Gro\u00dfst\u00e4dte beschr\u00e4nken, sondern regelm\u00e4\u00dfige Abstecher in die sogenannte \u201eProvinz\u201c machen. Denn an den kleinen H\u00e4usern herrscht trotz schmalen Budgets h\u00e4ufig ein leidenschaftlicheres und phantasievolleres Theaterleben als in mancher Metropole.<\/p>\n\n\n\n<p>Beispielsweise Annaberg-Buchholz: Die Erzgebirgs-Stadt besitzt mit dem \u00fcber 100 Jahre alten Eduard-von-Winterstein-Theater ein schmuckes Haus. Hier ist seit dieser Saison der Bariton Moritz Gogg Intendant und in puncto aufregender Spielplangestaltung tritt er in die Fu\u00dfstapfen seines Vorg\u00e4ngers Ingolf Huhn. Der hatte mit Trouvaillen wie Goldmarks \u201eG\u00f6tz von Berlichingen\u201c, Peter Gasts \u201eDer L\u00f6we von Venedig\u201c oder Carl Mangolds \u201eTannh\u00e4user\u201c Rarit\u00e4tenfans von weither gelockt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese d\u00fcrften auch von Goggs Er\u00f6ffnungspremiere angetan sein, f\u00fcr die er die B\u00fcchner-Vertonung \u201eLeonce und Lena\u201c von Erich Zeisl ausw\u00e4hlte, ein St\u00fcck weit abseits des g\u00e4ngigen Repertoires.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist gleichzeitig eine Wiedergutmachung an dem 1905 geborenen Komponisten, der sich in seiner Heimat Wien einen Namen gemacht hatte, 1938 aber wegen seiner j\u00fcdischen Herkunft emigrieren musste. In Los Angeles fand Zeisl ein neues Zuhause, doch k\u00fcnstlerisch konnte er nicht an fr\u00fchere Erfolge ankn\u00fcpfen. Wenigstens erlebte er hier 1952 die Urauff\u00fchrung seiner zweiten, bereits 1937 komponierten Oper, der B\u00fcchner-Vertonung \u201eLeonce und Lena\u201c. Erst 2017 schaffte sie es \u00fcber den Ozean: In Linz fand die europ\u00e4ische Premiere statt, die Produktion in Annaberg-Buchholz ist die erste in Deutschland. Wie der Intendant am Beginn der Vorstellung stolz verk\u00fcndet, ist zu diesem Anlass auch Eric Randol Schoenberg, der Enkel von Zeisl (und Arnold Sch\u00f6nberg) angereist. Er kann zufrieden sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber, wie elektrisierend Dirigent Jens Georg Bachmann mit der Erzgebirgischen Philharmonie Aue die tolle Musik seines Gro\u00dfvaters \u2013 eine Mischung von frechen Rhythmen \u00e0 la Kurt Weill und s\u00fcffigen Melodien \u00e0 la Erich Wolfgang Korngold fernab der damaligen Avantgarde &#8211; \u00fcber die Rampe bringt. Und dar\u00fcber, wie kompetent das Ensemble den s\u00e4ngerischen Anforderungen gerecht wird und die ausgedehnten Zwischentexte spricht: der neu engagierte Tenor Richard Gl\u00f6ckner als feinstimmiger Prinz, Bettina Grothkopf als Lena mit gro\u00dfformatigem Sopran, Jason-Nandor Tomory als agiler Diener und L\u00e1szl\u00f3 Varga als K\u00f6nig mit Bassbuffo-Vorz\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das St\u00fcck, von Zeisl als Opern-Lustspiel bezeichnet, inszeniert Jasmin Sarah Zamani als turbulente Kom\u00f6die zwischen Sein und Schein. Prinz Leonce, der bei B\u00fcchner durch die Liebe zur Prinzessin Lena von seiner Melancholie geheilt wird, ist in der Sicht der Regisseurin ein junger Mann an der Schwelle zum Erwachsenen, der aus der Realit\u00e4t in seine eigene Traumwelt flieht. Die besteht in der Ausstattung von Martin Scherm aus geometrischen wei\u00dfen Versatzst\u00fccken, die vor wechselnden bunten Hintergrundprospekten immer neue Spielfl\u00e4chen ergeben. Ein Happy End gibt es nicht. Auch Lena scheint eine Projektion zu sein, denn bis zum Schluss bleibt das Paar auf Distanz.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Annaberg-Buchholz geht es weiter nach Radebeul. Die unweit von Dresden gelegene Karl-May-Stadt ist Sitz der Landesb\u00fchnen Sachsen. Seit 2017 lenkt Operndirektor Sebastian Ritschel die Musiktheatersparte und auch er bricht gerne aus dem Repertoire-Alltag aus, etwa mit den Musicals \u201eDas Licht auf der Piazza\u201c und Sondheims \u201eSunday in the Park with George\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso ambitioniert ist der Saisonauftakt mit Gottfried von Einems Kafka-Vertonung \u201eDer Prozess\u201c. Sie entstand 1953 im Auftrag der Salzburger Festspiele, es dirigierte Karl B\u00f6hm und auf der B\u00fchne stand die Cr\u00e8me de la Cr\u00e8me der damaligen deutschsprachigen S\u00e4ngerszene, vorneweg Max Lorenz und Lisa della Casa.