{"id":8672,"date":"2023-03-27T16:59:34","date_gmt":"2023-03-27T14:59:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=8672"},"modified":"2023-03-28T08:41:25","modified_gmt":"2023-03-28T06:41:25","slug":"siegfried","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2023\/03\/27\/siegfried\/","title":{"rendered":"Hehre Augenblicke ohne Regietheater"},"content":{"rendered":"<p>Es ist eine der gro\u00dfen, metaphysisch und philosophisch aufgeladenen Welt-Sekunden im \u201eRing des Nibelungen\u201c: Br\u00fcnnhilde erwacht nach langem Schlaf, geweckt von Siegfried, dem Helden, dem Einzigen, der den Feuerring um ihren Felsen durchbrechen konnte, der sie alsbald von der keuschen Unsterblichkeit in die sterbliche Liebe st\u00fcrmend dr\u00e4ngen wird, um sie und sich selbst zu erwecken. Richard Wagner hat daf\u00fcr das kriechende Vierton-Motiv, das zuerst den Tarnhelm der Verwandlung beschreibt und dann dessen Ergebnis, n\u00e4mlich den zum Drachen verwandelten Riesen Fafner, seinerseits verwandelt: Hier erklingt es riesenhaft vergr\u00f6\u00dfert, auf Minuten ausgedehnt, statt in der Tiefe der Tuba in h\u00f6chsten H\u00f6hen von Streichern und Holzbl\u00e4sern mit Harfen-Umspielung: \u201eHeil dir, Sonne! Heil dir, Licht!\u201c So ist die schwarze Magie Alberichs zur wei\u00dfen Magie dieses den Lauf der \u201eRing\u201c-Welt f\u00fcr immer ver\u00e4ndernden Erwachens geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgabe an die Regie: Wie wirkt dieser \u201ehehre Augenblick\u201c (wie auch viele andere) nicht l\u00e4cherlich, pathetisch oder einfach nichtssagend? Anna Kelo denkt diese Fragen im neuen \u201eSiegfried\u201c an der Finnischen Nationaloper (Suomen kansallisooppera) allein von ihren Figuren aus: Was geht in denen vor? Ganz menschlich, ganz nachvollziehbar: Br\u00fcnnhilde bestaunt ihr Haar, das in den Jahren des Schlafes lang geworden ist. Oder Siegfried, etwas sp\u00e4ter: Er ist \u00fcberfordert damit, dass die ersten weiblichen Br\u00fcste, die er sieht, zwischen seinen Beinen etwas ausl\u00f6sen, was er nicht versteht und nicht kontrollieren kann. Und wann haben wir anfangs des ersten Aufzuges schon einmal so klar gesehen, dass Siegfried und sein Ziehvater wider Willen Mime symbiotisch voneinander abh\u00e4ngig sind? Statt ambitioniertem Konzept (das bei den letzten \u201eRing\u201c-Neudeutungen so oft gescheitert ist) bringt Kelo feinstes Personenregie-Handwerk mit \u2013 \u201eendlich\u201c, m\u00f6chte man fast ausrufen. Sie erz\u00e4hlt einfach schl\u00fcssig und vertraut darauf, dass das Werk die \u00dcberw\u00e4ltigung schon von alleine hinbekommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr kongenialer Partner in dieser Herangehensweise: Dirigent Hannu Lintu. Er gestaltet ohne jeden Schwulst und fast sachlich einen kernigen, farbigen, bisweilen gar eleganten Orchesterklang. Seine Musikerinnen und Musiker spielen virtuos, leidenschaftlich und agil, brauchen \u00fcber weite Strecken der f\u00fcnf Stunden keinen internationalen Vergleich scheuen.<\/p>\n\n\n\n<p>Exquisit ist auch das fast ausschlie\u00dflich finnische S\u00e4nger-Ensemble. Bemerkenswert gut verst\u00e4ndlich, in der Figur herrlich verdruckst, dabei stimmlich und spielerisch auf der H\u00f6he: Dan Karlstr\u00f6m als Mime und auch Jukka Rasilainen als Alberich. Tommi Hakala verleiht seinem Wanderer Stimmbalsam und schiere Kraft, am eindrucksvollsten gelingt ihm die Szene mit Erda (gut und mit weiter Tessitura: Sari Nordqvist). Daniel Brenna \u00fcberzeugt nicht immer mit Klangsch\u00f6nheit, aber mit Tenor-Metall (und das ist nunmal die W\u00e4hrung f\u00fcr eine Siegfried-Karriere) und gro\u00dfer spielerischer \u00dcberzeugungskraft. Johanna Rusanen schlie\u00dflich beweist, dass sie dieser kurzen, m\u00f6rderischsten der drei Br\u00fcnnhilde-Partien so gewachsen ist wie derzeit wenige andere S\u00e4ngerinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht wenig zum Gelingen dieses Abends tr\u00e4gt Mikki Kunttu bei mit seinem etwas konventionellen und mit Video-Schnickschnack versehenen, doch pr\u00e4chtigen B\u00fchnenbild und vielmehr noch mit einer fabelhaften Lichtregie. Dass dieser \u201eSiegfried\u201c nichts weniger ist als ein nordisches Opern-Ereignis, hat das jubelnde Publikum aber zuallererst Anna Kelo und Hannu Lintu zu verdanken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Stephan Knies<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eSiegfried\u201c (1876) \/\/ Zweiter Tag des B\u00fchnenfestspiels \u201eDer Ring des Nibelungen\u201c von Richard Wagner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a aria-label=\"Infos und Termine auf der Website des Theaters (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/oopperabaletti.fi\/en\/repertoire\/siegfried\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">Infos und Termine auf der Website der Finnischen Nationaloper<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">Helsinki \/ Suomen kansallisooppera (M\u00e4rz 2023)<\/span><\/br><br \/>\nWagners \u201eSiegfried\u201c fabelhaft und stringent erz\u00e4hlt<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":8673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":2,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,1675],"tags":[],"class_list":["post-8672","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2023-03"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Finnische-Nationaloper_Siegfried-c-Ralph-Larmann.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Finnische-Nationaloper_Siegfried-c-Ralph-Larmann.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Finnische-Nationaloper_Siegfried-c-Ralph-Larmann-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Finnische-Nationaloper_Siegfried-c-Ralph-Larmann-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Finnische-Nationaloper_Siegfried-c-Ralph-Larmann-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Finnische-Nationaloper_Siegfried-c-Ralph-Larmann-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"27. 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