{"id":7880,"date":"2022-08-06T19:08:27","date_gmt":"2022-08-06T17:08:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=7880"},"modified":"2023-06-26T10:15:20","modified_gmt":"2023-06-26T08:15:20","slug":"fuer-gefuehle-war-da-keine-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2022\/08\/06\/fuer-gefuehle-war-da-keine-zeit\/","title":{"rendered":"F\u00fcr Gef\u00fchle war da keine Zeit"},"content":{"rendered":"<p><em>Interview Iris Steiner<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wie und wann haben Sie erfahren, dass Sie den dritten Akt der \u201eWalk\u00fcre\u201c von Tomasz Konieczny \u00fcbernehmen sollen? Wie wir wissen, hatte dieser im zweiten Akt einen schweren B\u00fchnenunfall mit einer Liege, die unter ihm zerbrochen ist.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe das ungef\u00e4hr 20 Minuten nach Beginn des zweiten Akts erfahren \u2013 zuhause in meiner Wohnung au\u00dferhalb von Bayreuth. Das Festspiel-Betriebsb\u00fcro rief an und meinte: \u201eMichael, k\u00f6nntest Du vielleicht kurz kommen? Wir wissen gerade nicht genau, was passiert \u2013 komm bitte sicherheitshalber mal.\u201c Ja, dann bin ich hin. Anderthalb Stunden vor Beginn des dritten Akts war ich im Festspielhaus und f\u00fcnf Minuten nach Beginn der Pause nach dem zweiten Akt hie\u00df es: \u201eMichael, jetzt \u00fcbernimm bitte den dritten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waren Sie denn als Cover f\u00fcr die Partie vorgesehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nein, aber ich hatte vor sechs, sieben Wochen eine sogenannte Stand-in-Probe. Der Kollege Konieczny konnte damals noch nicht vor Ort sein, aber das Regieteam brauchte jemanden, der bei den B\u00fchnenproben da steht, damit die Kolleginnen und Kollegen einfach eine Bezugsperson haben. Deswegen habe ich zwei Tage quasi mitgeprobt, aber danach die Regie und das, was ich dort aufgenommen hatte, sofort wieder vergessen. Weil ich ja kein offizielles Cover war.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es war Ihr erster und dann noch sehr spontaner Wotan-Einsatz in Bayreuth. Ihr Schluss als trauriger Gott war f\u00fcr uns einer der bewegendsten Momente des Abends. Was haben Sie in diesem Moment und kurz vorher gef\u00fchlt? \u00dcber was denkt man in einem solchen Augenblick nach?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Tja, die Gef\u00fchle vorher und nachher: privat gar keine, denn daf\u00fcr hat man keine Zeit. Was ich noch sehr gut aus den Proben wusste, war die intensive Charaktersituation, die mir Valentin Schwarz geschildert hatte. Das konnte ich mir sehr gut zur\u00fcckrufen. Und diese Emotion des Alleinseins, des Wegschickens des liebsten Menschen, was einen v\u00f6llig zerbricht und dass die eigene Welt, das eigene Drumherum zusammenbricht und nicht mehr funktioniert, das kam in dem Moment in mir hoch, als ich dort auf der B\u00fchne lag.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kann eine solche Situation eine Karriere auch negativ beeinflussen? Hatten Sie Angst, vor den Ohren der Opern-Welt\u00f6ffentlichkeit zu scheitern?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe wie gesagt nicht so viele Gedanken daran verschwendet in dem Moment oder davor. Danach, als der Vorhang zuging, dachte ich mir schon: Gott, was hast Du jetzt gemacht \u2026! Da kam\u2019s dann bei mir erst an. Es sind mir ja doch \u2013 da ich die Partie l\u00e4nger nicht gesungen, aber pr\u00e4sent hatte \u2013 ein, zwei Textfehler passiert. Und auch hier und da war ich nicht immer ganz mit Cornelius Meister zusammen \u2026 aufgrund der Situation des Einspringens. Da gab\u2019s dann kurz schon den Moment, in dem man \u00fcberlegt, ob das jetzt richtig war. H\u00e4tte ich es rein aus karrieretechnischen Gr\u00fcnden nicht lieber lassen sollen? Aber dann hat beim Vorhang-Rausgehen das wunderbare Entgegenkommen des Publikums und die sch\u00f6ne Presse danach best\u00e4tigt, dass es die richtige Entscheidung war. Und jetzt schauen wir mal.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weil Sie das gerade eben erw\u00e4hnt hatten: Wann und wo haben Sie den Wotan denn schon gesungen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das letzte Mal vor anderthalb Jahren am New National Theatre Tokyo, davor an der Staatsoper Budapest, am Staatstheater Oldenburg und ganz zu Beginn bei den Tiroler Festspielen Erl.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bayreuther-Festspiele_Goetterdaemmerung-c-Bayreuther-Festspiele-Enrico-Nawrath-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7882\" srcset=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bayreuther-Festspiele_Goetterdaemmerung-c-Bayreuther-Festspiele-Enrico-Nawrath-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bayreuther-Festspiele_Goetterdaemmerung-c-Bayreuther-Festspiele-Enrico-Nawrath-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bayreuther-Festspiele_Goetterdaemmerung-c-Bayreuther-Festspiele-Enrico-Nawrath-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bayreuther-Festspiele_Goetterdaemmerung-c-Bayreuther-Festspiele-Enrico-Nawrath-500x281.jpg 500w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bayreuther-Festspiele_Goetterdaemmerung-c-Bayreuther-Festspiele-Enrico-Nawrath-800x450.jpg 800w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bayreuther-Festspiele_Goetterdaemmerung-c-Bayreuther-Festspiele-Enrico-Nawrath-1280x720.jpg 1280w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bayreuther-Festspiele_Goetterdaemmerung-c-Bayreuther-Festspiele-Enrico-Nawrath-870x490.jpg 870w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bayreuther-Festspiele_Goetterdaemmerung-c-Bayreuther-Festspiele-Enrico-Nawrath-600x338.jpg 600w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bayreuther-Festspiele_Goetterdaemmerung-c-Bayreuther-Festspiele-Enrico-Nawrath.