{"id":8097,"date":"2022-10-03T20:40:00","date_gmt":"2022-10-03T18:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=8097"},"modified":"2022-10-03T21:01:10","modified_gmt":"2022-10-03T19:01:10","slug":"dramatischer-entwicklungsbogen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2022\/10\/03\/dramatischer-entwicklungsbogen\/","title":{"rendered":"Dramatischer Entwicklungsbogen"},"content":{"rendered":"<p>Barak ist ja nun wirklich eine Seele, gutm\u00fctig bis zur Selbstaufgabe. Aber jetzt hat sein Weib den Bogen \u00fcberspannt, jetzt sagt sie m\u00f6glicher Mutterschaft ab, jetzt ist Schluss. Erdrosseln? Da steckt ihm die Amme, die seiner Frau die Flausen in den Kopf gepflanzt hat, ein Messer zu. Ist sicherer. Womit Barak aber nicht rechnet, sind die lebensliebenden Kr\u00e4fte der noch Ungeborenen, die die Bluttat vereiteln. Diese Ungeborenen tauchen immer wieder unerwartet auf in Jens-Daniel Herzogs Inszenierung von Richard Strauss\u2019 \u201eDie Frau ohne Schatten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hausherr kocht selbst. Eine klare Geschichte m\u00f6chte er erz\u00e4hlen, dort, wo Hugo von Hofmannsthal in Symbol und Gleichnis und Verwandlungszaubertheater schwelgt. Es will ihm nur ansatzweise gelingen \u2013 auch weil das B\u00fchnensetting von Johannes Sch\u00fctz recht umst\u00e4ndlich kreist und zu handhaben ist: eine Leinwand, die mal als Projektionsfl\u00e4che dient (ein Wohnwagen f\u00fcr das Kaiserpaar, schlussendlich ein Schatten f\u00fcr die Kaiserin!), mal als Raumtrenner, mal als niederzurei\u00dfende Mauer \u2013 und dazu jenes offene Zweizimmer-Geh\u00e4use des F\u00e4rberpaars, das regelm\u00e4\u00dfig von der Seitenb\u00fchne schwankend hereinschwebt und wieder hinausschwebt, geleitet von der Technik. Das Gek\u00fcnstelte und seine sichtbare Logistik behindern den nat\u00fcrlichen Fluss einer klaren Geschichte, die im \u00dcbrigen ganz kinderkitschfrei nicht enden mag, auch wenn da (Leichen-?)T\u00fccher \u00fcber das Kaiser- und F\u00e4rberpaar gebreitet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Halten wir uns an die Personenregie, insbesondere an die der F\u00e4rberin. Da haben Herzog und die sich\u00a0fabelhaft steigernde Manuela Uhl eine durchaus neue Sicht in petto: Diese F\u00e4rberin ist zun\u00e4chst nicht so hart, h\u00f6hnisch und aggressiv, wie sie oft umrissen wird. Und das, obwohl doch in N\u00fcrnberg ein Schwager zumindest versucht, sie zu vergewaltigen. Diese F\u00e4rberin bleibt zun\u00e4chst zur\u00fcckhaltend, unsicher, vage \u2013 bevor sie sich auf den Weg der Selbstbefreiung begibt, nicht wissend, ob es der richtige ist. Aber sie geht ihn mit wachsendem Selbstvertrauen \u2013 und kehrt dann doch in den Familien-Scho\u00df zur\u00fcck. Was f\u00fcr ein dramatischer Entwicklungsbogen, anfangs mephistophelisch gesch\u00fcrt von der Amme, die Lioba Braun als scharf gezeichneten, vokal aber etwas monochromen Charakter gibt. Bis auf seinen Wutanfall singt Thomas Jesatko den Barak ausgeglichen, dienend, ja balsamisch str\u00f6mend. Das F\u00e4rberpaar tr\u00e4gt den Abend. Wohingegen der Kaiser (Tadeusz Szlenkier) s\u00e4ngerisch und darstellerisch etwas steif bleibt und Corona-Einspringerin Agnieszka Hauzer (Kaiserin) zur Premiere noch nicht aus dem Vollen sch\u00f6pft.<\/p>\n\n\n\n<p>Das aber gelingt zunehmend der 100-j\u00e4hrigen Staatsphilharmonie N\u00fcrnberg unter der konsequent nach oben dirigierenden, derart musikalischen Bedeutungsballast meidenden Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz. Bleibt der erste Akt noch ein bisschen tastend im Zusammenfinden, entwickelt der zweite und dritte enorme dramatische Schlagkraft, nicht zuletzt dank des Blechs, das Wucht und Transparenz unter einen Hut bringt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>R\u00fcdiger Heinze<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDie Frau ohne Schatten\u201c (1919) \/\/ Oper von Richard Strauss<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.staatstheater-nuernberg.de\/spielplan-22-23\/die-frau-ohne-schatten\/02-10-2022\/1700\" target=\"_blank\" aria-label=\"Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters N\u00fcrnberg (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters N\u00fcrnberg<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">N\u00fcrnberg \/ Staatstheater N\u00fcrnberg (Oktober 2022)<\/span><\/br><br \/>\nRichard Strauss\u2019 Oper \u201eDie Frau ohne Schatten\u201c<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":8100,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":2,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,1661],"tags":[],"class_list":["post-8097","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2022-06"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Staatstheater-Nuernberg_Die-Frau-ohne-Schatten-c-Pedro-Malinowski_WEB.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Staatstheater-Nuernberg_Die-Frau-ohne-Schatten-c-Pedro-Malinowski_WEB.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Staatstheater-Nuernberg_Die-Frau-ohne-Schatten-c-Pedro-Malinowski_WEB-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Staatstheater-Nuernberg_Die-Frau-ohne-Schatten-c-Pedro-Malinowski_WEB-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Staatstheater-Nuernberg_Die-Frau-ohne-Schatten-c-Pedro-Malinowski_WEB-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Staatstheater-Nuernberg_Die-Frau-ohne-Schatten-c-Pedro-Malinowski_WEB-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"3. 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