{"id":8487,"date":"2023-02-05T13:50:54","date_gmt":"2023-02-05T12:50:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=8487"},"modified":"2023-02-21T14:39:58","modified_gmt":"2023-02-21T13:39:58","slug":"angels-bone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2023\/02\/05\/angels-bone\/","title":{"rendered":"Zwei Engel und eine Chuzpe"},"content":{"rendered":"<p>Was ist eine Chuzpe, eine Unverfrorenheit? Wenn der Sohn die Eltern um die Ecke bringt und dann vor Gericht Freispruch fordert, weil er Vollwaise ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Chuzpe in \u201eAngel\u2019s Bone\u201c, jetzt als europ\u00e4ische Erstauff\u00fchrung am Staatstheater Augsburg herausgebracht, geht so: Mrs. X.E., diese US-Mittelstandshausfrau, ist unzufrieden von den Zehenn\u00e4geln bis zu den Haarspitzen \u00fcber Ehe und arbeitslosen Mann. Doch da st\u00fcrzen zwei Engel ab \u2013 in ihren Vorgarten hinein. W\u00e4hrend Mr. X.E. noch \u00fcberlegt, wie er Erste Hilfe leisten kann, ist Mrs. X.E. gedanklich schon einen Schritt weiter: \u201eWas, wenn ich bestimmt w\u00e4re, legend\u00e4r zu sein? Was, wenn ich mehr verdiene?\u201c Sie macht ihrem Mann Feuer unterm Hintern, weist ihn an, die Engelsfl\u00fcgel zu stutzen, auf dass keine Flucht mehr m\u00f6glich werde f\u00fcr Boy Angel und Girl Angel \u2013 und dann rollt sie auch schon an, die PR-Maschinerie in der eigenen Gemeinde. Zu buchen sind die Fl\u00fcgelwesen viertelstundenweise, vollkommen vertraulich, vollkommen privat. F\u00fcgsamkeit und Segnung von allem wird obendrein versprochen. Also floriert das Gesch\u00e4ft, und in der Gemeinde erwachen auch andere Begierden. Manch frommer Bulle fordert handgreiflich mehr als nur himmlischen Erl\u00f6sungsbeistand in Glaubensfragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das geht so lange schlecht, bis die zwei Engel zerschunden, gebrochen, verbraucht sind und Mr. X.E. sich mit Feder und letaler Folge die Pulsadern aufschneidet. Und dann eben setzt hier die Chuzpe ein, diese \u00dcber-Bigotterie der Mrs. X.E., die ihren toten Mann erst s\u00e4mtlicher krimineller Energie beschuldigt, dann die beiden Engel um Verzeihung bittet und \u2013 hochschwanger durch Boy Angel \u2013 in einer TV-Show schwadroniert, sie habe nie legend\u00e4r werden wollen, sei hilflos gewesen. Ihr Ruhm habe einen hohen Preis, nun sei ihr Leben zerbrochen. So wird denn in \u201eAngel\u2019s Bone\u201c, polystilistisch komponiert von der in New York lebenden Chinesin Du Yun (*1977) und ausgezeichnet mit dem Pulitzer-Preis f\u00fcr Musik, unter Anteilnahme des zielgerichtet emotionalisierten Fernsehpublikums aus einer generalstabsm\u00e4\u00dfigen T\u00e4terin ein anscheinend bemitleidenswertes Opfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass zwei Engel in \u201eAngel\u2019s Bone\u201c als Protagonisten des Leidens erscheinen (Alma Naidu und Claudio Zazzaro), ist nat\u00fcrlich nur ein \u00fcberh\u00f6hender Kunstkniff Du Yuns. \u00dcbersetzt stehen sie f\u00fcr zwei unschuldige Menschenkinder, die gen\u00f6tigt, versklavt, missbraucht, vergewaltigt werden. Tats\u00e4chlich war auch ein realer US-Versklavungsfall ein Kompositionsanlass. Ausgesprochen unmittelbar wird das Publikum von der pausenlos knapp eineinhalbst\u00fcndigen Oper \u00fcberrollt, weil Antje Schupp unverbr\u00e4mt die herrschende Scheinheiligkeit sowie die latente und ausbrechende Gewalt des Werks inszeniert \u2013 rund um einen drehbaren B\u00fchnenaufbau, der K\u00fcche, Wandelaltar (Gr\u00fcnewalds Isenheimer Altar) und Spiegel(sex)studio mit Matratze gleicherma\u00dfen darstellt (Ausstattung: Christoph Rufer und Mona Hapke).<\/p>\n\n\n\n<p>Luise von Garnier als Mrs. X.E. und Wiard Witholt als Mr. X.E. agieren dabei als \u00fcberzeugende S\u00e4ngerdarsteller, er getrieben, sie stets das Heft in der Hand haltend. Und Ivan Demidov am Pult verdichtet mit den Augsburger Philharmonikern das ungeheuerliche Geschehen. Ein knallhartes St\u00fcck, das an die Nieren geht. Dass es Du Yun aber nicht ganz gro\u00df geraten ist, daf\u00fcr bleibt die illustrative \u201eFunktionst\u00fcchtigkeit\u201c ihrer Musik ausschlaggebend, die Verdopplung des Geschehens. Zu heiliger Engelshandlung ert\u00f6nt verfremdete sakrale Madrigalmusik, zu Gesch\u00e4ftst\u00fcchtigkeit ein Song im Stile Kurt Weills, zu Scheinheiligkeit verf\u00fchrerischer US-Schmonzes. Und Gewaltexzesse auf der B\u00fchne werden \u2013 unn\u00f6tig elektrisch verst\u00e4rkt \u2013 von Gewaltexzessen im Orchester begleitet. Eine lautstarke, leicht eindimensionale Performance.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>R\u00fcdiger Heinze<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eAngel\u2019s Bone\u201c (2016) \/\/ Oper von Du Yun<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/staatstheater-augsburg.de\/angels_bone\" target=\"_blank\" aria-label=\"Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Augsburg (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Augsburg<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">Augsburg \/ Staatstheater Augsburg (Februar 2023)<\/span><\/br><br \/>\nEurop\u00e4ische Erstauff\u00fchrung von Du Yuns \u201eAngel\u2019s Bone\u201c<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":8488,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":2,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,1669],"tags":[],"class_list":["post-8487","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2023-02"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Staatstheater-Augsburg_Angels-Bone-c-Jan-Pieter-Fuhr.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Staatstheater-Augsburg_Angels-Bone-c-Jan-Pieter-Fuhr.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Staatstheater-Augsburg_Angels-Bone-c-Jan-Pieter-Fuhr-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Staatstheater-Augsburg_Angels-Bone-c-Jan-Pieter-Fuhr-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Staatstheater-Augsburg_Angels-Bone-c-Jan-Pieter-Fuhr-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Staatstheater-Augsburg_Angels-Bone-c-Jan-Pieter-Fuhr-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"5. 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