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Vier Tage nach seinem Spontan-Einspringen das eigentliche Deb\u00fct: Als Gunther (\u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c) war Michael Kupfer-Radecky nach Bayreuth engagiert worden (Foto Bayreuther Festspiele\/Enrico Nawrath)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Wie waren generell die Reaktionen auf Ihren Einspringer-Einsatz? Die Kritik hat mit Lob ja nicht gespart, wie Sie selber sagen \u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>(lacht)<\/em> Das ging auch so weiter im Privaten. Ich hatte so etwas noch nie erlebt. Als die Vorstellung vorbei und ich mit den Kolleginnen und Kollegen bei einem Aftershow-Bier war, ist mein Handy explodiert. Das kannte ich zwar von Kollegen schon, aber wie viele Nachrichten da auf einmal gekommen sind von Menschen, mit denen ich \u00fcberhaupt nicht gerechnet hatte, war schon sehr erstaunlich. Die Reaktionen waren von professioneller wie von privater Seite unglaublich positiv und sehr, sehr erfreulich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>M\u00f6chten Sie den Wotan in Bayreuth denn generell einmal in Erstbesetzung singen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Naja, diese Frage mit \u201eNein\u201c zu beantworten, w\u00e4re nat\u00fcrlich nicht richtig. <em>(lacht)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andersherum gefragt: Sind Ihre Chancen jetzt gestiegen, den Wotan in Bayreuth einmal in Erstbesetzung singen zu k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ach, das wei\u00df ich gar nicht. Das h\u00e4ngt von so vielen Dingen ab, da bin ich realistisch. Ich glaube, ich habe eine gute Visitenkarte abgegeben \u2013 und werde einfach warten, was passiert. Ich habe einen sehr guten Kontakt zur Festspielleitung hier und werde den aktuellen \u201eRing\u201c als Gunther auf jeden Fall bis zum Ende begleiten, das steht schon fest. Was dann dar\u00fcber hinaus passiert \u2013 jetzt speziell bei den Bayreuther Festspielen \u2013 das wird man sehen in den n\u00e4chsten Monaten oder im n\u00e4chsten Jahr. Klar, der Wunsch w\u00e4re da, das w\u00e4re sicher ein Traum. Aber ob die Chancen gr\u00f6\u00dfer oder weniger gro\u00df dadurch geworden sind, kann ich nicht beurteilen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben in Ihrer eigentlichen Rolle als Gunther ebenfalls durchweg positive Kritiken erlebt und sind auch positiv in Erscheinung getreten. Der Beifall des Bayreuther Publikums hat das auch best\u00e4tigt. Die Regie fiel dagegen weitgehend durch. Sie h\u00e4tten jetzt die Chance, etwas zu Valentin Schwarz\u2019 Konzept zu erz\u00e4hlen, was wir bisher noch nicht wussten und vielleicht wissen sollten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ehrlich gesagt, hat uns Valentin zumindest in der Arbeit an der \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c mit allem, was davor passiert, nicht so sehr \u201ebel\u00e4stigt\u201c, damit wir uns auf das Eigentliche konzentrieren. Ich habe erst mit den Generalproben einen gro\u00dfen Bogen bekommen und dann aber viele Sachen, die wir in der \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c gemacht haben, verstanden und nachvollziehen k\u00f6nnen. Ich bin aber nat\u00fcrlich auch sehr beteiligt und sehr \u201emit drin\u201c durch die ganze Probenarbeit und das intensive Miteinander-Arbeiten. Ich sehe da eine Linie. Ob die jetzt richtig ist oder nicht f\u00fcr den Einzelnen, m\u00f6chte ich nicht beurteilen, das steht mir auch nicht zu. Ich verstehe sie, finde sie gut und habe Spa\u00df daran gehabt. Valentin Schwarz hat es verstanden, uns als S\u00e4nger-Team mit seinen Ideen zu begeistern, es war ein sehr sch\u00f6nes, intensives Arbeiten mit ihm. Das ist heutzutage leider nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachgefragt bei Michael Kupfer-Radecky, dem sehr spontanen \u201eEinspringer-Wotan\u201c der Bayreuther Premieren-\u201eWalk\u00fcre\u201c<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":7881,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":4,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[433],"tags":[],"class_list":["post-7880","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-zwischenrufe"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Michael-Kupfer-Radecky-c-Simon-Pauly.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Michael-Kupfer-Radecky-c-Simon-Pauly.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Michael-Kupfer-Radecky-c-Simon-Pauly-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Michael-Kupfer-Radecky-c-Simon-Pauly-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Michael-Kupfer-Radecky-c-Simon-Pauly-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Michael-Kupfer-Radecky-c-Simon-Pauly-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"6. 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