{"id":8314,"date":"2022-12-19T13:02:02","date_gmt":"2022-12-19T12:02:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=8314"},"modified":"2022-12-23T11:56:37","modified_gmt":"2022-12-23T10:56:37","slug":"la-legende-de-tristan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2022\/12\/19\/la-legende-de-tristan\/","title":{"rendered":"Tristan als Opern-Neuland"},"content":{"rendered":"<p>Den Organisten und Orgel-Liebhabern ein Begriff, als Sinfoniker vernachl\u00e4ssigt, als Opernkomponist nicht einmal der sechsb\u00e4ndigen Piper-Enzyklop\u00e4die des Musiktheaters einen Eintrag zwischen Pietro Torri und Tommaso Traetta wert: der Franzose Charles Tournemire (1870-1939). Und dies, obwohl er etwas Ungeheuerliches wagte: Wagners \u201eTristan und Isolde\u201c 1926 eine eigene Vertonung der Sage entgegenzusetzen \u2013 ganz abgesehen von seiner Franziskus-Oper vor Messiaen. Das Ungeheuerliche war bislang auch noch unerh\u00f6rt. Nun aber hat das Theater Ulm \u201eLa L\u00e9gende de Tristan\u201c knapp 100 Jahre nach der Entstehung in einem Kraftakt zur Urauff\u00fchrung gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Libretto basiert auf einer \u201eTristan\u201c-Romanversion von Joseph B\u00e9dier (1900), der die keltischen Stoffquellen mit seinerzeit zeitgem\u00e4\u00dfen Mitteln plausibel zu gestalten suchte. Das Ergebnis weicht von Wagners Version ab: Tristan hat nicht Isoldes Verlobten Morold, sondern ihren Onkel Morholt mit dem Schwert erschlagen; er erwirbt sich Isolde durch einen siegreichen Kampf gegen einen Drachen; der Liebestrank, zubereitet und stehen gelassen von Brangien, wird mehr oder weniger zuf\u00e4llig aus Durst getrunken; K\u00f6nig Marc erwischt das entflammte Paar nicht in flagranti, sondern gesteht sich zweimal selber ein, einen Verdacht allzu misstrauisch gen\u00e4hrt zu haben. Das alles \u00e4ndert freilich nichts an der \u00fcberm\u00e4chtigen Liebe von Tristan und Isolde \u2013 bis Tristan als verkleideter Narr noch einmal am Hofe Marcs auftaucht, um Isolde ein letztes Mal zu sehen. Erl\u00f6sung des Helden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das im Zentrum stehende Leiden der liebenden Protagonisten wird von ebenso hohem Ernst und ebenso hoher Verzweiflung getragen wie in Wagners Oper \u2013 und jeder fragt sich nat\u00fcrlich: Wie klingt\u2019s? Tournemire, Sch\u00fcler von Franck und Widor, hat Entscheidendes jedenfalls erreicht: Eigenst\u00e4ndigkeit. Seine Partitur entzieht sich der Kategorisierung, selbst wenn der franz\u00f6sische Impressionismus und Strawinskys Pariser Gro\u00dftaten nicht spurlos an ihm vorbeigegangen sind. Auch nutzt er f\u00fcr seine klare syllabische Textvertonung die Formen alter Sakralmusik. Doch f\u00fcr die Modernismen seiner Harmonik und f\u00fcr die oft \u00fcberraschende Melodik, die schnell sich abl\u00f6sende Motivik vor ausgreifende Thematik stellt, sind Vergleichsgr\u00f6\u00dfen schwerlich zu finden. Ein autonomes Insel-Neuland, das es zu entdecken, zu erh\u00f6ren gilt. Das ist das eigentliche Verdienst dieser sp\u00e4ten Belebung, bei der sich das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm unter GMD Felix Bender in bester Verfassung zeigt: Nicht jede Repertoire-Oper kommt im Haus so sorgsam einstudiert her\u00fcber wie dieser, auch zur CD-Ver\u00f6ffentlichung geplante \u201eTristan\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Intendant Kay Metzger inszeniert \u2013 und verlegt die alte Sage in die Zeit des Ersten Weltkriegs. Ein Einheitsb\u00fchnenbild (Michael Heinrich), darstellend eine Rokoko-Bibliothek als Ersatz-Lazarett, steht sowohl f\u00fcr die Szene in Irland als auch in Cornwall. Wenn Joseph B\u00e9dier seiner \u201eTristan\u201c-Version vor allem Plausibilit\u00e4t zukommen lassen wollte, dann Kay Metzger seiner Inszenierung historischen Realismus. Der Drache ist ein Wandbild \u2013 und gefeiert an Marcs Hof wird nicht nur Hochzeit, sondern unterm Tannenbaum auch Weihnachten. Was aber in Ulm ersch\u00fcttert: dass die zweite Vorstellung dieser Urauff\u00fchrungs-Produktion im Zuschauerraum nur zu einem Viertel bis zu einem Drittel besetzt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>R\u00fcdiger Heinze<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eLa L\u00e9gende de Tristan\u201c (entstanden 1926; Urauff\u00fchrung 2022 posthum) \/\/ Oper von Charles Tournemire<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.theater-ulm.de\/spielplan\/stuecke\/la-legende-de-tristan\" target=\"_blank\" aria-label=\"Infos und Termine auf der Website des Theaters Ulm (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">Infos und Termine auf der Website des Theaters Ulm<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">Ulm \/ Theater Ulm (Dezember 2022)<\/span><\/br><br \/>\nCharles Tournemires Gegenentwurf zu Richard Wagner<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":8315,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":2,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[1669,34],"tags":[],"class_list":["post-8314","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen-2023-02","category-rezensionen"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Theater-Ulm_La-Legende-de-Tristan-c-Jochen-Klenk.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Theater-Ulm_La-Legende-de-Tristan-c-Jochen-Klenk.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Theater-Ulm_La-Legende-de-Tristan-c-Jochen-Klenk-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Theater-Ulm_La-Legende-de-Tristan-c-Jochen-Klenk-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Theater-Ulm_La-Legende-de-Tristan-c-Jochen-Klenk-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Theater-Ulm_La-Legende-de-Tristan-c-Jochen-Klenk-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"19. 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