{"id":8568,"date":"2023-02-26T16:26:33","date_gmt":"2023-02-26T15:26:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=8568"},"modified":"2023-06-26T10:13:49","modified_gmt":"2023-06-26T08:13:49","slug":"odessa-kateryna","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2023\/02\/26\/odessa-kateryna\/","title":{"rendered":"Kunst als Mahnung"},"content":{"rendered":"<p>Wie soll man objektiv bleiben bei einer Opern-Urauff\u00fchrung, deren reale Begleitumst\u00e4nde \u00e4hnlich ans Herz gehen wie das tragische Schicksal der Titelheldin? Urspr\u00fcnglich geplant war die Premiere von Oleksandr Rodins \u201eKateryna\u201c in Odessa bereits f\u00fcr den 27. M\u00e4rz 2022 \u2013 ein Unterfangen, das durch den russischen Angriffskrieg vereitelt wurde. Nicht zuletzt, weil zahlreiche Besch\u00e4ftigte des Theaters sich freiwillig zum Milit\u00e4r meldeten. Andere Mitwirkende erz\u00e4hlen in den sozialen Medien Geschichten von Bombenangriffen, vor denen man in einem Bunker unterhalb des Theaters Schutz suchte. Drei Monate blieb es geschlossen, ehe man im Juni den Spielbetrieb allen Umst\u00e4nden zum Trotz wieder aufnahm. Die nachgeholte Urauff\u00fchrung von \u201eKateryna\u201c am 17. September 2022 grenzte so fast schon an ein Wunder und war ein kleines St\u00fcck Normalit\u00e4t im Wahnsinn des Krieges. Vielmehr: Es wurde zum wichtigen Dokument ukrainischen Musiktheaters, von dem man sich nun auf digitalem Wege selbst ein Bild machen kann. Jetzt, zum Jahrestag des offiziellen Kriegsbeginns am 24. Februar, ging bei ARTE Concert die Aufzeichnung einer Folgevorstellung auf Sendung, abrufbar f\u00fcr drei Monate.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte hinter der Geschichte ist dabei nat\u00fcrlich nur schwer auszublenden. Schon die literarische Vorlage zu \u201eKateryna\u201c erz\u00e4hlt unterschwellig von der alles andere als unbelasteten Vergangenheit der beiden L\u00e4nder. In seinem gleichnamigen Gedicht erz\u00e4hlt Taras Schewtschenko von einer jungen Ukrainerin, die sich in einen russischen Soldaten verliebt und sp\u00e4ter dessen Kind zur Welt bringt. Nach seiner R\u00fcckkehr aus dem Krieg ist er schwer gezeichnet und weist Kateryna schroff zur\u00fcck, die seine Reaktion als Verrat empfindet, daran zerbricht und schlie\u00dflich Selbstmord begeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Komponist Oleksandr Rodin (*1975) verarbeitet dieses ebenso packende wie ber\u00fchrende Schicksal mit viel folkloristisch anmutendem Lokalkolorit, gro\u00dfen polyphonen Chortableaus und urw\u00fcchsig t\u00f6nenden Naturbildern. Passend zur idyllischen Mitsommernacht, deren unwirkliche Stimmung in der eing\u00e4ngigen Partitur ebenso eingefangen wird wie die damit verbundenen heidnischen Rituale \u2013 in der Tradition der gro\u00dfen slawischen Komponisten Seite an Seite mit christlichen Motiven. Eine mehr als dankbare Aufgabe f\u00fcr Dirigent Vyacheslav Chernukho-Volich, der mit seinen Musikerinnen und Musikern im Graben einen gro\u00dfen emotionalen Bogen spannt, dabei hin und wieder auch die Grenzen zum Kitsch \u00fcberschreitet, mit diesen bewusst ins \u00dcberlebensgro\u00dfe gesteigerten Momenten aber stets der Geschichte treu bleibt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"821\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Kateryna_2-c-Odessa-National-Opera-Dmytro-Skvortsov-821x1024.jpg\" alt=\"Die gr\u00f6\u00dfte Produktion des Hauses seit der Ukrainischen Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung 1991 (Foto Odessa National Opera\/Dmytro Skvortsov)\" class=\"wp-image-8573\" srcset=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Kateryna_2-c-Odessa-National-Opera-Dmytro-Skvortsov-821x1024.jpg 821w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Kateryna_2-c-Odessa-National-Opera-Dmytro-Skvortsov-241x300.jpg 241w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Kateryna_2-c-Odessa-National-Opera-Dmytro-Skvortsov-768x957.jpg 768w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Kateryna_2-c-Odessa-National-Opera-Dmytro-Skvortsov-500x623.jpg 500w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Kateryna_2-c-Odessa-National-Opera-Dmytro-Skvortsov-800x997.jpg 800w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Kateryna_2-c-Odessa-National-Opera-Dmytro-Skvortsov-870x1085.jpg 870w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Kateryna_2-c-Odessa-National-Opera-Dmytro-Skvortsov-600x748.jpg 600w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Kateryna_2-c-Odessa-National-Opera-Dmytro-Skvortsov.jpg 1099w\" sizes=\"(max-width: 821px) 100vw, 821px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die gr\u00f6\u00dfte Produktion des Hauses seit der Ukrainischen Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung 1991 (Foto Odessa National Opera\/Dmytro Skvortsov)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nachdem sich der Vorhang \u00f6ffnet, beschw\u00f6ren flirrende Streicher, begleitet von Glockenspiel und Harfenakzenten eine geradezu traumhafte Atmosph\u00e4re herauf. Erg\u00e4nzt um einige vom Komponisten selbst gebaute Instrumente, mit denen er Klangph\u00e4nomene wie das Schmelzen von Eis h\u00f6rbar machen will. Zugewiesen sind diese \u00fcberwiegend den klassischen Figurentypen des Wandertheaters, das in der Ukraine unter dem Namen \u201eVertep\u201c bekannt ist. Und so begegnet man in der ebenfalls heimatverbundenen Inszenierung von Oksana Taranenko zun\u00e4chst einer fahrenden Truppe, die Katerynas Geschichte zur Auff\u00fchrung bringt. Wobei sich neben dem tragischen Protagonisten-Paar auch Engel, Teufel, eine Hexe und die allegorische Figur des Todes gesellt, dem Christian Nikulytsya die notwendige Autorit\u00e4t verleiht. Dreh- und Angelpunkt des homogen besetzten Ensembles bleibt dabei immer Titelheldin Yulia Tereshchuk, die mit ihrem markant timbrierten Sopran ein anr\u00fchrendes Rollenportrait zeichnet und Kateryna keineswegs nur als Opfer, sondern als ebenso vielschichtige wie selbstbewusste Frau auf die B\u00fchne gestaltet.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine wichtige Produktion mit Signalwirkung, die eindrucksvoll beweist, \u00fcber welches k\u00fcnstlerische Potenzial Odessa und die Ukraine verf\u00fcgen. Gleichzeitig aber auch eine Ermahnung, dass der fast schon zum Alltag gewordene Krieg mit seinen Schreckensszenarien auf gar keinen Fall zur neuen Normalit\u00e4t werden darf. Mit den Worten von Taras Schewtschenko: \u0421\u043b\u0430\u0432\u0430 \u0423\u043a\u0440\u0430\u0457\u043d\u0456!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Tobias Hell<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/113304-000-A\/alexander-rodin-kateryna\/\" target=\"_blank\" aria-label=\"kostenfreier Stream bis 26. Mai 2023 auf ARTE Concert (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">kostenfreier Stream bis 26. 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