{"id":8619,"date":"2023-03-06T15:18:17","date_gmt":"2023-03-06T14:18:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=8619"},"modified":"2023-04-17T21:26:30","modified_gmt":"2023-04-17T19:26:30","slug":"krieg-und-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2023\/03\/06\/krieg-und-frieden\/","title":{"rendered":"Der Feind in uns"},"content":{"rendered":"<p>Es ist eine der heikelsten Programmierungen der laufenden Spielzeit: Sergej Prokofjews Vertonung von Lew Tolstois Romanepos \u201eKrieg und Frieden\u201c an der Bayerischen Staatsoper. Eine Kriegsoper \u00fcber Napoleons Russland-Feldzug 1812, entstanden unter dem Eindruck von Hitlers Einmarsch 1941, stalinistisch unterf\u00fcttert, patriotisches \u00dcberw\u00e4ltigungstheater. Diesmal sind die Vorzeichen andere als in den \u201eVaterl\u00e4ndischen Kriegen\u201c: Der Aggressor kommt nicht von au\u00dfen, der Aggressor des zynisch zur \u201eSpezialoperation\u201c deklarierten \u00dcberfalls auf die Ukraine ist Russland selbst. Da stellt sich unweigerlich die Frage: Sollte ein Werk wie dieses nach dem 24. Februar 2022 noch aufgef\u00fchrt werden?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Antwort lautet Ja. Was GMD Vladimir Jurowski und Regisseur Dmitri Tcherniakov im M\u00fcnchner Nationaltheater mit Blick auf ihr Heimatland in schlaglichtartigen Episoden zur Diskussion stellen, ist politisch relevantes Musiktheater auf der H\u00f6he der Zeit: unbequem und lange nachhallend, ohne sich in vordergr\u00fcndig \u201eeinfachen\u201c Antworten zu verheddern. Prokofjews Oper war sein lebenslanges Schmerzenskind, monumentaler Torso im st\u00e4ndigen Ringen um die Gunst von Stalins Doktrin und bis zu seinem Tod der politischen F\u00fchrung doch niemals \u201egut genug\u201c. Dabei wird oft \u00fcbersehen, dass \u201eKrieg und Frieden\u201c in Opernform nicht nur trotzig-vaterl\u00e4ndische Selbstbehauptung in hochproblematischem Sprachduktus ist, sondern in Tolstois Geiste auch immer noch ein St\u00fcck Weltliteratur. Es geht nicht nur um eine anonyme \u201eVolksmasse\u201c im Ausnahmezustand, es geht auch um Menschen mit Tr\u00e4umen und Hoffnungen, die im Strudel der Kriegswirren ihren Halt im Leben verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade damit tut sich Tcherniakov im ersten, dem \u201eFriedensteil\u201c etwas schwer, indem er die individuelle Profilsch\u00e4rfe der Charaktere dem Gesellschaftspanorama unterordnet. Sein B\u00fchnenbild ist der prachtvollen S\u00e4ulenhalle im Moskauer \u201eHaus der Gewerkschaften\u201c nachempfunden. Ein geschichts- und symboltr\u00e4chtiger Ort, an dem Zaren B\u00e4lle veranstalteten, Stalin Schauprozesse abhielt und die Leichname von ihm, Lenin oder zuletzt Gorbatschow aufgebahrt wurden. Ist \u201eFriedensteil\u201c in dieser Produktion \u00fcberhaupt die richtige Bezeichnung? Wir erleben die h\u00f6hnische Karikatur einer Gesellschaft, f\u00fcr die Krieg lange nur ein Smalltalk-Thema ist und die doch l\u00e4ngst wie im Bunker schutzsuchend und zusammengepfercht dem Lauf der Dinge harrt. Herrscht drau\u00dfen bereits Krieg? Wer ist der Feind? Gibt es ihn \u00fcberhaupt oder zerst\u00f6rt sich dieser \u00fcbers\u00e4ttigte Haufen an aufgespielt M\u00e4chtigen und dekadent Wahnsinnigen von innen heraus selbst? Die Parallelen zu Putins Russland sind zwischen den Zeilen zu finden und die Regie immer dann am st\u00e4rksten, wenn die \u201eMasse Mensch\u201c im deutlich hervorstechenden \u201eKriegsteil\u201c die Fratze des T\u00f6tens entlarvt \u2013 von Bootcamps \u00fcber autoaggressiven Blutrausch bis hin zur Inszenierung der Napoleon-Szene als pervertierte Commedia dell\u2019arte.<\/p>\n\n\n\n<p>Vladimir Jurowski am Pult des Bayerischen Staatsorchesters leuchtet das Stilspektrum in Prokofjews Partitur extrem geschickt und kontrastreich aus, gibt sehnsuchtsvollen Lyrismen ebenso Raum wie den martialischen Volumenschlachten des Bayerischen Staatsopernchors, der als eigentlicher Hauptprotagonist des Abends die vernarbte russische Seele in all ihrer Widerspr\u00fcchlichkeit herausschreit (Einstudierung: David Cavelius). Aus dem mehr als 40-k\u00f6pfigen und durchweg \u00fcberzeugend agierenden Ensemble ragen die expressive und seelenvolle Olga Kulchynska (Natascha), der warme und ergreifend innige Bariton von Andrei Zhilikhovsky (Andrej) und der empfindsame, sp\u00e4ter von Verbitterung durchzogene Schmelz von Arsen Soghomonyan (Pierre) hervor. Ein unter die Haut gehender, um einige glorifizierende Passagen gek\u00fcrzter Kraftakt. Und die traurige Erkenntnis: 1812, 1941 und 2022 \u00e4hneln sich viel zu sehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Florian Maier<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201e\u0412\u043e\u0439\u043d\u0430 \u0438 \u043c\u0438\u0440\u201c (\u201eKrieg und Frieden\u201c) (1946) \/\/ Oper von Sergej S. Prokofjew<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.staatsoper.de\/stuecke\/krieg-und-frieden\" target=\"_blank\" aria-label=\"Infos und Termine auf der Website der Bayerischen Staatsoper (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">Infos und Termine auf der Website der Bayerischen Staatsoper<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/113701-000-A\/sergej-prokofjew-krieg-und-frieden-woina-i-mir\/\" target=\"_blank\" aria-label=\"kostenfreier Stream bis 5. September 2023 auf ARTE Concert (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">kostenfreier Stream bis 5. September 2023 auf ARTE Concert<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">M\u00fcnchen \/ Bayerische Staatsoper (M\u00e4rz 2023)<\/span><\/br><br \/>\nSezierender Blick auf Prokofjews \u201eKrieg und Frieden\u201c<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":8625,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":2,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,1675],"tags":[],"class_list":["post-8619","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2023-03"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bayerische-Staatsoper_Krieg-und-Frieden-c-Wilfried-Hoesl.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bayerische-Staatsoper_Krieg-und-Frieden-c-Wilfried-Hoesl.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bayerische-Staatsoper_Krieg-und-Frieden-c-Wilfried-Hoesl-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bayerische-Staatsoper_Krieg-und-Frieden-c-Wilfried-Hoesl-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bayerische-Staatsoper_Krieg-und-Frieden-c-Wilfried-Hoesl-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bayerische-Staatsoper_Krieg-und-Frieden-c-Wilfried-Hoesl-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"6. 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