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Starnamen braucht Radebeul nicht f\u00fcr einen rundum gegl\u00fcckten Theaterabend. Sebastian Ritschel, Regisseur und Ausstatter in Personalunion, l\u00e4sst das bekannte Geschehen um Josef K., der von einer nebul\u00f6sen Obrigkeit verfolgt wird, in einer surrealen Raumlandschaft spielen. Eine Drehb\u00fchne zeigt im Wechsel drei klaustrophobische \u00d6rtlichkeiten mit unerwartet sich \u00f6ffnenden Luken, Fenstern und T\u00fcren. Ein gespenstisches Panoptikum aus dominanten Frauen, bedrohlichen Beamten und grotesken Gehilfen, verk\u00f6rpert durch ein M\u00e4nnertrio, umkreist den Prokuristen.<\/p>\n\n\n\n<p>Videos, die mal Zerrbilder, mal h\u00f6here Machtpersonen zeigen, verunsichern ihn zus\u00e4tzlich. Selbst Gott spricht, von Wolken umh\u00fcllt, zu ihm. Das Leben des Josef K. ist aus den Fugen geraten, es spielt sich in einer vom Netz beherrschten Welt ab. Das spiegeln auch die Kost\u00fcme wider, die von spinnwebartigen Mustern, Algorithmen gleich, \u00fcberzogen sind. Nur K. ist als einziger wei\u00df gekleidet. Am Ende, wenn sich seine Fantasien verfl\u00fcchtigt haben, sitzt er allein neben einer nackten Schaufensterpuppe, ein Ersatz f\u00fcr reale Weiblichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Pascal Herington als dauerpr\u00e4senter Josef K. beeindruckt mit kultiviertem lyrischem Tenor und darstellerischer Glaubw\u00fcrdigkeit \u2013 eine Idealbesetzung. Stellvertretend f\u00fcr das durchweg gro\u00dfartig agierende Ensemble sei die Sopranistin Kirsten Labonte erw\u00e4hnt. Obwohl kurzfristig eingesprungen, singt sie von der Seite souver\u00e4n zwei der f\u00fcnf Frauenrollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter der Leitung von Hans-Peter Preu breitet die Elbland Philharmonie Sachsen einen transparenten, rhythmisch pulsierenden Instrumentalteppich aus. Der musste zwar aufgrund der aktuellen Abstandsregeln verschlankt werden, doch bleibt die von Tobias Leppert arrangierte Fassung nahe am Originalklang und entwickelt durch ihren ostinaten Drive enorme Sogkraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide St\u00e4dte haben \u00fcbrigens schon die n\u00e4chsten Rarit\u00e4ten angesetzt. Annaberg-Buchholz pr\u00e4sentiert aktuell die deutsche Erstauff\u00fchrung von Ralph Benatzkys Operette \u201eDer reichste Mann der Welt\u201c, Radebeul die Wagner-Parodie \u201eDie lustigen Nibelungen\u201c von Oscar Straus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Karin Coper<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eLeonce und Lena\u201c (1937 entstanden, 1952 uraufgef\u00fchrt) \/\/ Opern-Lustspiel von Erich Zeisl<\/strong><br><a href=\"https:\/\/www.erzgebirgische.theater\/204-Leonce-und-Lena\" target=\"_blank\" aria-label=\"Infos und Termine auf der Website des Eduard-von-Winterstein-Theaters (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">Infos und Termine auf der Website des Eduard-von-Winterstein-Theaters<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDer Prozess\u201c (1953) \/\/ Oper von Gottfried von Einem in einer Bearbeitung f\u00fcr kleines Orchester von Tobias Leppert<\/strong><br><a aria-label=\"Infos und Termine auf de (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/www.landesbuehnen-sachsen.de\/spielzeit\/der-prozess\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">Infos und Termine auf der Website der Landesb\u00fchnen Sachsen<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">Annaberg-Buchholz \/ Eduard-von-Winterstein-Theater &#038; Radebeul \/ Landesb\u00fchnen Sachsen (Oktober 2021)<\/span><\/br><br \/>\nBegeisternde Opernrarit\u00e4ten abseits der Zentren<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":7064,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":3,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[1573,34],"tags":[],"class_list":["post-7027","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen-2022-01","category-rezensionen"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Collage-Leonce-und-Lena-c-Dirk-Rueckschloss-Der-Prozess-c-Florian-Gaertner.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Collage-Leonce-und-Lena-c-Dirk-Rueckschloss-Der-Prozess-c-Florian-Gaertner.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Collage-Leonce-und-Lena-c-Dirk-Rueckschloss-Der-Prozess-c-Florian-Gaertner-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Collage-Leonce-und-Lena-c-Dirk-Rueckschloss-Der-Prozess-c-Florian-Gaertner-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Collage-Leonce-und-Lena-c-Dirk-Rueckschloss-Der-Prozess-c-Florian-Gaertner-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Collage-Leonce-und-Lena-c-Dirk-Rueckschloss-Der-Prozess-c-Florian-Gaertner-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"25. 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