{"id":8702,"date":"2023-03-29T11:04:00","date_gmt":"2023-03-29T09:04:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=8702"},"modified":"2023-04-21T14:42:47","modified_gmt":"2023-04-21T12:42:47","slug":"genf-voyage-vers-l-espoir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2023\/03\/29\/genf-voyage-vers-l-espoir\/","title":{"rendered":"Wo liegt das Paradies?"},"content":{"rendered":"<p>Ein \u00fcppiges gr\u00fcnes Maisfeld \u2013 real auf der B\u00fchne und als Video auf der Leinwand. Kinder spielen darin Verstecken. Aber die Idylle tr\u00fcbt. Sie erz\u00e4hlen sich, dass ihre Eltern sie verlassen wollen. Und auch die Musik aus dem Orchestergraben wird bedrohlicher. In Xavier Kollers oscarpr\u00e4miertem Film \u201eReise der Hoffnung\u201c aus dem Jahr 1990 ist es eine zerknautschte Postkarte aus der Schweiz mit Alpenpanorama, die bei Familienvater Haydar die Sehnsucht weckt, seine Heimat Anatolien zu verlassen. Am Grand Th\u00e9\u00e2tre de Gen\u00e8ve ist in Christians Josts Oper \u201eVoyage vers L\u2019Espoir\u201c in der Inszenierung von Korn\u00e9l Mundrucz\u00f3 (Ausstattung: Monika Pormale) das Maisfeld die Metapher f\u00fcr ein besseres Leben. Oder ist das Paradies schon da? So denkt Haydars Frau Meryem, die gl\u00fccklich ist mit dem, was sie hat. Den Sandh\u00fcgel, auf dem sie steht, m\u00f6chte sie nicht verlassen. Sie gehen trotzdem. Und werden am Ende ihr Kind in den Schweizer Alpen verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Xavier Kollers tief ber\u00fchrenden, realistischen, unpathetischen Film \u00fcber das tragische Ende einer illegalen Einwanderung in die Schweiz als Grundlage f\u00fcr eine Oper zu nehmen, ist ein schwieriges Unterfangen. Christian Jost, dessen franz\u00f6sischsprachige Oper nach dem Libretto von Kata W\u00e9ber eigentlich bereits im Fr\u00fchjahr 2020 uraufgef\u00fchrt werden sollte, m\u00f6chte die tragische Fl\u00fcchtlingsgeschichte nicht zu konkret erz\u00e4hlen. Deshalb verzichtet er auf gesprochene Worte und klangmalerische Effekte, koppelt den Orchesterpart in weiten Teilen vom B\u00fchnengeschehen ab und entwickelt damit in den drei ineinander \u00fcbergehenden Akten einen Erz\u00e4hlstrom, der ein Eigenleben f\u00fchrt. Das kann durchaus suggestive Kraft gewinnen, wenn sich im ersten Akt die Solovioline aus den Orchestermassen sch\u00e4lt und Emotionen weitertr\u00e4gt. Jost arbeitet mit durchaus tonalen Klangschichtungen, Wiederholungen und starker Rhythmik, die im zweiten Akt, der die lange Wanderung beschreibt, vom gro\u00df besetzten Schlagzeug vorangetrieben wird. Mit Glissandi in Streichern und Bl\u00e4sern wird der sichere Boden immer wieder verlassen, rutscht weg, gleitet ins Ungewisse. Dirigent Gabriel Feltz mischt mit dem Orchestre de la Suisse Romande gekonnt die Klangfarben, h\u00e4lt die Balance und sorgt daf\u00fcr, dass die auch mal swingenden Rhythmen im Fluss bleiben. Josts Musik fehlt jedoch eine konkretere theatralische Kraft. Sie kreist um sich selbst, anstatt dem Drama zu dienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gr\u00f6\u00dfere Problem des Abends liegt aber im Gesang. Jost hat f\u00fcr alle Figuren kantable Legatolinien komponiert, die zu sch\u00f6n klingen, um wahr zu sein. Kartal Karagedik als Haydar, Rihab Chaieb als Meryem, Ivan Thirion als Lkw-Fahrer Matteo, Denzil Delaere als Mafioso Haci Baba, Julieth Lozano als \u00c4rztin \u2013 ob im versifften U-Bahnhof, in der Fahrerkabine oder in der Bar: Jede und jeder singt mit vollem Vibrato und sattem Ton. Keine Figur wird durch ihre Stimme charakterisiert. Und auch die extremen k\u00f6rperlichen und psychischen Belastungen dieser Flucht hinterlassen keine Spuren. Nur Ulysse Liechti als Mehmed Ali, den die Flucht das Leben kostet, hat mit seiner reinen, fragilen Knabenstimme einen besonderen Ton.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zweite Problem sind die vielen Videos, die entweder live gefilmt und direkt auf Leinwand \u00fcbertragen oder von echten Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6men eingeblendet werden. Das Meiste wird so doppelt und dreifach erz\u00e4hlt. Der Fokus, den diese Geschichte auf der Opernb\u00fchne br\u00e4uchte, ist dahin. Erst im dritten Akt in den schneebedeckten Alpen wird der Abend atmosph\u00e4risch dichter. Hier begleitet das Orchester mit Vibraphon, Streicherteppich und lyrischen Trompeten den Gesang. Nichts lenkt mehr ab vom eigentlichen, tragischen Geschehen. Auch die n\u00fcchterne Verh\u00f6rszene am Ende gelingt stimmig. Noch einmal sieht man die wogenden Maisfelder auf zwei Bildschirmen. Dann versiegt der Klangstrom.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Georg Rudiger<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eVoyage vers L\u2019Espoir\u201c (2023) \/\/ Oper von Christian Jost<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">Genf \/ Grand Th\u00e9\u00e2tre de Gen\u00e8ve (M\u00e4rz 2023)<\/span><\/br><br \/>\nChristian Josts Fl\u00fcchtlingsdrama \u201eVoyage vers L\u2019Espoir\u201c<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":8703,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,1675],"tags":[],"class_list":["post-8702","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2023-03"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Grand-Theatre-de-Geneve_Voyage-vers-LEspoir-c-Gregory-Batardon.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Grand-Theatre-de-Geneve_Voyage-vers-LEspoir-c-Gregory-Batardon.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Grand-Theatre-de-Geneve_Voyage-vers-LEspoir-c-Gregory-Batardon-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Grand-Theatre-de-Geneve_Voyage-vers-LEspoir-c-Gregory-Batardon-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Grand-Theatre-de-Geneve_Voyage-vers-LEspoir-c-Gregory-Batardon-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Grand-Theatre-de-Geneve_Voyage-vers-LEspoir-c-Gregory-Batardon-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"29. 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