{"id":8498,"date":"2023-02-21T14:40:14","date_gmt":"2023-02-21T13:40:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=8498"},"modified":"2023-03-06T15:19:56","modified_gmt":"2023-03-06T14:19:56","slug":"daphne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2023\/02\/21\/daphne\/","title":{"rendered":"Im ewigen Winter"},"content":{"rendered":"<p>Im Tempe-Tal rieselt der Schnee, erst leichter, dann immer st\u00e4rker, bis er auch den Orchestergraben erreicht. Zuerst erinnert das noch an alte Bilder g\u00f6ttlicher Inspiration: Erleuchtete Flocken fliegen den Menschen zu. Sp\u00e4ter eher an einen Schneesturm. Es ist eine noch recht poetische Welt, in die man so entf\u00fchrt wird, in welcher der Gott immerhin ein Gott sein k\u00f6nnte. Die Rollengestaltung von Pavel \u010cernoch als Apollo \u2013 ernst, getragen, mit tiefem Ansatz und gro\u00dfen Gesangsfl\u00fcgeln \u2013 gibt dazu einigen Anlass, ebenso seine ritualisierte Gestik wie aus dem \u00c4gypten-Comic. Bei Anna Kissjudits Gaea wirkt das Tief-Getragene anfangs etwas aufgesetzt, kommt nicht recht vom Fleck.<\/p>\n\n\n\n<p>Das geht wohl auch auf das Pult der Staatskapelle Berlin, an dem Thomas Guggeis nicht immer die Mitte zwischen sch\u00f6nem Strauss-Skizzen-Ton und der direkten Pr\u00e4senz der Musik im Raum findet. Das naturhafte Sich-Verstr\u00f6men des Orchesters klingt durchaus. Aber glaubt man am Ende an das Drama? Daf\u00fcr z\u00f6gert Guggeis zu oft in der Tiefe. Abget\u00f6nt, wie abgewandt beginnt das schon mit einem orgelartigen Holzbl\u00e4ser-Ensemble, um sich dann noch \u00fcber weite Strecken in der Privatheit des Streicherklangs fortzusetzen. Die Interaktion zwischen Daphne und ihrem menschlichen Verehrer Leukippos ger\u00e4t dar\u00fcber zum Duodrama, wozu auch die liedhafte Interpretation von Magnus Dietrich beitr\u00e4gt. Vera-Lotte Boecker folgt den Jugendstil-Fiorituren ihrer Partie mit Nachdruck, verwirklicht gelegentlich das Freischwingende in der Mittellage. Daneben ist ihr noch mehr Weite f\u00fcr die gro\u00dfen Anstrengungen zu w\u00fcnschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter m\u00fcht sich Ren\u00e9 Pape als immer noch gewaltiger Flussgott im Ruhestand redlich, die erhabene Tiefe, die Guggeis fehlen l\u00e4sst, zu erzeugen. Sch\u00f6n die Szene der beiden M\u00e4gde (Evelin Novak und Natalia Skrycka), die mit Kom\u00f6diantengeist und gesanglichem Wagemut beeindrucken. Auch die Ambivalenz der Verf\u00fchrungsszene zwischen Apollo und Daphne in lau bleibenden Holzbl\u00e4sert\u00f6nen gelingt und ist zudem raffiniert inszeniert wie eine Szene im Hollywood-Code der vierziger Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt eine Leistung, die sich sehen lassen kann, auch wenn manches noch mehr flie\u00dfen k\u00f6nnte und man etwas alleingelassen wird mit der B\u00fchnensymbolik. Was soll die Herme, auf der erst \u201eER\u201c, dann \u201eSIE\u201c steht? Warum steht im Futter von Apollos Wendemantel \u201eVERA\u201c? Und ja, warum ist der Mythos von der Lorbeerdame in einen locker-verschneiten Winter entr\u00fcckt? So bl\u00fcht die Rebe sicher nicht. Man kommt also auf Umwegen dazu, dass diese Handlung f\u00fcr Regisseur Romeo Castellucci allenfalls eine virtuelle Realit\u00e4t besitzt, auch wenn es durchaus nach Antike riecht und einzelne B\u00e4ume und Strauchwerk an Daphnes Freunde erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitten im Finale, das die Transformation Daphnes zum Thema hat, schultert die Titelrolle, uns abgewandt, das Titelblatt von T. S. Eliots \u201eThe Waste Land\u201c. Das Programmheft zitiert aus dem Gedicht: \u201eNichts zeugt von Sommern\u00e4chten. Die Nymphen sind fort.\u201c Am Ende dominiert der \u00f6kologische Sinn der Fabel. Kein friedlicher Eingang in die Natur ist da m\u00f6glich. Auch Daphne wird zur erdverschmierten \u00d6ko-Terroristin. Der Baum h\u00e4ngt entwurzelt in der Luft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Matthias Nikolaidis<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDaphne\u201c (1938) \/\/ Bukolische Trag\u00f6die von Richard Strauss<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.staatsoper-berlin.de\/de\/veranstaltungen\/daphne.11079\/\" target=\"_blank\" aria-label=\"Infos und Termine auf der Website der Staatsoper Unter den Linden (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">Infos und Termine auf der Website der Staatsoper Unter den Linden<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">Berlin \/ Staatsoper Unter den Linden (Februar 2023)<\/span><\/br><br \/>\nRomeo Castellucci betont den \u00f6kologischen Sinn in Richard Strauss\u2019 \u201eDaphne\u201c<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":8499,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":2,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[1675,34],"tags":[],"class_list":["post-8498","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen-2023-03","category-rezensionen"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Staatsoper-Unter-den-Linden_Daphne-c-Monika-Rittershaus.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Staatsoper-Unter-den-Linden_Daphne-c-Monika-Rittershaus.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Staatsoper-Unter-den-Linden_Daphne-c-Monika-Rittershaus-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Staatsoper-Unter-den-Linden_Daphne-c-Monika-Rittershaus-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Staatsoper-Unter-den-Linden_Daphne-c-Monika-Rittershaus-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Staatsoper-Unter-den-Linden_Daphne-c-Monika-Rittershaus-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"21. 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